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05. November 2014, 18:49 Uhr

Gewalt in Jerusalem

Furcht vor der dritten Intifada

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Jerusalem kommt nicht zur Ruhe: Das dritte Attentat innerhalb von zwei Wochen erschüttert die Stadt, täglich kommt es zu Protesten. Noch scheut sich Israel, von "Intifada" zu sprechen. Aber der Aufstand hat wohl schon begonnen.

Wieder war der Täter ein Palästinenser aus Ostjerusalem. Er nutzte sein Auto als Waffe und raste am Mittwoch in eine Menschenmenge, mit der Absicht zu töten. Ein Mensch kam ums Leben, mindestens 13 wurden verletzt. Mehrere sind noch in Lebensgefahr.

Es ist der dritte Mittwoch in Folge, an dem es in Jerusalem einen Anschlag gab. Vergangene Woche wurde ein radikaler Rabbiner niedergeschossen. In der Woche zuvor starben zwei Menschen bei einer Autoattacke. Mehrere wurden verletzt.

Jerusalem steht im Zentrum eines Aufstands. Die Anschlagsserie ist Teil einer Entwicklung, die im Sommer begonnen hat und die Stadt zunehmend erschüttert. Die Intensität der Auseinandersetzung nimmt zu, und auch die Zahl der Protestierenden steigt.

Seit vier Monaten kommt es nahezu täglich zu Zusammenstößen zwischen jungen Männern aus Ostjerusalem und der israelischen Polizei. Obwohl Hunderte von ihnen verhaftet wurden, ist bisher kein Ende erkennbar. An diesem Mittwochmorgen wurde vorübergehend der Tempelberg gesperrt - schon wieder. Vergangenen Donnerstag war das Gelände erstmals seit Jahren abgeriegelt worden, weil Krawalle befürchtet wurden.

Viele Palästinenser fürchten um Ost-Jerusalem

Die Autoattacken, der Mordanschlag, die Proteste - immer geht es um Jerusalem, den Ostteil der Stadt, der nach internationalem Recht den Palästinensern gehört und Hauptstadt Palästinas werden soll. Doch seit Jahren müssen die Palästinenser zusehen, wie die israelischen Siedlungen im Ostteil der Stadt wachsen. Vom Westjordanland ist Ostjerusalem durch eine israelische Sperranlage abgeschnitten, was die Wirtschaft Ostjerusalems leiden lässt.

Die Anschlagsziele zeigen, worum es den Attentätern geht: Die Auto-Attacken galten Menschenmengen an Haltestellen der Jerusalemer Straßenbahn nahe der unsichtbaren "Grünen Grenze", die Jerusalem in West und Ost teilt. Die Straßenbahn verbindet den Westen mit den jüdischen Siedlungen im Osten. Von vielen Palästinensern wird die Bahn als Versuch empfunden, ihnen den Osten der Stadt wegzunehmen.

Beim Attentat auf den fundamentalistischen Rabbiner Jehuda Glick, der noch im Krankenhaus liegt, gab es einen ähnlichen Hintergrund: Glick ist in Israel und Palästina vor allem als politischer Aktivist bekannt. Sein erklärtes Ziel ist es, den Zugang von Juden zum Tempelberg auszuweiten. Palästinenser interpretieren dies als Versuch, ihnen den Berg wegzunehmen, der für Juden wie Muslime zu den heiligen Stätten gehört.

Die dritte Intifada könnte längst begonnen haben

Der Tempelberg steht wie kein anderer Ort für den Streit zwischen Israelis und Palästinensern um dasselbe Stück Land. Die heilige Stätte befindet sich im Ostteil Jerusalems, also dem Gebiet, das seit 1967 von Israel besetzt wird.

Im Jahre 2000 löste der Besuch des Ex-Premierministers Ariel Scharon - damals Oppositionsführer - mit einer Eskorte von über 1000 israelischen Polizisten die zweite Intifada aus. Scharon sagte damals, der Tempelberg werde auf ewig unter israelischer Kontrolle bleiben.

Jetzt macht das Wort "Intifada", Arabisch für Aufstand, wieder die Runde. Für die Israelis ist die zweite Intifada mit einem fünfjährigen Trauma verbunden, mit der Erinnerung an Gewalt, Terror, Chaos und Tausende Tote. Daher überrascht es nicht, dass viele bisher vor dem Begriff einer dritten Intifada noch zurückschrecken.

Dies bedeutet auch: Erst im Rückblick wird man feststellen können, ob die vergangenen Monate der Beginn einer solchen Eskalation waren oder nicht. Die dritte Intifada hat vielleicht längst begonnen. Sie würde wohl anders aussehen als die vorangegangenen: Bombenanschläge wie in der Vergangenheit sind bei der heutigen verbesserten Sicherheitslage Israels kaum vorstellbar. Abzuwarten bleibt, ob die jungen Palästinenser Ostjerusalems ihre Proteste weitere Monate aufrechterhalten können. Israels Polizei könnte den längeren Atem haben.

Bis auf wenige Ausnahmen sprechen Israels Journalisten lieber vermeintlich neutraler von einer "stillen Intifada" für das, was sich seit Juni entwickelt. Doch nun, nach dem dritten Anschlag und weiter zunehmenden Protesten, stellt sich die Frage, was daran noch still sein soll.

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