Jörg Haider Tod eines Tabubrechers

Österreich trauert um einen umstrittenen Politiker. Jörg Haider war dem Volk nahe und politischen Rivalen ein Schrecken - weil er aussprach, was andere nur dachten. SPIEGEL-Reporter Walter Mayr traf Haider wenige Tage vor dessen Tod.


Hamburg - Ohne es zu ahnen, sieht Jörg Haider kurz vor dem Tod ein letztes Mal wie im Zeitraffer Bilder seines Lebens an sich vorbei ziehen: Freunde, Verwandte, Erzfeinde, langjährige Wegbegleiter.

Als er am frühen Samstagmorgen tot aus den Trümmern seines VW Phaeton auf der Kärntner Loiblpass-Straße geborgen wird, liegt hinter einem der umstrittensten Nachkriegspolitiker Österreichs eine tagelange, atemlose Reise zu den eigenen Wurzeln: noch einmal hat er in der Wiener Hofburg über die Bildung einer Regierung verhandelt; dann in Klagenfurt seinen politischen Ziehvater zu Grabe getragen; in Wien Frieden geschlossen mit dem Vorsitzenden der Partei, die ihm zwei Jahrzehnte lang Heimat war - mit Heinz-Christian Strache von der FPÖ. Zurück in Kärnten dann, auf dem Weg zur Mutter, die an diesem Tag ihren 90. Geburtstag feiert, holt ihn der Tod ein.

Acht Tage und acht Stunden hat Haider noch zu leben, als er am vorvergangenen Donnerstag lächelnd und braun gebrannt das Wiener Kaffeehaus "Tirolerhof" betritt. Eine "Kombucha" bestellt er sich, Teepilz-Brause für Fitness-Jünger. Der Kellner flitzt, die Herrschaften an den Nebentischen machen Ohren, und Haider erzählt: dass er gerade beim "Heinzi" war, beim Bundespräsidenten Heinz Fischer; dass er die Politik seines Landes als Fraktionschef künftig wieder mitgestalten will; und dass seine neue Partei, das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), inzwischen im ganzen Land erfolgreich sei.

Von zwei Prozent in ersten Umfragen auf beinahe elf Prozent der Stimmen am Wahltag Ende September hat er sie gehievt. Haider will einmal mehr Zünglein an der Waage spielen beim anstehenden Koalitonsgeschacher. Was aber wäre seine Partei, als "Kärntner CSU" verspottetes Spaltprodukt seiner alten politischen Heimat FPÖ, ohne ihn, ohne Haider selbst?

"Es ginge inzwischen auch ohne mich", sagt er, lächelt, und hetzt los, seinen treuen Paladin Stefan Petzner im Schlepptau. Zurück nach Kärnten wollen sie noch in dieser Nacht, ins Land an der Nordflanke der Karawanken, wo Haider mit Unterbrechungen seit fast zwanzig Jahren als Landeshauptmann regiert. Wo er nahezu unumschränkter Herrscher ist, weil er in den Augen großer Teile der Bevölkerung außer Treueschwüren vor Waffen-SS-Veteranen auch etwas zu bieten hat, was in Österreichs Polit-Kaste eher selten ist: Unerschrockenheit und Bürgernähe.

"Einer, der sich was traut"

Am anderen Morgen, sieben Tage hat er da noch zu leben, nimmt Haider seinen Platz neben Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in einer Kirche südlich von Klagenfurt ein: Leopold Wagner wird an diesem Tag begraben, Haiders maßgeblicher Förderer. Wagner war als Sozialdemokrat und, wie er selbst das nannte, ehemals "hochgradiger Hitlerjunge" eine Symbolfigur der spezifisch österreichischen Bedingungen, unter denen sich Jörg Haiders Aufstieg ab 1986 vollzog.

Bekennende Alt-Nazis gab es ja nicht nur in der Haider-Partei FPÖ. Die schweigende Übereinkunft aber, zwischen linker SPÖ und christsozialer ÖVP, nach Kriegsende unter dem Banner des Antifaschismus die Macht in Österreich unter sich aufzuteilen, isolierte das von der FPÖ vertretene "dritte Lager" - den deutschnational gesinnten Teil der Wählerschaft. In deren Namen zieht der junge Volkstribun Haider dann ab Mitte der Achtziger gegen schwarz-roten Proporz und Vetternwirtschaft erfolgreich zu Felde, in Turnhallen wie Bierzelten: als einer, "der sich was traut" im ansonsten konfliktscheuen österreichischen Politikbetrieb.

Regelmäßigen verbalen Entgleisungen folgen politische Rückschläge und unvermutete Comebacks. Haider erfindet sich dabei mehrfach neu: vom überzeugten Deutschnationalen zum österreichischen Patrioten und schließlich zum Kärntner Lokalpotentaten wandelt er sich. Während Europa sich öffnet, grenzt Haider sich ab - und mit ihm ein beträchtlicher Teil der EU-kritischen Bevölkerung Österreichs.

Angst hinter der "Naturbursch"-Fassade

In der Klagenfurter Fußgängerzone, wo er zwei Tage vor seinem Tod noch den Kärntner Nationalfeiertag in der Traditionsgaststätte "Pumpe" begeht, wird er gefeiert wie ein Popstar. Während der Fußball-EM im Sommer 2008 kommen selbst Deutsche, Polen und Kroaten auf ihn zu, bitten um Autogramme und Erinnerungsfotos - als großkalibriges Sprachrohr des kleinen Mannes längst auch jenseits der österreichischen Grenzen ein Begriff, genießt Haider bis zuletzt die Huldigungen seiner Fans. Und wirkt dabei doch, auf rastlose Art, einsam: ein Mann von 58 Jahren, der hinter sorgsam gepflegter "Naturbursch"-Fassade Angst vor dem Alter verbirgt.

Als bemerkenswertes politisches Talent hat schon SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky den jungen Jörg Haider bezeichnet. Als einen Politiker von " Begabung und Talent" würdigt nun Kreiskys Zögling, der amtierende Bundespräsident Heinz Fischer, den toten Jörg Haider. Zwischen beiden Urteilen liegen mehr als 25 Jahre und die Erkenntnis, dass der notorische Tabubrecher Haider unvollendet bleiben musste: weil er sich mit Huldigungen an die NS-Generation, Besuchen bei Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi, und mit wiederkehrenden Ausfällen gegen Ausländer wie ethnische Minderheiten um die Früchte seiner eigentlichen Mission brachte - die Zerschlagung des österreichischen Zwei-Parteien-Kartells.

Das amtliche Endergebnis der jüngsten Nationalratswahlen, verkündet fünf Tage vor Haiders Tod, liest sich wie die Bilanz eines politischen Vermächtnisses: um Haaresbreite nur geschlagen von der SPÖ ist das rechtspopulistische Lager, Haiders alte Partei FPÖ also plus Haiders neue Partei BZÖ, auf dem zweiten Rang gelandet. Eine Koalition beider Parteien mit der konservativen ÖVP würde rechnerisch ebenso zum Regieren reichen wie ein Bündnis aus ÖVP, Grünen und Haider-BZÖ.

Ob der Tod ihres vielgeschmähten Anführers den rechten Rebellen den Weg zur Regierungsverantwortung ebnet? Es wäre, post mortem, ein letzter Triumph für Jörg Haider.

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