Großbritannien Erneut Antisemitismus-Vorwürfe gegen Labour-Chef Corbyn

Der britische Oberrabbiner greift Jeremy Corbyn öffentlich an: Er tue nicht genug gegen Antisemitismus in seiner Partei, sagt Ephraim Mirvis. Es ist ein Vorwurf, dem sich der Labour-Chef schon häufiger ausgesetzt sah.

Jeremy Corbyn: Antisemitismus "in jeder Form" ist "widerwärtig und falsch"
Peter Summers/Getty Images

Jeremy Corbyn: Antisemitismus "in jeder Form" ist "widerwärtig und falsch"


Diese Kritik kommt für Jeremy Corbyn äußerst ungelegen: Mitten im Wahlkampf wirft ihm der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis vor, nicht genügend gegen Antisemitismus in seiner Partei getan zu haben. "Ein neues Gift - gebilligt von der Spitze - hat sich in der Labour-Partei breit gemacht", schrieb Mirvis in einem Gastbeitrag für die Zeitung "Times". Es handle sich um ein "Führungsversagen", das die Frage aufwerfe, ob Corbyn für ein hohes Amt geeignet sei.

Corbyn hat Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn und seine Partei in der Vergangenheit wiederholt zurückgewiesen. Seit seiner Wahl zum Labour-Chef 2015 wurden diese immer wieder erhoben. Im Jahr 2018 räumte Corbyn ein, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien. Seit 2017 verließen laut "Times" 13 Abgeordnete die Labour-Partei, unter anderem kritisierten sie den Umgang mit antisemitischen Tendenzen in der größten Oppositionskraft.

Kritiker werfen Corbyn auch eine einseitige Unterstützung der Palästinenser im Nahostkonflikt vor. Noch bevor er Labour-Chef wurde, bezeichnete er laut britischen Medien die im Gazastreifen herrschende Hamas, die unter anderem auch von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, als "Freunde". Später bat er dafür um Entschuldigung.

Rabbiner: Britische Juden "von Angst gepackt"

"Die Art, wie die Parteiführung mit antijüdischem Rassismus umgegangen ist, ist mit den britischen Werten unvereinbar, auf die wir so stolz sind", schrieb Rabbiner Mirvis weiter. Britische Juden seien berechtigterweise "von Angst gepackt". Er forderte die Bürger des Landes dazu auf, bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember "mit ihrem Gewissen" zu wählen.

Die "Times" wertete Mirvis' Beitrag als einen "noch nie da gewesenen Eingriff in die Politik". Der Oberrabbiner selbst erklärte, es sei nicht seine Aufgabe, den Leuten zu sagen, wie sie wählen sollen. So kurz vor den Wahlen auf die wachsende Sorge vor Antisemitismus aufmerksam zu machen, sei "einer der schmerzhaftesten Momente" seiner Karriere.

Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, unterstützte die Sorgen des Oberrabbiners in einem Tweet, ohne dabei ausdrücklich Labour zu nennen.

Corbyn weist Vorwürfe zurück

Parteichef Corbyn reagierte auf die Vorwürfe, indem er Antisemitismus "in jeder Form" als "widerwärtig und falsch" verurteilte. Es gebe dafür im modernen Großbritannien keinen Platz, unter einer Labour-Regierung würde kein Antisemitismus toleriert. Die Partei habe ein schnelles und effektives System, um Meldungen von antisemitischen Vorfällen zu bearbeiten. Eine Labour-Sprecherin widersprach auch der Behauptung Mirvis', in der Partei würden "Tausende" antisemitische Anschuldigungen unbearbeitet bleiben.

Großbritanniens Premier Boris Johnson, der die Konservative Partei gegen Corbyn durch den Wahlkampf führt, nannte die Vorwürfe eine "sehr ernste Angelegenheit". Es handle sich "eindeutig um ein Führungsversagen des Labour-Vorsitzenden, der nicht in der Lage war, diesen Virus in seiner Partei auszumerzen", sagte Johnson.

Wegen mehrerer Beschwerden innerhalb der Labour-Partei prüft derzeit eine Kommission für Menschenrechte (EHRC), ob Labour "Menschen, weil sie Juden sind, unrechtmäßig diskriminiert, belästigt oder schikaniert" hat, berichtete die Nachrichtenagentur PA.

John Bercow nimmt Corbyn in Schutz

Der vorige Präsident des Unterhauses, John Bercow, verteidigte Corbyn hingegen gegen Antisemitismus-Vorwürfe. Bercow ist selbst Jude und sagte im November in einem Interview mit dem britischen "GQ"-Magazin: "Ich glaube nicht, dass Jeremy Corbyn antisemitisch ist. Das ist mein ehrlicher Eindruck." Er kenne Corbyn seit 22 Jahren aus dem Parlament und habe bei ihm nie auch nur den Hauch von Antisemitismus erkannt, sagte Bercow. Die Labour-Partei müsse das "große Thema" aber angehen.

mes/dpa/Reuters



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