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Jobsuche statt Demokratie Ägypten ist die Revolution leid

Aufstand? Ohne uns. Ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung ist das Aufbegehren leid. Die Mittelschicht sehnt sich nach Ruhe, Ordnung und vor allem Arbeit. Die Menschen vertrauen wie früher auf das Militär - das brutale Vorgehen der Soldaten gegen koptische Demonstranten scheint vergessen.
Von Stefan Müller
Junges Paar in Kairo: Lieber einen Arbeitsplatz statt Demokratie?

Junges Paar in Kairo: Lieber einen Arbeitsplatz statt Demokratie?

Foto: Peter Macdiarmid/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Karim Farag verdreht genervt die Augen. Der 29-Jährige sitzt in einem Kaffeehaus im Kairoer Stadtteil Dokki. "Ich kann das Gerede von Demokratie und all die abstrakten Phrasen nicht mehr hören", sagt er und schlägt mit der Faust auf den Tisch. "Diese Söhne und Töchter reicher Eltern reden bei Latte Macchiato über Demokratie. Ich brauche keine Demokratie. Ich brauche Arbeit!"

Arbeit hatte der studierte Anglist vor dem Sturz Husni Mubaraks noch, als Hotelangestellter in der Touristenhochburg Hurghada am Roten Meer. Nun ist er wieder daheim eingezogen, in Sadat-City, einer trostlosen Trabantenstadt an der Wüstenautobahn Kairo-Alexandria, und verdient "mal hier, mal dort" ein bisschen was. Momentan bei seinem Vater, der ein Import-Export-Geschäft für Früchte betreibt "und selbst kaum über die Runden kommt".

Die Aktivistenszene, meint Farag, verstehe die Sorgen und Ängste der normalen Ägypter nicht. Das könne nur die Armee, "schließlich ist das Volk die Armee", sagt er und wiederholt damit den Slogan der Revolutionstage. Viele Ägypter aus der Mittelschicht denken mittlerweile so wie er - trotz des Blutbades vom 9. Oktober, bei dem das Militär gegen christliche Demonstranten brutal vorging, es mehr als zwei Dutzend Tote und Hunderte Verletzte gab.

40 Prozent der Ägypter leben unterhalb der Armutsgrenze

Dieser Tag hat sich bereits jetzt ins kollektive Gedächtnis der koptischen Minderheit eingebrannt. Auch bei Mary Sherif, Anfang 20, Studentin der Wirtschaftswissenschaften - und Koptin. Sie erzählt von den Plänen ihrer Eltern, die in die USA auswandern wollen, während wenige Meter entfernt auf dem Campus der Cairo-University Anhänger der Muslimbruderschaft zum diskreten Plausch unter Palmen bitten. Salafisten der Nur-Partei, Anhänger eines radikalen Retro-Islams, haben einen kleinen Infostand aufgebaut.

Sherif und ihre Eltern wären nicht die ersten Christen, die Ägypten in diesem Jahr verlassen. Seit März 2011 sind nach Angaben der ägyptischen Sektion der Menschenrechtsorganisation Federation of Human Rights 93.000 Kopten aus dem Land geflüchtet, bis Ende des Jahres, so die Prognose, könnten es 250.000 sein. Mary Sherif will nicht dazu gehören. "Wir Christen durchleben eine sehr schwere Zeit", sagt sie. Ägypten zu verlassen käme für Sherif aber trotzdem nicht in Frage, "stattdessen", sagt sie und lacht dabei verlegen, "will ich hier bleiben, meinen Traum erfüllen und irgendwann Wirtschaftsministerin werden", auch wenn das natürlich keine leichte Aufgabe sei.

Mary Sherif untertreibt.

40 Prozent der Ägypter leben unterhalb der Armutsgrenze von zwölf Ägyptischen Pfund am Tag, umgerechnet nicht einmal 1,50 Euro. Das reicht kaum zum Überleben. Seit Januar dieses Jahres sind die Lebensmittelpreise um astronomische 80 Prozent gestiegen. Ein Kilo Zucker kostet nun sieben Pfund, also knapp 90 Cent.

