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Video aus dem Nordirak EU-Politiker filmt dramatischen Hilfsflug für Jesiden

Ein österreichischer EU-Abgeordneter hat einen Hilfsflug für Jesiden im Nordirak begleitet. Seine Aufnahmen vom Berg Sindschar sind erschütternd.

Hamburg - Es ist eine gewagte Mission, auf die der österreichische Grünen-Politiker Michel Reimon aufgebrochen ist. Im Nordirak begleitete er einen Hilfsflug für Jesiden, von denen Tausende auf dem Berg Sindschar von der Dschihadisten-Milizen "Islamischer Staat" (IS) eingekesselt sind.

Reimon , der früher als Journalist arbeitete und nun im Europaparlament sitzt, filmte dabei mit Kompaktkamera und Smartphone. Dann stellte er einen Film bei YouTube ein.

Seine Aufnahmen sind erschütternd. Sie zeigen unter anderem, wie verzweifelt Dutzende Menschen versuchen, an Bord des Hubschraubers zu klettern. "Die Jesiden sitzen in einer Todesfalle", sagt Reimon am Telefon zu SPIEGEL ONLINE. "Es sind 45 Grad in der Sonne, es verdursten jeden Tag Menschen." Der Flug selbst fand bereits am Sonntag statt, nun verbreitet sich das Video im Netz.

Es kursieren mittlerweile auch andere Clips von diesen Hilfsflügen, aber besonders aufschlussreich ist Reimons knapp 15-minütiges Video, in dem man ihn von Arbil nach Sindschar aufbrechen sieht. Irakische Soldaten werfen Wasser, Essenspakete, Medikamente über dem Berg ab, auf dem immer noch mehr als zehntausend Jesiden ausharren.

Manche klammern sich an den abhebenden Hubschrauber

Bei einer ersten Landung stürmen Dutzende auf die offene Ladefläche des Helikopters zu. Die Soldaten versuchen die Klappe rasch zu schließen, nehmen zunächst nur eine Frau und einen Mann auf. Danach quetschen sich weitere Frauen, Männer, Kinder durch die Seitentür des Hubschraubers. Einige schaffen es an Bord, viele nicht. Manche klammern sich an den abhebenden Hubschrauber. Diejenigen, die entkommen, sitzen apathisch an Bord.

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Auf dem Hin- und Rückweg feuern die Soldaten mehrfach aus den Seitentüren, offenbar auf IS-Stellungen. "Wir wurden vom Boden beschossen", erzählt Reimon.

Wie gefährlich die Hilfsflüge sind, zeigte sich am Dienstag, als ein Militärhubschrauber abstürzte. Offenbar waren zu viele Menschen an Bord gedrängt. Die Maschine sei zu schwer gewesen und habe deshalb einen Berg touchiert, erklärte die Armee. Der Pilot starb.

Reimon erzählt, bei der verunglückten Maschine habe es sich um einen der zwei Hubschrauber gehandelt, mit denen er am Sonntag unterwegs gewesen war. Am Dienstag reiste eine US-Journalistin mit, sie erlitt Verletzungen. Auch auf Reimons Flug war ein Journalist anwesend.

Reimon wehrt sich gegen Kritik

Jetzt, wo das Video seinen Weg durch die sozialen Netzwerke macht, gibt es auch Kritik daran, dass Politiker wie Reimon und Journalisten an Bord Plätze besetzen, auf denen sonst womöglich mehr Jesiden gerettet werden könnten.

Reimon verteidigt seinen Flug. "Man muss Aufmerksamkeit für die dramatische Lage im Nordirak legen", sagt er. Was ihm mit dem Video gelungen ist. Drei Tage lang hat er auch Gespräche mit Politikern vor Ort geführt. Nun will er sich auf den Rückweg machen.

Der 43-Jährige sitzt erst seit dem Sommer im Europaparlament. Dort ist er in einer Delegation für Kontakte in den arabischen Raum, also auch für den Irak. Das betont er auch, um seine Mission zu rechtfertigen.

Er spricht von einem Völkermord. "Die Versorgung aus der Luft wird nicht reichen, die Iraker sind damit überfordert."

Sein Fazit der Gespräche mit Kurden sei, dass die sich unbedingt eigenständig gegen die IS-Milizen verteidigen wollen. Brauchen sie dafür Waffen? Reimon hat die deutsche Debatte um mögliche Lieferungen verfolgt. Er wolle dem Nachbarland keine Ratschläge erteilen, betont er. Aber: "Ich hätte Verständnis dafür, wenn Deutschland eingreift."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.