US-Minister Kerry trifft Putin Umworbener Feind

Militärisch provozieren - und trotzdem miteinander reden: US-Außenminister Kerry reist zu einer kniffeligen Mission ans Schwarze Meer nach Russland. Denn Washington will und braucht Moskaus Hilfe in Syrien und Iran.

DPA

Von , Moskau


Der Kreml hat den Gast aus Washington lange hingehalten. John Kerrys Flieger war bereits in der Luft, nur noch eine Flugstunde von der Ankunft in Russland entfernt, da kam erst die Bestätigung: Der US-Außenminister wird am Dienstag in Sotschi nicht nur mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow zusammen treffen. Auch Präsident Wladimir Putin nimmt sich Zeit für den Amerikaner.

Unklar blieb, wie viel Platz die Ukraine-Krise bei dem Treffen einnehmen soll. Ein US-Vertreter sagte, man wolle über "nächste Schritte" bei der Umsetzung des vereinbarten Waffenstillstands in der Ostukraine reden. Das sehen die russischen Gastgebern ganz anders: Ihnen geht es vor allem um Syrien und um Iran. Laut Kreml werde man "ganz sicher nicht über die Sanktionen reden".

Es dürften denkwürdige Gespräche in der Olympiastadt am Schwarzen Meer werden. Am Tisch nehmen zwei Parteien Platz, die sich seit Monaten gegenseitig vorwerfen, die größte Gefahr für den Weltfrieden darzustellen. Das bilaterale Verhältnis ist zerrüttet. Obama hat Putin als halbstarken Störenfried geschmäht, als "gelangweiltes Kind in der letzten Reihe der Klasse". Im Gegenzug schafft Putin keine Rede ohne beißende Kritik an Amerikas Rücksichtslosigkeit, an Guantanamo und dem Irak-Krieg.

Während sich Kerry in Sotschi mit seinen russischen Gesprächspartnern trifft, zeigen die Kontrahenten in der Region, was sie militärisch so draufhaben. Russlands Flotte hält im Mittelmeer ein Großmanöver mit China ab, Amerikas großem Rivalen.

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Fotostrecke: Waffenschau im Mittelmeer
Fast zeitgleich starten US-Truppen im Südkaukasus ein Großmanöver, ausgerechnet auf einer ehemaligen sowjetischen Luftwaffenbasis in Georgien. Die Übung soll der besseren Zusammenarbeit der georgischen Truppen mit der Nato dienen.

Die Vorzeichen für eine Annäherung stehen schlecht

Kerrys Dienstherr Barack Obama muss im Umgang mit Russland einen schwierigen Kurs meistern. Einerseits hat er versprochen, den Druck hoch zu halten auf Moskau. "Russland ist isoliert, seine Wirtschaft liegt in Trümmern", hatte Obama in seiner Rede zur Lage der Nation gesagt.

Allerdings: Russland hat den Rubel-Crash zur Jahreswende inzwischen weitgehend verdaut. Und an einer vollständigen Isolation Russlands haben die Amerikaner selbst kein Interesse. Denn Moskau wirkt kräftig mit bei den anderen globalen Krisenherden, hat in Ländern wie Syrien oder Iran nicht nur durch Waffenexporte großen Einfluss. Ein Beispiel: Nach den Verhandlungen über eine Lösung im Streit um Irans Atomprogramm in Lausanne umschmeichelte Kerry Moskau und lobte Russlands "unschätzbaren" Beitrag.

Während sich Washington und Moskau gegenseitig die Schuld für die Eskalation der Ukraine-Krise zuweisen, bleiben die Beziehungen auf anderer Ebene bemerkenswert intakt. Kerry und Lawrow vereinbarten etwa im Oktober eine enge Zusammenarbeit der Geheimdienste im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" - wenige Wochen nach einer Offensive der von Russland aufgerüsteten "Volksrepubliken" in der Ostukraine.

Der US-Außenminister genießt hohes Ansehen in Russland. Moskau hatte genau registriert, dass Kerry Bedenken äußerte, als Washington 2012 erste Sanktionen gegen russische Staatsdiener verhängte, wegen des Tods eines Juristen in russischer Haft ("Magnitsky Act"). "Mit ihm kann man leicht arbeiten", lobte ein russischer Spitzenpolitiker nach Kerrys Ernennung 2013.

