Hausbesuch bei John le Carré Im Land der tausend Augen

Das britische Parlament hat das weitest reichende Spionagegesetz einer westlichen Demokratie beschlossen. Die meisten Briten reagieren gleichgültig darauf. Warum? Ein Hausbesuch bei Bestsellerautor John le Carré.

John le Carré
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John le Carré

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Dieser Text ist ein leicht ergänzter Auszug aus "Unter Briten - Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk" von Christoph Scheuermann, London-Korrespondent des SPIEGEL.


In der Typologie des britischen Spions gab es bislang zwei extreme Varianten: James Bond und Alec Leamas. Auf der einen Seite der unzerstörbare Gentleman-Agent von Ian Fleming, auf der anderen der ausgebrannte Geheimdienstler aus John le Carrés Thriller "Der Spion der aus der Kälte kam". Bond und Leamas könnten nicht verschiedener sein, obwohl sie aus derselben Zeit stammen, den Sechzigerjahren. Wo aber Bond immer auf der guten Seite für die Regierung Ihrer Majestät kämpfte, verhedderte sich Leamas in einem Gestrüpp aus moralischen Zweifeln. Bond bleibt Rambo und Verführer, Leamas dagegen ist der Burnout-Kandidat unter den Agenten.

Seit 2013 gibt es, enthüllt von Edward Snowden, neben Bond und Leamas eine weitere Variante des britischen Agenten: die Datenkrake. Ihr Hauptquartier liegt in Cheltenham, in einem Städtchen zwei Stunden nordwestlich von London, wo der Abhördienst GCHQ sitzt. Im Gegensatz zu den beiden Romanfiguren ist dieser Typ Spion keine Phantasie. Snowdens Dokumente zerrten einen Agenten ans Licht, halb Mensch, halb Algorithmus, der sich im Digitalen eingenistet hat, Daten in unvorstellbar großen Mengen absaugt, um hypothetisch jeden Nutzer überwachen zu können, überall auf der Welt.

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Christoph Scheuermann:
Unter Briten

Begegnungen mit einem unbegreiflichen Volk

Deutsche Verlags-Anstalt; 240 Seiten; 17,99 Euro

Jetzt, drei Jahre nach Snowden, hat das britische Parlament das weitreichendste Spionagegesetz erlassen, das auf der Insel bislang galt. Das Gesetz zwingt unter anderem Telefon- und Internetanbieter, zwölf Monate lang die Verbindungsdaten ihrer Kunden aufzubewahren. Sicherheitsbehörden können auf diese Daten zugreifen. Der britische Staat darf so viel überwachen wie er möchte, jetzt auch ganz legal.

Wie konnte es so weit kommen? Die Spione kann man nicht fragen, nichts wie hin also zu John le Carré, dem Meister der Überwachung. Sein "Spion, der aus der Kälte kam" erschien 1963, seitdem schrieb er 23 Romane aus der Welt der Desinformation, Täuschung und Lüge. Außerdem arbeitete er selbst einige Jahre als Nachrichtenbeschaffer beim Inlandsgeheimdienst MI5 in London, später beim Auslandsdienst MI6 in Bonn.

Woher kommt die Überwachungsgier?

Le Carré hat in sein Stadthaus in Hampstead eingeladen, Nord-London. Es liegt schweigend in der Dunkelheit. Nur durch ein Fenster fällt Licht auf die Straße. Le Carré bittet freundlich ins Wohnzimmer, setzt sich in den Armsessel neben der Stehlampe und schlägt die Beine übereinander. Die Frage ist, wie konnte es zu dieser Überwachungs- und Datengier kommen? Wie wurden die britischen Geheimdienste so mächtig, ohne dass sich Widerstand regte? "Lassen Sie mich kurz ...", beginnt er und taucht in einen Monolog über die Ursprünge des Geheimdienstwesens ab.

