John Edwards' Affären-Geständnis Vom Saubermann zum Schmutzfink

Skandal bei den US-Demokraten: Der frühere Präsidentschaftskandidat John Edwards hat zugegeben, seine krebskranke Frau betrogen zu haben. Damit hat sich der moralische Bannerträger der Partei selbst zerstört. Sogar engste Vertraute schäumen vor Empörung.

Von , New York


New York - John Edwards sitzt in seinem rustikalen Wohnzimmer in North Carolina. Er trägt ein Sporthemd und eine Khaki-Hose und das Haar wie immer zur Seite gefönt. Er hat die Hände im Schoß verschränkt und ist steif vornüber gelehnt. Ihm gegenüber sitzt Bob Woodruff, ein Reporter des US-Networks ABC. Man erwartet ein ganz normales Interview.

Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Edwards im Wahlkampf (mit seiner Frau Elizabeth): Ehebruchskandal erschüttert die USA
REUTERS

Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John Edwards im Wahlkampf (mit seiner Frau Elizabeth): Ehebruchskandal erschüttert die USA

Dass es alles andere als normal ist, das zeigt sich aber gleich an Woodruffs erster Frage. "Mr. Senator", sagt der ohne Umschweife, "hatten sie eine Affäre mit Miss Hunter?"

Er hatte, und damit hat die Wahlkampfsaison in den USA ihren ersten, handfesten Skandal - dank eines Kandidaten, der gar nicht mehr im Rennen ist. Es ist ein Skandal, der, obwohl er monatelang unter aller Augen gekokelt hat, gestern mit solcher Gewalt explodierte, dass er bis zum Abend sowohl die Olympischen Spiele wie auch die Südossetien-Krise völlig aus den TV-News in den USA verdrängt hatte. Ein Skandal, der die demokratische Partei, deren moralischer Bannerträger Edwards auch als Nicht-mehr-Kandidat noch gewesen war, tief erschütterte.

Besagte Miss Hunter ist Rielle Hunter, 42, eine einstige Yoga- Lehrerin, die 2006 von Edwards als Wahlhelferin angeheuert worden war. Seit Monaten kursierten Gerüchte einer Affäre, sie begannen, lange bevor der Demokrat seine Präsidentschaftsambitionen offiziell machte. Stets dementierte Edwards, während der Vorwahlen gegen Barack Obama und Hillary Clinton und auch noch, nachdem er im Januar das Handtuch geworfen hatte. Bis gestern.

"Ich habe Gott um Vergebung gebeten"

Im spätabendlichen ABC-Interview gestand der Mann, der gut Präsidentschaftskandidat seiner Partei hätte werden können, den Seitensprung, den er seit 2006 geheimgehalten hatte. "Ich habe einen sehr ernsten Fehler gemacht", sagte Edwards, 54, mit eingefrorenem Lächeln. "Ich habe Gott um Vergebung gebeten." Und: "Alles Weitere bleibt innerhalb meiner Familie."

Von wegen. Natürlich kannte zu dem Zeitpunkt schon jeder, der sich dafür interessierte, all die Details. Details, die selbst Edwards' engsten Vertrauten das Blut in den Adern kochen ließ.

Denn der Saubermann des Vorwahlkampfes, der so aufrecht für die "familiären Werte", für Ehrlichkeit und Courage gefochten hatte, der fast überall Hand in Hand mit seiner schwer krebskranken Frau Elizabeth aufgetreten war - er hatte die ganze Zeit gelogen. Hatte sein Wahlkampfteam belogen, seine Berater, seine Kollegen, die Wähler, die Medien - derweil er sich seelenruhig ums höchste Staatsamt bewarb. "Wäre er der Kandidat seiner Partei geworden", gruselte sich der frühere Präsidentenberater David Gergen auf CNN, "hätte er sie ums Weiße Haus gebracht."

Edwards potentielle Rolle im weiteren Präsidentschaftswahlkampf ist jedenfalls damit beendet. Eine Vizekandidatur für Barack Obama kommt nicht mehr in Frage, auch eine Teilnahme am Wahlparteitag nicht mehr. Die Edwards, sagte Sprecherin Jennifer Palmieri, würden den nun lieber zu Hause aussitzen.

Strahlemann-Image zerstört

Affären sind in der US-Politik nichts Neues, weder bei Republikanern noch bei Demokraten - mit den unterschiedlichsten Reaktionen. Bill Clinton wurde verziehen, dem damaligen New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer nicht. Doch das Edwards-Drama hat zu viele Aspekte, die es selbst den wohlwollendsten Beobachtern gestern schwer machten: Edwards' bisheriges Strahlemann-Image, die unheilbare Krankheit seiner Frau, die ungeklärte Frage, wer der Vater des Babys ist, das Hunter im Februar zu Welt brachte. Er keinesfalls, beharrte Edwards.

