Neue US-Botschaft in Jerusalem, Blutvergießen in Gaza Ein schwerer Tag

Israel und die USA feiern die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, währenddessen eskaliert im Gazastreifen die Gewalt, Dutzende Menschen sterben. Auch Szenen aus der Stadt zeigen, wie stark der Hass ist.
Israelische Sicherheitskräfte, Palästinenser in Jerusalem

Israelische Sicherheitskräfte, Palästinenser in Jerusalem

Foto: Eyal Warshavsky/ AP

Zwei Frauen, die eine blond, die andere mit Kopftuch, schreien sich an, voller Hass: Eine schwenkt die israelische Flagge, die andere die palästinensische. Bis ein Jugendlicher der Israelin die Fahne entreißt, sie in die Menge wirft.

Hunderte Menschen haben sich im Jerusalemer Stadtteil Arnona versammelt, wenige Dutzend Meter entfernt von dem Ort, wo an diesem Montag die US-Botschaft in Jerusalem eingeweiht wird.

Es ist eine unübersichtliche Gruppe, die nur eines eint: Sie sind gegen die Politik von US-Präsident Trump und die Verlegung der diplomatischen Vertretung von Tel Aviv nach Jerusalem. (Mehr Hintergründe zum Streit über die Botschaft hier). Israelische Linke sind dabei, Friedensaktivisten, israelisch-arabische Knesset-Abgeordnete, religiöse Anführer; auch gemäßigte Palästinenser und Radikale sind unter den Demonstranten. Sie halten Transparente mit Aufschriften wie "Jerusalem is the capital of Palestine" oder "Jerusalem is for the people not the state" oder "Make America small again".

Die Gruppe ist nicht groß, aber sie wird von vielen Sicherheitskräften in Schach gehalten. Immer wieder kommt es zu Tumulten, einzelne Demonstranten werden abgeführt. In der Folge drängt die israelische Polizei die Protestler weiter zurück, stellt die Absperrgitter dichter um sie herum. Plötzlich werden mehrere palästinensische Flaggen in die Luft gereckt, doch kurz darauf sind sie nicht mehr zu sehen. Berichten zufolge wurden sie konfisziert, weil sie bereits im Vorfeld verboten wurden und die Demonstranten gewalttätige Parolen gerufen hätten. Es gibt Festnahmen.

Die Stimmung ist aufgeheizt, für die Demonstranten sind die Fronten klar: Eine palästinensische Anwältin aus Haifa, eine Frau um die fünfzig, perfekt geschminkt, ohne Kopftuch, spricht mit Abscheu von den israelischen Polizisten. Sie seien allesamt Wilde. Sie selbst sei auf den Boden geworfen worden, obwohl sie nur friedlich demonstriert habe. "Damit das klar ist, sie sind alle Wilde." Trump habe Israel belohnt für 51 Jahre Besatzung, sagt sie. "Ein schwerer Tag ist das heute hier", sagt ein linker israelischer Aktivist, die Demonstranten würden zu hart angegangen. Eine junge Frau mit Kopftuch steht am Rand: "Es gibt kein Israel", sagt sie, voller Hass. "Nur ein Land: Palästina."

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Neue US-Botschaft in Jerusalem: Das Pulverfass

Foto: RONEN ZVULUN/ REUTERS

Immer wieder mischen sich unter die Demonstranten Befürworter des Botschaftsumzugs und der israelischen Regierung. Eine Israelin beschimpft die Gruppe als "dreckig". Von einem Balkon, der mit einer israelischen Flagge dekoriert ist, spritzt ein Mann Wasser mit einem Gartenschlauch auf die Protestierenden.

Mit Kameras haben sich mehrere orthodoxe Juden auf einer Mauer postiert, sie filmen die Tumulte. Er würde gern in die Antibotschaftdemonstration reingehen und "das Ganze auseinandernehmen", sagt ein Mann. Eine Bewohnerin des Stadtteils, die das Geschehen beobachtet, meint, es sei ihr vollkommen egal, was die Hauptstadt eines möglichen künftigen palästinensischen Staates sei. Jerusalem jedenfalls gehöre Israel und zwar ganz. "Die Demonstranten sollten sich glücklich schätzen, dass sie in einer Demokratie leben und überhaupt demonstrieren können. Wir Israelis könnten das in den palästinensischen Gebieten nicht."