"Die Jugendlichen haben ein Wunder vollbracht"

Aber nicht nur für die Tagelöhner, Bauern und Wanderarbeiter ist nach dem vermeintlich alles verändernden 11. Februar, dem Tag als Mubarak gestürzt wurde, alles beim Alten geblieben. Auch Angestellte und Akademiker leben weiterhin von der Hand in den Mund. Der Nettomonatslohn eines Lehrers an einer staatlichen Schule beläuft sich auf umgerechnet 35 Euro. Um ihre Familien ernähren zu können, geben viele von ihnen Ausländern zusätzlich Privatunterricht.

Einer von diesen Lehrern ist Abdul Rahman al-Mansour, glücklich verheiratet, wie er sagt, und Vater von drei Kindern. Er sitzt auf dem Balkon seiner Wohnung in Mohandessin, einem der besseren Viertel in Kairo, und blickt auf die Straße, in der er schon als Kind gespielt hat. Wie lange der 47-Jährige, der mit seinen eingefallenen Wangen und dunklen Augenringen wesentlich älter aussieht, dort noch leben kann, weiß er nicht. "Vor der Revolution hatte ich mindestens fünf Sprachschüler, aus Deutschland, den USA, England. Jetzt unterrichte ich noch einen einzigen", klagt Mansour.

Die Miete könne er mit erspartem Geld gerade noch zahlen, seinen ältesten Sohn Muhammad im nächsten Jahr aber nicht an die Universität schicken, die notwendigen 8000 Ägyptischen Pfund pro Semester seien unbezahlbar. Schuld an der Misere sind auch für ihn die Aktivisten vom Tahrir-Platz. "Die Jugendlichen", sagt er und zündet sich an seiner aufgerauchten Zigarette die nächste an, "haben ein Wunder vollbracht. Dass Husni Mubarak und sein korrupter Sohn Gamal nicht mehr unser Land ausrauben, ist ihr Verdienst."

Wird es nach den Wahlen Demokratie geben?

Nun aber, mahnt der Pädagoge, "muss die Jugend wieder zur Vernunft zurückkehren, dem herrschenden Militärrat vertrauen und ihm Zeit geben". Denn nur der, davon ist Mansour überzeugt, sorgt für Sicherheit, Stabilität und Ordnung im Land - die Grundvoraussetzung dafür, dass wieder Touristen und Sprachstudenten nach Ägypten kommen und er sein staatliches Salär aufbessern kann.

Azza Moghazy hat für seine Sichtweise Verständnis. Die zierliche 28-Jährige sitzt auf einem blauen Holzstuhl in einem Restaurant wenige Meter vom Tahrir-Platz entfernt, wo ihr Bruder während der Revolution erstochen wurde. "Die Masse der Ägypter glaubt, was sie glauben will, und vertraut dem Militär, das seit 1952 de facto ununterbrochen an der Macht ist", sagt die Journalistin, die für die größte unabhängige Tageszeitung im Land "al-Masry al-Youm" schreibt, aber beim staatlichen Fernsehen und der halbamtlichen Tageszeitung "al-Ahram" ausgebildet wurde. Moghazy kennt die Mechanismen und Methoden dort.

Sobald die Aktivistenszene die Aufhebung der Notstandsgesetzgebung fordere, erscheine in den Abendnachrichten ein Militärangehöriger - und erkläre, "alles geschieht zum Wohle der Nation", erklärt Moghazy und nennt dieses Verhalten "einen perfiden Plan, um die Leute zu verunsichern". Das einzige Mittel, das der Aktivistenszene zur Verfügung stehe, um der Staatsmacht etwas entgegenzusetzen und die eigenen abstrakten Forderungen konkret an Beispielen zu erklären, seien Twitter, YouTube und Facebook. "Aber auch die sind kein Allheilmittel", sagt sie. Lediglich 21 der 82 Millionen Ägypter haben Internetzugang, nur sieben Millionen nutzen Facebook.

Deshalb fällt ihre Prognose für den Ende November beginnenden Wahlmarathon schlecht aus: "Es wird auch danach keine Demokratie geben", ist sie überzeugt. Stattdessen wird das Militärs an der Macht bleiben, wahrscheinlich mit dem greisen Feldmarschall Hussein Tantawi an der Spitze. Für die meisten Aktivisten ist das ein Horrorszenario, für Azza Moghazy eines, das aus ihrer Sicht immerhin bald ein Happy End haben dürfte: "Fast 70 Prozent der Bevölkerung ist jünger als 35, und Tantawi ist fast 76", sagt die energische junge Frau. "Wir werden ihn überleben."