Antisemitismus bei Labour Die dunkle Seite des roten Corbyn

Die britische Labour-Partei hat ein Antisemitismusproblem: Mitglieder berichteten von Beschimpfungen, Mobbing, Drohungen. Jeremy Corbyn soll dies mindestens geduldet haben und versucht erfolglos, das Thema zu verdrängen.
Labour-Chef Jeremy Corbyn: "Ich gebe zu, dass es ein echtes Problem gibt"

Labour-Chef Jeremy Corbyn: "Ich gebe zu, dass es ein echtes Problem gibt"

Foto: Ian Forsyth/Getty Images

Molly Bennets Stimme bekommt Jeremy Corbyn nicht. Sie könne den Labour-Chef nicht wählen, sagt die 86-Jährige aus der Grafschaft Hampshire. Weshalb nicht? Naja, weil Corbyn - "der rote Mann" - keine Juden möge. Und damit sei sie nicht einverstanden.

Von einem Kamerateam des Senders Sky News auf der Straße angesprochen, lieferte die Rentnerin aus Südengland jüngst eine spontane Kurzanalyse zu den verschiedenen Optionen bei der Parlamentswahl. Corbyns Gegner, der konservative Premierminister Boris Johnson, kam dabei zwar auch nicht gut weg: Er sei ein "Clown", der sich selbst die Haare schneide.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bennets Aussage über Corbyn aber wiegt um einiges schwerer. Den Antisemitismusvorwurf gegen den Labour-Chef gibt es schon länger. Corbyns Freunde bürgen zwar für ihn, er habe keine antisemitische Faser im Körper. Dennoch wurde das Thema auch im Wahlkampf zu einem Problem für Corbyn.

Er habe bei judenfeindlichen Vorfällen in seiner Partei weggeschaut, lautet der Mindestvorwurf. Corbyns Umgang mit dem Thema in den vergangenen Monaten und Jahren hat dazu geführt, dass nicht wenige Kritiker deutlich weiter gehen und den 70-jährigen Linken inzwischen selbst für einen Antisemiten halten.

Derzeit geht Großbritanniens Kommission für Gleichheit und Menschenrechte dem Vorwurf des institutionellen Antisemitismus in der Partei auf den Grund. 70 aktuelle und frühere Labour-Mitarbeiter berichteten dabei kürzlich von judenfeindlichen Vorfällen. Er sei bei einem Treffen unter anderem als "Kindermörder", "Zionistenabschaum" und "Tory-Jude" beschimpft worden, so einer der Mitarbeiter. Er allein schilderte insgesamt 22 antisemitische Anfeindungen, darunter die Aussage: "Hitler hatte recht."

Wenig später wurden Dokumente aus dem Disziplinarausschuss der Partei an die "Sunday Times"  durchgestochen. Darin findet sich unter anderem die Beschwerde eines Offiziellen, wonach es noch mehr als 130 ausstehende Fälle von Antisemitismus gebe, derer sich die Partei noch nicht angenommen habe. Und das, obwohl die meisten von ihnen schon vor eineinhalb Jahren gemeldet worden seien. Zudem taucht in den Unterlagen ein Fall auf, in dem die Partei zehn Monate gebraucht haben soll, um ein Mitglied auszuschließen, das eine "komplette Ausrottung aller Juden" gefordert habe.

Eine lange Liste an Vorwürfen

Und Corbyn? Hat inzwischen eingeräumt, dass seine Partei ein Problem mit Antisemitismus habe, und sich entschuldigt. Dennoch ist die Liste der Episoden, auf denen die Skepsis gegenüber dem Labour-Chef gründet, lang:

