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Joe Biden: Der Herausforderer

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Joe Biden im US-Wahlkampf Der Mann, der Trump gefährlich werden kann

Er will - und er kann: Der frühere Vizepräsident Joe Biden erklärt seine Kandidatur für das Präsidentenamt. Warum er mit 76 Jahren gute Chancen hat, Donald Trump zu schlagen.

Erst kommt Filmmusik, einfühlsame Streicher, ein bisschen Piano, und dann spricht er: Joe Biden, früherer Vizepräsident der USA, verkündet per Videobotschaft seine Kandidatur für das Weiße Haus im Jahr 2020. Er will gegen Donald Trump antreten - und er will ihn schlagen.

SPIEGEL ONLINE

"Acht Jahre Donald Trump würden für immer den Charakter dieser Nation verändern", sagt Biden in seinem Video. "Ich kann nicht tatenlos daneben stehen und dabei zusehen."

Bidens Kandidatur war lange erwartet worden. Doch nun, da er sie tatsächlich erklärt, elektrisiert die Nachricht das Land und sorgt für lebhafte Debatten: Kann dieser Routinier des politischen Betriebs, der engste Weggefährte von Präsident Barack Obama, im kommenden Jahr tatsächlich gewinnen? Ist er der Richtige, um Donald Trump aus dem Weißen Haus zu vertreiben? Ist er der Heilsbringer für die Demokraten?

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Joe Biden: Der Herausforderer

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Ein bisschen wirkt diese Kandidatur wie aus der Zeit gefallen. Biden ist 76 Jahre alt, sollte er wirklich ins Weiße Haus einziehen, wäre der neue Präsident dann 78. Sogar Trump, der älteste Kandidat, der jemals in das Amt gewählt wurde, ist vier Jahre jünger. Ronald Reagan war 69 als er Präsident wurde - und auch der galt schon als alt.

Angestaubtes Establishment

Der Senior Biden trifft bei den Vorwahlen der Demokraten auf ein Feld von Konkurrenten, die bis auf den anderen Senior Bernie Sanders (77) alle weitaus jünger und frischer sind als er selbst: Namen wie Kamala Harris, Pete Buttigieg, Beto O'Rourke stehen für Aufbruch, Dynamik, Neuanfang, aber eben auch für Diversität und Progressivität. Biden hingegen verkörpert das alte, etwas angestaubte demokratische Establishment in Washington: Als er 1972 zum ersten Mal in den US-Senat gewählt wurde, waren manche seiner Konkurrenten noch gar nicht geboren.

Dreimal hat Biden bereits für das Präsidentenamt kandidiert, bis zur Nominierung durch den Parteitag der Demokraten hat er es nie geschafft. Einmal, 1987, musste er frühzeitig hinschmeißen, weil er Teile einer Rede beim damaligen britischen Labour-Chef Neil Kinnock abgekupfert hatte.

Immer wieder sorgte er in der Hitze des Wahlkampfs zudem wegen allzu lockerer Sprüche über Frauen oder Schwarze für negative Schlagzeilen. Besondere Pessimisten bei den Demokraten sagen voraus, dass ihm sein loses Mundwerk nun auch wieder schaden könnte. "Der einzige Mensch, der Joe Biden schlagen kann, ist Joe Biden", lautet in den Stunden nach der offiziellen Bekanntgabe seiner Kandidatur ein gängiges Urteil vieler Kommentatoren.

Und dennoch hat diese Kandidatur zweifellos Stärken: In den meisten Umfragen führt Biden das Feld der demokratischen Bewerber an. Sein Bekanntheitsgrad hilft ihm dabei. Ein weiterer Pluspunkt ist seine Bodenständigkeit, mit der er vermutlich vor allem bei älteren Wählern punkten kann. Und ganz klar: "Uncle Joe" kann mit seinem kumpeligen Charme in den Staaten des "Rostgürtels" im Norden der USA ähnliche Menschen ansprechen wie Donald Trump - weiße Arbeiter, verunsicherte Angehörige der Mittelschicht, Konservative.

Biden selbst wird versuchen, seine lange politische Erfahrung als Vorteil zu verkaufen. Das gilt insbesondere für die Außenpolitik, in der er als ehemaliger Vizepräsident und Senator sicherlich von allen Bewerbern die meisten Kenntnisse hat. Donald Trump schlägt er hier ohnehin um Längen.

Moralisches Gegengewicht zu Trump

Nach allem, was man bisher weiß, wird sich Biden zunächst aber vor allem als moralisches Gegenbild zu Donald Trump positionieren: Schon in seinem Bewerbungsvideo setzt er hier einen klaren Akzent. Es gehe bei der nächsten Wahl um nicht weniger als den "Kampf um die Seele unserer Nation", sagt er. "Es geht darum, wer wir wirklich sind."

Ausdrücklich prangert Biden Trumps Umgang mit dem Neonazi-Aufmarsch und den Gegendemonstrationen in Charlottesville im Sommer 2017 an, als der Präsident erklärt hatte, "auf beiden Seiten" seien "anständige Menschen" unterwegs gewesen. Dies sei für ihn zutiefst erschreckend gewesen, macht Biden deutlich. Ein Angriff auf das Wertefundament der USA, auf die Freiheit, die Demokratie und die Gleichheit von Menschen aller Hautfarben und Glaubensrichtungen.

Wird diese Botschaft bei den Wählern verfangen? Kann gut sein: Donald Trumps Beliebtheitswerte sind nach dem Russlandbericht von Robert Mueller erneut auf einem Tiefststand angekommen, nur noch 39 Prozent der Amerikaner sind mit seiner Amtsführung zufrieden. Die Sehnsucht nach einem Ende dieser Präsidentschaft ist bei vielen Wählern offenkundig groß.

Gleichwohl ist es bis zur Wahl am 3. November 2020 noch ein langer Weg, das weiß auch Joe Biden. Und die Vorwahlen der Demokraten beginnen erst im Januar. Um bis dahin einen guten Start zu erwischen, muss er jetzt schnell sein Gesicht zeigen. Am Samstag ist eine große Kundgebung in Philadelphia geplant, am Montag will er in Pittsburgh auftreten, beide Städte sind alte Hochburgen der Demokraten im Bundesstaat Pennsylvania, den Hillary Clinton 2016 an Donald Trump verlor. Wenn Biden eine Chance haben will, muss er Trump hier schlagen.

Und der Kandidat braucht Geld: Vor allem der andere Senior, Bernie Sanders, hat bereits viele Millionen von Kleinspendern eingesammelt, die seine Kandidatur unterstützen. Ähnliches gilt für Donald Trump. Wenn Biden da mithalten will, muss er sich ranhalten und viele, viele Millionen von großen und kleinen Spendern einsammeln. Ohne eine prall gefüllte Wahlkampfkasse, so viel steht fest, kann niemand in den USA Präsident werden.

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