Erstes Gemurmel über die Affäre war im Oktober vorigen Jahres zu hören. Die Supermarkt-Klatschpostille "National Enquirer", wahrhaft kein Symbol seriöser Recherche, wartete über einem Bild Edwards' mit einer sensationellen Schlagzeile auf: "Seitensprung-Skandal." Anfangs identifizierte das Blatt Hunter nicht. Erst im Dezember nannte es ihren Namen, samt eines unvorteilhaften Fotos, das sie sichtlich schwanger zeigte.

Edwards hatte Hunter Ende 2006 angeheuert, "Webisodes" für seinen geplanten Wahlkampf zu filmen - Internet-Videos, die ihn in einem sympathischen Licht zeigen sollten. Hunter begleitete Edwards sechs Monate lang, sogar bis nach Afrika, und schwärmte später im TV-Boulevardmagazin "Extra" davon: "Diese ganze Erfahrung hat mein Leben verändert."

Wie sehr, das wurde erst gestern klar. Die Dauer der Affäre offenbarte Edwards nicht, nur dass sie sich 2006 zugetragen habe. Hunters Videofirma soll für sechs Monate bis April 2007 insgesamt 114.461,79 Dollar bezahlt bekommen haben, berichteten US-Medien.

Edwards bestritt, Hunter Schweigegeld gezahlt zu haben. Sein früherer Wahlkampf-Finanzchef Fred Baron erklärte jedoch, er habe Hunter und ihrem Freund Andrew Young ohne Wissen Edwards' finanziell unter die Arme gegriffen, damit sie nach Kalifornien hätten umziehen können. Young - ebenfalls ein Ex-Mitglied des Edwards-Teams - bekannte sich als Vater des Babys. Der "Charlotte Observer" - Edwards' Heimatzeitung - meldete aber, in der Geburtsurkunde sei kein Vater eingetragen.

Zurückhaltung der Premium-Medien

Seit Oktober hatte Edwards die Affäre dementiert. "Die Story ist falsch, sie ist völlig unwahr, sie ist lächerlich", sagte er damals. "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich seit mehr als 30 Jahren dieselbe Frau liebe."

Das genügte den etablierten US-Medien, um bis gestern die Finger von der Geschichte zu lassen - obwohl bald jeder die Gerüchte gehört und die "Enquirer"-Geschichte gelesen hatte. TV-Talker Jay Leno und David Letterman machten zwar Witze darüber, doch weder die "New York Times" noch die "Washington Post" druckten, obwohl sie Reporter auf die Sache ansetzten, ein einziges Wort. Auch CNN schwieg. Die US-Medien, schrieb Phil Bronstein, der Ex-Chefredakteur des "San Francisco Chronicle", auf seinem Blog, "stocherten darin herum, doch hielten sie sich dabei die Nase zu, als suchten sie etwas Wertvolles in einem modrigen Müllcontainer."

Stattdessen gab Edwards im Vorwahlkampf den ergebenen Gatten. Das Privatleben von Kandidaten, sagte er einmal, "sagt etwas darüber aus, was für eine Art Mensch sie sind" und "was für eine Art Präsident sie wären".

Auftrieb bekam die Geschichte dann Ende Juli. Da meldete der "Enquirer", er habe Edwards bei einem Treffen mit Hunter im Nobelhotel Beverly Hilton in Los Angeles ertappt. Edwards habe sich in einer Toilette versteckt und sei von Sicherheitsbeamten forteskortiert worden.

"Egozentrisch und narzisstisch" im Wahlkampf

Edwards kam dem ABC-Interview - das exakt zur gleichen Zeit im Fernsehen lief, als auf NBC zeitversetzt die olympische Flamme gezündet wurde - mit einem langen Statement zuvor. Er habe seiner Frau bereits 2006 gebeichtet: "Ich schäme mich." Durch seinen politischen Aufstieg sei er "egozentrisch und narzisstisch" geworden. Auf ABC fügte er hinzu: "Man glaubt, dass man tun kann, was man will, dass man unbezwingbar ist."

Elizabeth Edwards - die im März bekanntgegeben hatte, sie leide an inoperablem Brustkrebs - folgte kurz darauf mit ihrer eigenen, spürbar gepeinigten Erklärung. Sie stehe zu ihrem Mann: "Wenn sich die Tür schließt, wird seine Familie auf ihn warten."

Andere waren nicht so nachsichtig. "Tausende Freunde des Senators und seine Anhänger haben ihren Glauben und ihr Vertrauen in ihn gesteckt, und er hat sie enttäuscht", sagte Edwards Ex-Wahlkampfmanager David Bonior. "Sie wurden von seinem Verhalten verraten." Härter waren die Kommentare auf den linken Blogs: "Fuck John Edwards", schrieb einer.

Die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain verweigerten sich jeder Stellungnahme. Doch damit ist die Sache längst nicht ausgestanden. Jetzt haben ja auch die Mainstream-Medien Blut geleckt und dürften die vielen noch dunklen Ecken der Story erhellen wollen. "Diese Geschichte", ahnt David Gergen, "hat viele, viele Beine."

Edwards beansprucht derweil, innere Ruhe gefunden zu haben. "Gott und meine Ehefrau", sagte er, "haben mir vergeben."



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