  • 2009 hatte er die israelfeindlichen Milizen Hamas und Hisbollah als "Freunde" bezeichnet. 2016 sagte er, er bedauere die Äußerung im Nachhinein.
  • Britische Zionisten "verstehen keine englische Ironie", sagte Corbyn 2013. Im vergangenen Sommer versprach er dann, künftig vorsichtiger bei der Verwendung des Wortes "Zionist" zu sein, weil Antisemiten es inzwischen als ein Codewort benutzten, mit dem Juden im Allgemeinen gemeint seien.
  • Sieben Labour-Abgeordnete verließen im Februar aus Protest gegen Corbyn die Partei. Hintergrund war dessen Haltung zum Brexit - aber auch der Umgang mit antisemitischen Tendenzen in der Partei. Unter ihnen war auch die jüdische Abgeordnete Luciana Berger. Sie soll über Jahre hinweg antisemitischen Drohungen innerhalb der Partei ausgesetzt gewesen sein. Die Anfeindungen hätten sie "physisch krank gemacht", sagte die Politikerin.
  • In einer Dokumentation der BBC wurde im Juli hochrangigen Parteimitgliedern vorgeworfen, Disziplinarmaßnahmen in Antisemitismusfällen innerhalb der Partei behindert, verschleppt und ein generell antijüdisches Klima geschaffen zu haben. Die Vorwürfe betrafen auch Mitglieder des Führungskreises um Corbyn. Sie sollen in die Untersuchungen eingegriffen haben, obwohl diese eigentlich unabhängig sein sollten. Corbyn sprach von "vielen Ungenauigkeiten" in der Dokumentation.
  • Im vergangenen August gab Corbyn zwar zu, dass seine Partei ein Problem mit Antisemitismus habe. "Ich gebe zu, dass es ein echtes Problem gibt, an dessen Lösung Labour arbeitet", sagte der Parteichef damals. Dennoch weigerte er sich in einem BBC-Interview  Ende November gleich mehrmals, sich für den Umgang mit antisemitischen Vorfällen in seiner Partei bei Großbritanniens jüdischer Gemeinde zu entschuldigen. Das tat er erst Tage später.
Demonstranten in London (März 2018): "Nein zu Antisemitismus"

Demonstranten in London (März 2018): "Nein zu Antisemitismus"

Foto: Jack Taylor/ Getty Images

Auch John McDonnell, Finanzminister in Corbyns Schattenkabinett, entschuldigte sich bei der jüdischen Gemeinde für "das Leid, das wir ihr zugefügt haben". Inzwischen habe die Partei alles ihr Mögliche getan, um das Problem anzugehen. Die Zahl der ausstehenden antisemitischen Vorfälle liege aber "deutlich unter" den gut 130, von denen die "Sunday Times" berichtet habe.

Traditionelle Verbündete wenden sich im Wahlkampf ab

Allen Entschuldigungen und Beteuerungen zum Trotz wandten sich im Wahlkampf einstige Verbündete von Labour ab. In einem Beitrag für den "Guardian"  legte Mike Katz, Chef des Jewish Labour Movement, vor Kurzem dar, weshalb seine Organisation, die der Partei traditionell nahesteht, diesmal keinen Wahlkampf für deren Vorsitzenden gemacht hat. "Unsere Mitglieder sind vor langer Zeit zu dem Schluss gekommen, dass Jeremy Corbyn für das Amt des Premierministers ungeeignet ist", schreibt Katz. Der Labour-Chef toleriere Antisemitismus und lasse jüdische Parteimitglieder im Stich.

Ebenfalls im "Guardian" veröffentlichte Mitte November eine Gruppe von 24 Künstlern, Intellektuellen und Prominenten - darunter der Schriftsteller John le Carré und die Schauspielerin Joanna Lumley - einen offenen Brief . Corbyn im Wahlkampf zu unterstützen, schreiben sie darin, hieße im Kampf gegen antijüdische Vorurteile zu kapitulieren. Sie könnten deshalb nicht für Labour stimmen.

Unter Großbritanniens rund 280.000 Juden ist Corbyn besonders unbeliebt. Einer Anfang des Jahres durchgeführten Umfrage  des Meinungsforschungsinstituts "Survation" zufolge halten 87 Prozent von ihnen den Labour-Vorsitzenden für einen Antisemiten. Auch in der Gesamtbevölkerung ist dieser Wert hoch: 39 Prozent (laut einer Umfrage  desselben Instituts aus dem vergangenen Jahr).

Das Antisemitismusproblem ist sicher ein Grund, weshalb Corbyn als derzeit unbeliebtester Politiker Großbritanniens gilt - und selbst bei jenen Wählern nicht punkten kann, die Boris Johnson für einen Clown halten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.