US-Präsidenten Obama und Clinton Rivalen um Kennedys Erbe

In Washington haben US-Präsident Barack Obama und Vorgänger Bill Clinton gemeinsam John F. Kennedys gedacht. Beide haben vom Mythos des Ermordeten kräftig profitiert, sich als Reinkarnation des großen Charismatikers feiern lassen. Zu Recht?

Von , Washington


Es ist schon eine besondere Szene. US-Präsident Barack Obama legt seinem Vorgänger Bill Clinton die Freiheitsmedaille um den Hals, die höchste zivile Auszeichnung Amerikas. John F. Kennedy hatte sie einst gestiftet; zugleich jährt sich in dieser Woche der Tag des Attentats auf diesen wohl beliebtesten aller modernen US-Präsidenten zum fünfzigsten Mal.

Also schließen Obama und Clinton mit ihren Ehefrauen Michelle und Hillary noch einen Gang auf den Nationalfriedhof von Arlington an, um am Grab des 35. Präsidenten einen Kranz niederzulegen. Alle vier schreiten gemeinsam heran an die ewige Flamme. Am Rande steht die Familie Kennedy, Amerikas Hochadel. Schwer also wiegt die Symbolik an diesem Novembertag in Washington.

Das Duo Obama-Clinton macht Eindruck. Schließlich verstehen diese beiden sich als politische Erben Kennedys. Oder sie werden so verstanden. Sie waren sich, nun ja, nicht immer unbedingt freundschaftlich zugetan.

Clinton, Kennedys größter Fan

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Auszeichnung: Obamas Medaillen-Marathon
Zuletzt beschrieben die Journalisten Mark Halperin und John Heilemann in ihrem Buch "Double Down", wie Clinton bei einer gemeinsamen Partie Golf mit dem Präsidenten so viel redete, dass man mit dem Spiel nicht recht vorankam. "Ich mag ihn - in geringer Dosierung", soll Obama nachher gesagt haben. Eine kleine Anspielung auf diese Episode kann sich Obama bei der Ordensverleihung nicht verkneifen: "Bill, ich bin dankbar für die Ratschläge, die du mir auf dem Golfplatz und jenseits davon gegeben hast."

Zwischen Präsident Nummer 42 und Nummer 44 herrscht noch immer ein eigentümliches Konkurrenzverhältnis. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass Hillary Clinton und Obama vor fünf Jahren unter reger Anteilnahme von Bill um die demokratische Präsidentschaftskandidatur rangen; nein, dies hat auch mit Kennedy zu tun.

Denn es war Bill Clinton, der jugendliche Präsident der Neunziger, der sich von Anfang an als Erbe Kennedys zu inszenieren wusste. "Kaum jemals in Amerikas Geschichte hat ein Präsident einen anderen derart als Helden verehrt, wie Clinton John F. Kennedy", stellt der Politikwissenschaftler Larry Sabato fest. Als 17-jähriger Schüler besuchte Clinton im Juli 1963 die Hauptstadt, brachte es zu einem Händedruck mit JFK samt Foto. Das wusste er im Wahlkampf 30 Jahre später einzusetzen. Zugleich unterstützte ihn der Kennedy-Clan.

Obama, Kennedys politischer Zwilling

Kein Präsident streute in seine Reden derart viele JFK-Zitate ein wie Clinton. Er war jung wie Kennedy, er ging fremd wie Kennedy, er kämpfte für eine Gesundheitsreform wie Kennedy, er machte mit den Kennedys Urlaub auf Martha's Vineyard.

Und dann kam Barack Obama.

Der sprach von Wandel und Erneuerung. Er erschien den Kennedys wie ein politischer Zwilling. "Der nächste Kennedy", lobte JFK-Tochter Caroline. "Der Traum muss weiterleben", beschwor JFK-Bruder Ted Kennedy die Vergangenheit. Im konkurrierenden Hause Clinton kam das gar nicht gut an. Tatsächlich sind die Parallelen zwischen Obama und Kennedy unübersehbar:

  • Der eine war der erste Katholik, der andere der erste Schwarze im Amt

  • Beide machten durch große Reden auf demokratischen Parteitagen vier Jahre vor ihrer jeweiligen Nominierung auf sich aufmerksam: Kennedy 1956 in Chicago, Obama 2004 in Boston

  • Beide waren Senatoren und politisch recht unerfahren, als sie das Präsidentenamt antraten

  • Beide brachten junge Familien ins Weiße Haus, sorgten für Glamour in Washington.