Video: Putin und Kerry vor Nato-Treffen in Sotschi

Manche Beobachter wie der amerikanische "Christian Science Monitor" hoffen bereits auf einen neuen "Restart". So hatte Obama 2009 seinen Neubeginn in den Beziehungen zu Moskau überschrieben. Könnte aus Pragmatismus neue Partnerschaft erwachsen?

Allzu optimistisch sollte man trotz der vorsichtigen Entspannung nicht sein. Für Putin wirkt die Rivalität mit Amerika zunehmend systemerhaltend. Wenn er über Russlands Position in der Welt spricht, zeichnet er regelmäßig das Bild einer von Feinden umlagerten Festung. Amerika tue alles, um "Russland in seiner Entwicklung einzudämmen", behauptet Putin - und schiebt dem Ausland damit nebenbei auch gleich die Schuld für die Strukturkrise der russischen Wirtschaft zu.

Auf der anderen Seite bleiben US-Präsident Barack Obama nur noch gut 600 Tage im Amt. Sein Verhältnis zu Putin ist zerrüttet, seit das Weiße Haus 2011/2012 Position bezog gegen Putins geplante Rückkehr in den Kreml.

Auch die nächsten Präsidentenwahlen versprechen keine Besserung. Favoritin Hillary Clinton vergleicht Putin schon mal mit Adolf Hitler.

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BeboR 12.05.2015
1. Ziel erreicht
Europa hat sich "freiwillig" von seinen vernünftigen Beziehungen zu Russland verabschiedet und auf Exporte verzichtet. Jetzt kann ja die USA auch offiziell wieder normal weitermachen ( im Stillen liefen ja die Wirtschaftbeziehungen sowieso normal weiter )
helios2.0 12.05.2015
2.
Zitat von BeboREuropa hat sich "freiwillig" von seinen vernünftigen Beziehungen zu Russland verabschiedet und auf Exporte verzichtet. Jetzt kann ja die USA auch offiziell wieder normal weitermachen ( im Stillen liefen ja die Wirtschaftbeziehungen sowieso normal weiter )
Sie vergessen, dass es Russland war, das mit der Krim-Annexion unilateral die Grenzen in Europa veränderte und sich somit als vertrauenswürdiger Partner aus der internationalen Politik verabschiedete.
ka117 12.05.2015
3.
Zitat von BeboREuropa hat sich "freiwillig" von seinen vernünftigen Beziehungen zu Russland verabschiedet und auf Exporte verzichtet. Jetzt kann ja die USA auch offiziell wieder normal weitermachen ( im Stillen liefen ja die Wirtschaftbeziehungen sowieso normal weiter )
Was heißt "verzichtet"? Aus Deutschland z.B. gehen (immer noch!) nach Russland statt 3% nun 2% der Exporte. Beides zu vernachlässigen. In dieser Hinsicht sind für Deutschland solche Länder wie Tschechien oder Belgien wichtiger. Wgen Russlandsanktionen sind weder die Exporte noch Arbeitsplätze weniger geworden.
Alias_aka_InCognito 12.05.2015
4. Einfach nur dämlich
Wenn die USA wieder so einen Turnaround machen ihre Beziehung zu Russland resetten, dann können sich die Europäer ja nur noch schämen, dass sie sich in diesem Streit der Großmächte als besonders scharfe Wadenbeißer hervorgetan haben, obwohl es nicht ihr ureigener Konflikt war. Vornehme Zurückhaltung wäre eine klügere Option gewesen.
Stasik 12.05.2015
5.
Die "Krim-Annexion" und, dadurch bedingt, die Isolation !Russlands. Immer wieder die gleiche Leier! Man Frage doch bitte die Krim-Bewohner, ob sie ihren Anschluss an Russland unter Druck oder gar gegen ihren Willen vollzogen haben. Es geschah ohne Blutvergießen und mit großer Begeisterung. Rückgängig ist da sowieso nichts mehr zu machen. Und wenn, dann nur durch Krieg, und wen will man da hineinschicken?
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