"Anti-Trump" Jon Ossoff Der neue Darling der Demokraten (und Frauen)

Jon Ossoff ist der neue Star der US-Demokraten. Als "Anti-Trump" zieht er Geld und Euphorie an - jetzt will er einen Sitz im Kongress. Antreiber seiner Wahlkampagne sind vor allem: Frauen.

Spiegel Online

Aus Atlanta berichtet


Keine Viertelstunde hat sich Jon Ossoff herzen und knipsen lassen, da macht das erste Smartphone schlapp. "Mein Speicherplatz ist voll, du musst das aufnehmen!", ruft eine Freundin zur anderen. Sie will unbedingt festhalten, wie ihr Held über eine Vorstadtkreuzung sprintet.

Ossoff ist losgelaufen, auch wenn die Fußgängerampel rot blinkte. Kameras zoomen ran, Autos bremsen, dann erreicht Ossoff sein Ziel: eine Oma samt Rollator.

Er legt seinen Arm um die alte Dame, begleitet sie beim Wechsel der Straßenseite. Es ist das perfekte Wahlkampfbild. Bilder wie diese erklären, wie der bis vor Kurzem völlig unbekannte Jon Ossoff zum Hoffnungsträger der US-Demokraten werden konnte.

So viel Zeit muss sein: Ossoff im Wahlkampfeinsatz
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So viel Zeit muss sein: Ossoff im Wahlkampfeinsatz

Seit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus stecken die Demokraten in der Identitätskrise. In Ossoff sieht die Partei die erste Gelegenheit zur Rache an Trump - obwohl der Kandidat nur bei einer Bezirkswahl im Bundesstaat Georgia antritt.

Ossoff soll einen Kongressdistrikt im Norden Atlantas, der seit fast 40 Jahren von Republikanern gewonnen wird, für die Demokraten erobern. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Der Jungpolitiker wuchs in der Gegend auf, er kennt sie nur als Revier der Republikaner. In seinem Geburtsjahr, 1987, vertrat der Hardliner und heutige Trump-Vertraute Newt Gingrich den Bezirk im US-Kongress. Jetzt ist mit Ossoff erstmals ein Progressiver der Favorit. Einer, der die Frauenmedizin-Organisation Planned Parenthood schützen und Studiengebühren senken will.

Vor seiner Kandidatur produzierte Ossoff Dokumentarfilme, er hatte noch nie ein politisches Amt inne. Trotzdem berichten US-Medien, ob CNN oder "Cosmopolitan", seit Wochen über ihn. Bundesweit setzen Anhänger hohe Erwartungen in seinen Erfolg. Mehr als acht Millionen Dollar sammelte Ossoff für seine Kampagne. Für eine regionale Wahl ist das eine spektakuläre Summe.

Berühmt dank Trump

Seine Bekanntheit hat Ossoff, der ein Signal gegen Trump setzen soll, ironischerweise Trump zu verdanken. 435 Sitze hat das Repräsentantenhaus im US-Kongress. Als Trump den Republikaner Tom Price zum Gesundheitsminister beförderte, wurde ein Platz in Nord-Atlanta frei. Ossoff ließ sich für die Demokraten aufstellen. Überraschend hängte er seine 17 Mitbewerber schnell in Umfragen ab.

Jetzt wollen die Demokraten das Maximum aus dem Ereignis herausholen: Einen Sieg könnten sie als Symptom einer Wechselstimmung vermarkten. Das wiederum soll ihnen für die nächste große Wahlwelle, den Midterms 2018, Aufschwung geben. "Wenn Jon gewinnt, weiß Trump, dass er sich nicht zu sicher fühlen soll", sagt Julien Williams, die zur Ossoff-Kundgebung an den Stadtrand gekommen ist.

Jon Ossoff mit Anhängern
Dustin Chambers

Jon Ossoff mit Anhängern

Seine Gegner verspotten den Wirbel als Hype. "Acht Millionen Dollar würden selbst ein Eichhörnchen konkurrenzfähig machen", lästerte die konservative Kandidatin Karen Handel. Egal scheint den Republikanern Ossoffs Aufstieg aber nicht zu sein. GOP-nahe Organisationen finanzieren Werbespots, die ihn wahlweise als kindisch oder Islamisten-nah darstellen. Besonders beliebt sind Aufnahmen von Ossoff als Student, wie er angeschickert "Star Wars"-Charaktere imitiert.