Der SPIEGEL schrieb jüngst: "Wie die Kennedys wurden die Obamas zu Ikonen einer neuen Zeit." Beide Präsidentschaften fallen in die Zeit von Medienrevolutionen: Was bei Kennedy das Fernsehen war, ist bei Obama das Internet.

Was allerdings auffällt: Obama hatte sich zwar während des Wahlkampfs als Kennedy-Thronfolger inszenieren lassen, als Präsident aber sucht er weniger Anleihen bei Nummer 35 als all seine demokratischen Vorgänger. Politikwissenschaftler Sabato hat in Obamas erster Amtszeit 99 Kennedy-Erwähnungen gezählt, Clinton dagegen kam in seinen ersten vier Jahren auf stolze 327.

"Großes Experiment, das wir Amerika nennen"

Offenbar weiß Obama - der in Kennedys erstem Amtsjahr geboren wurde - weniger mit dem Vorgänger anzufangen, als all die Gemeinsamkeiten vermuten lassen. So blieb auch seine Rede vor den mit der Freiheitsmedaille Ausgezeichneten - darunter neben Clinton etwa die Talkshow-Gastgeberin Oprah Winfrey - am Abend dieses Kennedy-Gedenktags in Washington eigentümlich blass und knapp.

Der Dienst am Gemeinwesen, sagte Obama da, das sei doch das amerikanische Prinzip: Es gehe nicht allein um das, was man in seiner eigenen Lebenszeit erreichen könne, "sondern wir als Bürger versuchen beizutragen zu jenem großen Experiment, das wir Amerika nennen". Ohne Frage war das eine Anspielung auf den wohl berühmtesten aller Kennedy-Sätze: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst."

Nur: In einer Zeit des radikalen Individualismus und des Aufstiegs der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung wirkt er wie aus der Zeit gefallen. Gedenken im luftdichten Raum. Denn dieser Herausforderung von rechts hat der vermeintliche Polit-Zwilling Obama noch nicht wirksam begegnen können.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
joG 21.11.2013
1. Während Clinton in Erinnerung bleibt...
....mit: "I did not habe sex with that woman!", vergleicht man aktuell Obama immer mehr mit Carter. Aber man kann da übertragen sagen, Kennedy's Weber fallen nicht sooo weit vom Baum.
pfzt 21.11.2013
2.
Zitat von sysopAFPIn Washington haben US-Präsident Barack Obama und Vorgänger Bill Clinton gemeinsam John F. Kennedys gedacht. Beiden haben vom Mythos des Ermordeten kräftig profitiert, sich als Wiedergänger des großen Charismatikers feiern lassen. Zu Recht? http://www.spiegel.de/politik/ausland/john-f-kennedy-wie-obama-und-clinton-a-934776.html
Erster schwarzer US Präsident hin oder her, Obama kann weder Kennedy und schon gar nicht Clinton das Wasser reichen. Obama wird sicherlich ein netter Kerl sein (wie auch George W. übrigens) wenn er nach seiner Amtszeit in der Tonight Show sitzt aber als Präsident ist er bisher nicht besonders gut. Die Blockade von rechts darf da nicht als Entschuldigung herhalten denn mit der war Clinton auch konfrontiert und der hat trotzdem mehr geschafft und ist heute noch die wesentlich charismatischere Persönlichkeit.
Eppelein von Gailingen 21.11.2013
3. Auch wenn seine bisherige Präsidentschaft für seine Befürworter floppte
Die Friedensmedaillen verteilt er mit Charme. Natürlich geht es im Anschluss für einen guten Patrioten auf den Heldenfriedhof zur Kennedy-Grablege. "The Show must go on", auch wenn man sich 50 Jahre lang nicht einigen konnte, wer hat nun wirklich Kennedy getötet. Es wird wohl die Mafia gewesen sein, der er seinen Wahlgewinn nicht dankte, wenn man sich schon darauf einlässt. John F. Kennedy: Wie Obama und Clinton um das Erbe konkurrieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/john-f-kennedy-wie-obama-und-clinton-a-934776.html)
mariowario 21.11.2013
4. optional
Kennedy = Vietnam-Krieg - Nullreaktion nach Mauerbau - Kuba-Krise (die Welt am Rande des 3.Weltkriegs)
fatherted98 21.11.2013
5. Kennedy wird....
...in seiner politischen Wirkung und Leistung vielfach überschätzt...genau diese Überschätzung nehmen nun Clinton und Obama vor...aber eben bei sich selbst...dabei sind die beiden die größten Nieten....politisch und im Fall von Clinton sogar privat.
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