Le Carré ist nicht nur ein begnadeter Autor, sondern auch ein begabter Abschweifer und Ablenker, vor allem dann, wenn man ihm persönlich naherückt. Schon sein Name ist eine Tarnung, tatsächlich heißt er David Cornwell. Das Pseudonym legte er sich zu, als er noch im Dienst Ihrer Majestät stand. Sein Spionageleben begann 1958, le Carré suchte nach einem kurzen Ausflug in die Pädagogik eine packendere Aufgabe. Als der britische Inlandsgeheimdienst MI5 ihm einen Job anbot, war er 27. Dumm bloß, dass es keinen Krieg mehr gab, zumindest keinen sichtbaren. Seine Generation habe sich geschämt, so le Carré, weil sie zu jung gewesen sei, um gegen die Nazis zu kämpfen, weil sie zu den Gewinnern gehörten, ohne am Sieg mitgewirkt zu haben. "Alles, was ich als junger Mann werden wollte, war ein Held", sagt er.

Da ist er wieder, der Krieg. Hitler, Nazis, die gewonnene Schlacht. Die englische Obsession. Betrachtet man den Krieg aus den Augen eines Briten, dann erkennt man: Er hat nicht nur Opfer hervorgebracht, sondern auch Helden und Gewinner, und aus le Carrés Sicht war es bedauerlich, in den Fünfzigerjahren aufzuwachsen. Die Ungnade der späten Geburt. Man konnte sich damals höchstens im immer bürokratischer werdenden Geheimdienst hocharbeiten und die alten Sieger bewundern, die als lebende Statuen in ihren Dienstzimmern saßen.

"Wir Briten haben", sagt er, "absolut kein Problem mit Geheimdiensten und Spionen, bis heute nicht, sie gewinnen Kriege für uns, sie sind heldenhaft, ihr Bild in der Öffentlichkeit ist von Presse und Medien brillant manipuliert worden." Auf der Insel gehöre Spionage zum Alltag, das Misstrauen in den Staat sei geringer ausgeprägt, anders als in Deutschland, wo Geheimdienste zu Handlangern repressiver Regime geworden seien.

Der Geheimdienst als großer Jungsverein

Apropos, fragt le Carré, waren Sie mal in Pullach? Nun, dort habe ihn August Hanning mal übers Gelände geführt, der frühere BND-Chef, und als sie so durch den Garten spazierten, der deutsche Geheimdienstler und der britische Autor, fielen le Carré plötzlich die Statuen auf, nackte Mädchen, die mit Pfeil und Bogen auf Jünglinge zielten, ein Garten voller Jugendstilskulpturen, mitten im Herzen der deutschen Auslandsspionage. Nette Sammlung hast du hier, August, bemerkte le Carré, und Hanning sagte, ja, Martin Bormann hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Im Keller des Hauptgebäudes gebe es sogar einen Ersatzführerbunker. Le Carré kichert, er sah damals mit eigenen Augen, dass der Überwachungsapparat der Deutschen auf dem Erbe der Nazis aufgebaut wurde, ja, vermutlich erst dadurch groß werden konnte, dass er die Strukturen und Verbindungen aus der Nazi-Ära nutzte - und ist das nicht eine gute Metapher für die Wirklichkeit?

Le Carrés Haushälterin stellt Tee und gefüllte Fruchttörtchen auf den Tisch. Die britischen Spione gewannen den Krieg für ihr Volk, so sehen das viele auf der Insel. Der Mathematiker Alan Turing und seine Leute bei der Kodier- und Chiffrierschule in Bletchley Park halfen, die verschlüsselten Botschaften der Nazis zu knacken, sie gehören zu jener Generation von Helden, die le Carré beneidete. Bletchley Park ist die Vorläuferorganisation des GCHQ in Cheltenham und ein Grund für die britische Verehrung des Spions. Ein zweiter Grund ist die ungeschriebene Verfassung, die es den Geheimdiensten lange Zeit auch im Inland einfacher machte, ihrer Arbeit nachzugehen.

