Mord an Jo Cox Brexit-Gegner setzen Wahlkampf bis Montag aus

Großbritannien steht nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox unter Schock. Der Brexit-Wahlkampf ruht, Spitzenpolitiker rufen zum zivilisierten Umgang miteinander auf.

Gedenken an Jo Cox
REUTERS

Gedenken an Jo Cox


Nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox setzen die Gegner des britischen EU-Austritts (Brexit) ihre Kampagnen weiter aus. Die Labour-Partei kündigte an, bis Montag alle Wahlkampfaktivitäten abzusagen. Die "Stronger In"-Kampagne will mindestens bis Samstag pausieren.

Cox war am Donnerstag nach einer Bürgersprechstunde in Leeds auf offener Straße niedergeschossen worden und später ihren schweren Verletzungen erlegen. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen, sein Motiv ist noch unklar. Er soll Kontakte zu Neonazis gehabt haben. Die Abgeordnete hatte sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU eingesetzt. Die Briten stimmen am 23. Juni über den Verbleib in der EU ab.

Am Freitag wehten in London die Flaggen auf Halbmast. Premierminister David Cameron bezeichnete den Mord als Tragödie. "Wir haben einen großen Star verloren", sagte der Konservative. Cox sei eine fantastische Wahlkämpferin gewesen, mit viel Mitgefühl und einem großen Herzen. Cameron rief zu mehr Toleranz auf: "Wo wir Hass sehen, wo wir Spaltung sehen, wo wir Intoleranz sehen, müssen wir sie zurückdrängen."

Auch Kanzlerin Merkel warnte vor einer Radikalisierung. "Ich glaube, dass die Lehre ganz allgemein daraus sein muss, dass wir einander mit Respekt begegnen müssen, auch wenn wir unterschiedliche politische Auffassungen haben", sagte sie am Freitag in Berlin. Die Radikalisierung der Sprache trage nicht dazu bei, den gegenseitigen Respekt zu fördern.

Alle, die demokratische Spielregeln schätzten, seien aufgerufen, in der Wahl ihrer Sprache und Argumente Grenzen zu ziehen und Andersdenkenden und auch "Andersglaubenden, Anderslebenden, Andersliebenden" mit Respekt gegenüberzutreten. "Sonst wird die Radikalisierung sicherlich nicht aufzuhalten sein", mahnte Merkel. "Politik kann nicht alles lösen, aber Politik kann einen Beitrag dazu leisten, in welcher Art und Weise die Auseinandersetzungen geführt werden." Der schreckliche Mord an Cox sei eine Mahnung, dies überall und immer zu beherzigen.

Vor dem Parlamentsgebäude in London wurden Blumen für Cox niedergelegt und Kerzen aufgestellt. Auf die Veröffentlichung neuer Umfragen wurde in Großbritannien vorerst verzichtet - dennoch blieb der mögliche EU-Austritt ein Thema. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sagte bei einer Pressekonferenz in Russland, er rechne bei einem Brexit mit Spannungen am Finanzmarkt.

Diese würden kurzfristig die EU, aber vor allem Großbritannien selbst treffen. Einen Weg zurück in die EU sieht er nicht: "Wenn Großbritannien geht, wird es für immer sein." Er erwarte aber, dass sich die Briten für einen Verbleib in der EU entscheiden. So oder so müsse sich die EU 2017 neu erfinden. Gelinge ihr das nicht, sei sie am Ende, sagte Renzi.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz zeigte sich angesichts der Mords an Cox schockiert und forderte in der "Passauer Neuen Presse" eine Versachlichung der Debatte.

brk/dpa/Reuters



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
viceman 17.06.2016
1. dieser schlimme mord
scheint, wie bestellt , für die brexit-gegner. damit könnten cameron & konsorten noch das ruder herumreissen. solch einen 'knaller'brauchten diese leute, weil die leave-stimmen schon die überhand hatten...
alter_nativlos 17.06.2016
2.
Das glaubt Herr Renzi nicht im Ernst! Mit der gleichen Gewissheit, mit der für Griechenland ein Rettungspaket nach dem anderen geschnürt wird, wird man auch GB den Rückweg eröffnen; zu noch einmal günstigeren Bedingungen! der dumme Michel zahlt weiter!
r-bolter 17.06.2016
3. Mitschuld der britischen Medien
In England sind die Medien genau so entfesselt wie der Kapitalismus. Die Menschen werden weniger durch Aussagen von Politiker beeinflusst, sondern durch ein tägliches Trommelfeuer vieler Medien. Die meisten stehen dem übertriebenen BILD-Stil nahe. Sie gehören wenigen "Bonzen" und sehen sich nicht als neutrale Berichterstatter, sondern als aggressiver Teil der Politik, sie machen Politik und schüren den Hass. Und: Sie nehmen sich das Recht, zu lügen und zu fälschen (offiziell "Spinning" genannt). Die Journalisten kennen keinen Datenschutz und hacken sich in Telefone von Verbrechens-Opfern oder Politikern. In diesem medialen Klima des kann es leicht passieren, dass labile Persönlichkeiten die dramatischen Worte der Medien in aggressive Tataen umsetzen ...
rosenrot367 17.06.2016
4. Mal nixxxxx sagen, Herr Schulz
Hätte mich auch gewundert, wenn Martin Schulz mal die Klappe gehalten hätte. Er soll sich mal selber an die Nase fassen und reflektieren, was er alles in diesem Wahlkampf von sich gegeben hat und die Debatte noch weiter angefeuert hat.
stefan.putt 17.06.2016
5.
Hoffentlich kommt keine Neue Ukraine. Bei ein Brexit war das der Ende von U.K. Was bleibt für die das in der EU bleiben möchte? Warum dürfen Briten in der EU nicht mal über Ihre eigene Zukunft abstimmen? Referendum sollte für alle Briten gelten. Ich möchte auch abstimmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.