Fotostrecke

Jesiden-Vertreter im Irak: "Die Dschihadisten wollen uns ausrotten"

Foto: SAFIN HAMED/ AFP

Jesiden-Vertreter im Irak "Die Dschihadisten wollen uns ausrotten"

Bis zu 100.000 Jesiden im Nordirak sind auf der Flucht vor Kämpfern der Terrororganisation "Islamischer Staat". Mirza Dinnayi, ein Vertreter der Minderheit, fleht im Interview um internationale Militärhilfe.

Der Angriff der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Wochenende auf mehrere Städte im Nordirak kam unerwartet. Nun sind bis zu 100.000 Jesiden, kurdischsprachige Iraker und Anhänger einer monotheistischen Religion, auf der Flucht. Die Milizen halten sie für "Teufelsanbeter" und drohen ihnen mit Hinrichtungen. Aus dem nordirakischen Erbil warnt Mirza Dinnayi, selbst ein Jeside und Berater der kurdischen Autonomieregierung, dass den Flüchtlingen der sichere Tod drohe, wenn ihnen nicht sehr bald geholfen werde. Im Gespräch bricht er immer wieder in Tränen aus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dinnayi, was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um den Menschen im Gebirge zu helfen?

Dinnayi: Die Lage ist schrecklich. Seit dem Wochenende harren sie bei tagsüber 40 Grad aus, ohne Wasser, ohne Lebensmittel. Nach meinen Informationen sind mehrere Hundert von ihnen bereits gestorben, darunter etwa 300 Kinder. Die Überlebenden können nicht zurück nach Hause, weil dort die Dschihadisten sind und jeden töten, der herunterkommt. Wir brauchen unbedingt internationale Militärhilfe.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern einen internationalen Truppeneinsatz?

Zur Person

Mirza Dinnayi, 40, ist selbst Jeside, lebt in Hannover und arbeitet unter anderem als Berater der kurdischen Regionalregierung im Nordirak. Er war Berater des ehemaligen irakischen Präsidenten Jalal Talabani.

Dinnayi: Es geht mir darum, dass schnellstmöglich ein Weg freigemacht wird, damit die Menschen sicher aus den Bergen entkommen können. Wenn das nicht geschieht, droht ein Genozid. Das Volk der Jesiden, von denen es im Irak etwa 320.000 gibt, wird bald nicht mehr existieren, wenn uns niemand hilft. Die Dschihadisten wollen uns ausrotten.

SPIEGEL ONLINE: Wohin sollen die Menschen dann gehen?

Dinnayi: Manche flüchten nach Syrien oder in die Türkei. Wir haben in der Region aber auch 28 Flüchtlingscamps. Doch auch hier fehlt es an Lebensmitteln und Wasser. Allein in den Lagern sind in den vergangenen Tagen 30 Kinder gestorben, sie sind verdurstet oder verhungert.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt keine humanitäre Hilfe?

Dinnayi: Überlebende berichten, dass kaum etwas ankommt. Die Uno wirft zwar Pakete mit Lebensmitteln ab. Aber das geschieht nicht selten an Stellen, wo niemand hingelangt. Außerdem ist es viel zu wenig. Und die Regierung in Bagdad steht derzeit selber unter großem Druck. Von dort können wir keine Hilfe erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Würde man einen Weg von den Bergen freischießen, wären die Extremisten aber längst nicht besiegt.

Dinnayi: Ich glaube nicht, dass IS so stark ist, wie viele vermuten. Aber die Terrormilizen agieren äußerst brutal. Heute Morgen kamen sie zum Beispiel in das Dorf Dehola, in der Region Sindschar. Sie fanden nur noch 20 alte Leute vor, die nicht mehr in der Lage waren, ihre Familien auf der Flucht zu begleiten. Die IS-Leute forderten sie auf, sofort zu konvertieren. Als die Menschen sich weigerten, wurden sie auf der Stelle erschossen. Das ist eine ethnische Säuberung.