Le Carré sagt, in seinen aktiven Jahren waren die britischen Spione auch deshalb besonders, weil sie der Oberschicht angehörten. Sie besuchten dieselben Privatschulen, aßen in den denselben Restaurants und tranken im Londoner Traveller's Club. Ein großer Jungsverein. Es sei allerdings eine nur vermeintlich wasserdichte Rekrutierungsstrategie gewesen, so le Carré; die Briten hätten lange gedacht, ihre Behörden seien besser geschützt vor Infiltranten und Doppelagenten als die anderer Länder, weil sich doch alle kannten. Wie falsch man mit diesem Vertrauen lag, habe man spätestens mit der Enttarnung Kim Philbys gemerkt, 1963, eines hochrangigen Geheimdienstlers, der für die Sowjets spionierte.

Als er, le Carré, Ende der Fünfzigerjahre den Dienst antrat, habe die Aufnahmeprüfung darin bestanden, abzutasten, ob er sozialkompatibel sei. Die Atmosphäre beim Geheimdienst sei sakral gewesen, geprägt von der Anbetung der Kriegshelden. Es dauerte, bis er merkte, in was für eine hochverklemmte Bürokratie er da geraten war. Homosexualität war noch illegal, 1952 wurde Alan Turing wegen einer Affäre mit einem 19-Jährigen verhaftet und zwangskastriert. Und auch Männer, die eine Geliebte hatten, stellten ein Sicherheitsrisiko dar. Was die Homosexualität anging, Herrgott, lacht le Carré, der Geheimdienst war damals prall gefüllt mit Schwulen.

Snowdens Enthüllungen haben ihn nicht überrascht

Wie haben sich die Agentenfiguren in seinen Romanen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt? Vergeben Sie mir, sagt le Carré, aber ich verstehe die Frage nicht. Es gebe keinen typischen britischen Spion, erstens; zweitens änderten sich die Ziele der Spionage alle paar Jahre und damit selbstverständlich auch Personal, Strategie und Taktik. Der britische Spion der Gegenwart, gäbe es ihn denn, spreche Arabisch, habe in Sondereinheiten des Militärs trainiert, sei ehemaliger Söldner. Es wird bald klar, dass le Carré nicht gern über seine Figuren redet. Wer kann ihm das übel nehmen? Ein ganzes Leben verbrachte er mit ihnen, George Smiley verfolgte ihn sieben Romane lang. Kein guter Autor außerdem, der sein Werk und seine Figuren erläutern muss.

Spionageliteratur ist immer auch die Glorifizierung der Lüge. Le Carré lebt davon. Die Spionage selbst aber sei nie ein Spiel gewesen, sagt er, nachdenklich werdend. Unterhaltsam, das ja, gelegentlich lustig, aber stets gefährlich.

Fast alles, was le Carré über Spionage weiß, lernte er nach seiner Zeit als Agent. Trotzdem umgibt ihn die Aura des Geheimnisträgers. Bis heute redet er nicht darüber, was er Anfang der Sechzigerjahre als MI6-Mann in Bonn machte. Offiziell war seine Aufgabe, bei deutschen Politikern für den britischen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu werben. Adam Sisman zufolge bestand le Carrés inoffizielle Tätigkeit darin, im Nachkriegs-Deutschland Nazi-Zellen ausfindig zu machen. Le Carré sagt: kein Kommentar. Noch viele Jahre später, le Carré hatte längst beim MI6 gekündigt, misstrauten ihm Gesprächspartner, die er zur Recherche seiner Bücher traf, weil sie dachten, er sei immer noch aktiv. Aber er sei immer Autor gewesen nach seinem Austritt 1964. "Autor, Autor, Autor!", ruft er durchs Wohnzimmer. Kein Spion.

Haben ihn die Enthüllungen von Edward Snowden überrascht? Nur die politische Reaktion darauf, sagt le Carré, nicht die Tatsache, dass Snowden möglich war. Verrat habe es immer gegeben, die Motive dafür seien so zahlreich wie die für Liebe. Was man aber aus seinen Worten heraushört sind Verzweiflung und Wut über die Gleichgültigkeit seiner Landsleute, wenn es um die britischen Geheimdienste geht.