Jerusalem

Es sind auch viele Trump-Fans gekommen in den Stadtteil Arnona, wo mehrere Häuser mit riesigen Bannern geschmückt sind: "God bless President Trump" steht darauf.

Anwohner in Arnona (Foto vom Vortag der Botschaftseröffnung)

Anwohner in Arnona (Foto vom Vortag der Botschaftseröffnung)

Foto: ABIR SULTAN/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Rund fünfzig Meter von den Gegendemonstranten entfernt singen sie die amerikanische Nationalhymne, USA-Rufe erschallen und um Punkt 16 Uhr eine Sirene.

Denn genau jetzt wird einen Hügel weiter die US-Botschaft eingeweiht. Dass die USA 70 Jahre nach Israels Gründung endlich Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hätten, sei "dem Mut einer Person" zu verdanken, so Premier Benjamin Netanyahu. Trump habe, indem er die Geschichte anerkannt habe, Geschichte geschrieben. Ein großer Tag für Israel, ein großer Tag für die Partnerschaft mit den USA sei das, aber er glaube auch "ein großartiger Tag für den Frieden", sagte Netanyahu. Denn Frieden könne nicht auf einer Lüge basieren. Und die Wahrheit sei, dass Jerusalem schon immer die Hauptstadt Israels war und immer sein werde.

Benjamin Netanyahu

Benjamin Netanyahu

Foto: RONEN ZVULUN/ REUTERS

Als Netanyahu diese Worte sagt, sind bei Massenprotesten im Gazastreifen bereits viele Tote zu zählen, Tausende Verletzte. Israelische Soldaten haben nach palästinensischen Angaben mehr als 50 Menschen erschossen, die sich - trotz Warnungen der Israelis - der Grenze näherten.

Unter den Opfern sind laut israelischer Darstellung Terroristen. Drei der Erschossenen hätten versucht, an der Grenzanlage Sprengsätze anzubringen, zwei weitere hätten auf israelische Soldaten geschossen. Über die Identität der übrigen Toten gibt es nur wenige Angaben: Angeblich sind auch ein 14-Jähriger sowie ein Rollstuhlfahrer ums Leben gekommen.

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Eröffnung der US-Botschaft: Feier in Jerusalem, Tote im Gazastreifen

Foto: Dawoud Abo Alkas/ dpa

Es ist damit der blutigste Tag im Gazastreifen seit 2014. Seit März demonstrieren jeden Freitag am Gazastreifen Zehntausende, seit März gibt es immer wieder Tote. Ursprünglich sollte der Höhepunkt des "Marsches der Rückkehr" auf den 15. Mai fallen, den "Nakba"-Tag, an dem die Palästinenser der Flucht und Vertreibung Hunderttausender Palästinenser rund um die Staatsgründung Israels gedenken. Nun aber ist schon der Tag der Botschaftseröffnung ein schrecklicher Gipfel der Gewalt. Ausschreitungen mit mehreren Verletzten gab es auch im Westjordanland.

Video: US-Botschaft in Jerusalem eröffnet

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Bei der Botschaftseröffnung kommentierte Trumps Chefberater und Schwiegersohn Jared Kushner die Ereignisse in Gaza: "Diejenigen, die Gewalt provozieren, sind Teil des Problems, nicht Teil der Lösung." Israels Minister für Öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, sagte nach Angaben der Zeitung "Haaretz"  zu der hohen Zahl der Toten: Diese besage gar nichts - "genauso wenig wie die Zahl der im Weltkrieg getöteten Nazis den Nationalsozialismus zu etwas gemacht hätte, was man erklären oder verstehen kann. Es gibt eine Wahrheit" - die Hamas sei schuld am Blutvergießen.

Die palästinensische PLO kündigte derweil in den palästinensischen Gebieten für Dienstag einen Streik an, um der "Märtyrer" zu gedenken.

Was sagen die Menschen in Jerusalem zu den Ereignissen in Gaza? "Die Toten sind zweifelsfrei selbst schuld", sagt eine Frau. "Die Menschen sind unschuldig, sie wollen nur Freiheit", sagt eine andere. Beide sind Israelinnen.

Video: Dutzende Tote bei Palästinenser-Protesten

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