Denn Großbritannien ist längst zu einem Land der Überwachung geworden, und die Briten zu einem der am besten beobachteten Völker der Welt. Zwischen vier und sechs Millionen Videokameras sind auf der Insel installiert, in U-Bahnen, Zügen, Krankenhäusern, auf Verkehrskreuzungen, vor Kindergärten, in Einkaufszentren. Ein Land der tausend Augen. Die meisten Briten unterstellen dem Staat die besten Motive, und hier liegt le Carrés größte Kritik. Er will, dass die Menschen misstrauischer werden. Je länger er gegen die Naivität vorging, umso wütender wurde er, ein zorniger Mann.

Le Carré schaut auf die Uhr. Er hat versprochen, seinen Sohn zurückzurufen. Als er die Tür schließt, liegt das Haus so rätselhaft und still in der Dunkelheit wie vorher.

Die Angst des Spions ist die Enttarnung. Aber vermutlich wäre noch schlimmer, wenn unter der Tarnung nichts versteckt läge, was es zu verbergen gilt. Wenn das Tuch weggezogen wird und da nur Leere ist, Banalität, kalte Angst, triste Wirklichkeit.

insgesamt 4 Beiträge
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Newspeak 10.12.2016
1. ...
In der Typologie des britischen Spions gab es bislang zwei extreme Varianten: James Bond und Alec Leamas. Wirklich? Wieso eigentlich zuerst Leamas erwähnen, wenn man John le Carré interviewt, und nicht Smiley? Und was ist mit Harry Palmer? Der gibt auch einen netten Anti-Bond ab.
palindrom 10.12.2016
2. Das Weiterdenken macht Angst
Die ganze Datensammelwut der Geheimdienste finde ich im Augenblick vor allem lächerlich. Problematisch wird es erst dann, wenn man die politische Entwicklung hin zum extremen Populismus weiterdenkt. Stelle ich mir vor, das tausendjährige Reich hätte die technischen Möglichkeiten eines GCHQ oder einer NSA gehabt, dann würde mir Angst und Bange.... und wie können wir heute sicher sein, dass wir die Gleichgültigkeit der Sammelwut gegenüber nicht eines Tages bereuen werden?
Nubari 10.12.2016
3. Es wird kein böses Erwachen geben,
sondern zunehmend stärker Manipulation betrieben werden. Wer Big Data hat und in der Lage ist, diese zu verarbeiten. hat nicht nur die Kontrolle über Meinungen und Gedanken, sondern auch die Möglichkeit zur Manipulation. Im Wahlkampf der vereinigten Staaten hat man die Zielgruppe der Trump-Kampagne derart gut mit passenden Stories, Slogans und Agitation versorgt, dass diese nahezu restlos ausgeschöpft werden konnte. Das ist wohl auf gute Analyse und Monitoring der sozialen Medien zurückzuführen, vielleicht sogar von mehr. Das wird mehr und mehr Platz greifen, wenn die Mittel dazu zur Verfügung stehen, finanzielle und die Ressourcen. Ganz sicher wird sich die Sammelwut von Daten furchtbar rächen, wenn Verfassungen nicht mehr greifen und/oder totalitär gesinnte Regierungen sich der Apparate bedienen. Ich fürchte, dass es dann schon gefährlich sein wird, nur schon die heutige Gleichgültigkeit gegenüber der Sammelwut zu bereuen.
jimbofeider 11.12.2016
4. Orwell
niemals hätte ich vor vielen Jahren träumen lassen, das ich heute, jetzt soviel an ihn deken muss. Er war ein Prophet. Wenn diese Technik,Daten eines Tages in die falschen Hände gelangt, Beispiele gibt es genug dann gnade uns Gott. Übriegens guter Artikel, fast schon Lyrisch.
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