"Ich saß auf der Couch und schrie den Fernseher an"

Außerhalb Georgias hat Ossoff Unterstützer quer durch die Partei, doch vor Ort sind fast ausschließlich Frauen für ihn aktiv. Eine der größten Anhängergruppen vor Ort, Pave it Blue, hat mehr als tausend Mitglieder und stammt aus einer Facebook-Gruppe für Mütter aus der Nachbarschaft.

"Bis vor Kurzem hatte ich mit Politik nichts am Hut, ich saß auf der Couch und schrie den Fernseher an", sagt Unterstützerin Sheila Levy. Jetzt klingelt sie an Haustüren, startet Telefonketten, verteilt Sticker in Einkaufszentren und Bierkneipen.

Auch anderswo in den USA ist der Protest gegen Trump weiblich geprägt, wie die Bewegung um den Women's March zeigte. Dennoch sollte man eher nicht von Ossoffs Stammbezirk auf das Mobilisierungspotenzial einer ganzen Nation schließen. Viele Frauen, die hier wohnen, können es sich leisten, an einem Wochentag morgens um neun Plakate zu schwenken. Die Gegend - weiß, wohlhabend, hohe SUV-Dichte - steht kaum für den Durchschnitt.

Ossoff-Unterstützerinnen in Dunwoody/Atlanta
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Ossoff-Unterstützerinnen in Dunwoody/Atlanta

Der "neue Obama"?

Sollte Ossoff den Bezirk endgültig von rot zu blau drehen, liegt das vielleicht auch an einem Bedürfnis nach Wohlfühlpolitik. Ossoff, der Atlanta zum "Silicon Valley des Südens" umbauen und "demokratische Werte" verteidigen will, wirkt in Menschenmengen höflich und smart. Er trägt Anzug, ist dezent abgepudert, hält die Hände der Besucher oft eine Sekunde länger als nötig.

Kontroversen vermeidet er. Fragt man Ossoff, was das Schlimmste an Trumps Regierung sei, lautet die Antwort: "Seine Haltung und Tonlage spaltet das Land, zumindest im Moment". Attacke klingt anders.

Seine Anhängerinnen sagen, Besonnenheit sei genau das, was sie an ihm mögen. "Für mich und meine Freunde ist er der neue Obama", sagt Unterstützerin Amy Nosak.

"Jeder Politiker setzt auf Angriffe und negative Botschaften, allen voran Trump. Ich habe das so satt", ergänzt Ashley Chain, deren Ehemann mit Ossoff im Uni-Chor sang. "Sein Geheimnis ist, dass er positiv bleibt, sich auf keine Schlammschlacht einlässt."

Ob das für einen Sieg reichen wird, zeigt sich am 18. April, wenn die Wahllokale schließen. Ossoffs Team plant eine große Party, allerdings könnte der Abend auch enttäuschend enden. Bekommt keiner der Kandidaten mindestens die Hälfte der gültigen Stimmen, gehen die beiden Bestplatzierten in die Stichwahl. Ossoff müsste sich bis in den Sommer hinein im direkten Zweikampf beweisen.

"Wir sind auf alles vorbereitet", sagt Aktivistin Levy. Dann schiebt sie hinterher, dass ein Sofort-Sieg natürlich besser wäre, allein für den Effekt. "Die Nation guckt auf uns."



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Seite 1
ex_berliner 14.04.2017
1. Vote Your Ossoff!
Fuer die Republikaner sind dies keine guten Zeiten. Gerade haben sie knapp einen Sitz in Kansas (!) verteidigt, der noch im November mit einem Stimmenvorspung von ueber 30 Prozent gewonnen wurde. So viel Angst hatten sie, diesen Sitz zu verlieren, dass dort gross Geld investiert wurde, wo Republikaner normalerweise beinahe unangefochten gewinnen. In Illinois haben die Demokraten gerade auf lokaler Ebene abgeraeumt, und das in Wahlen, wo sie seit zum Teil 100 Jahren nicht mehr punkten konnten. Ein deutlicher Aufwind fuer die Demokraten. Und nun hier in GA. Und nicht nur irgendwo in GA sondern im Wahlkreis den ehemals kein geringerer als Speaker Newt Gingrich repraesentierte. Es ist zu hoffen, dass Ossoff diesen Sieg im ersten Anlauf schafft. Wenn er die absolute Mehrheit der Stimmen gegen ein weites Feld von Republikanern waere das fuer die Republikaner eine totale Pleite. Georgia's 6th hat noch im November 2016 mit ueber 60% fuer den Republikanischen Kandidaten gestimmt - ein Vorsprung von 24% vor seinem Demokratischen Herausforderer. Kann ich Ossoff nur die Daumen druecken, dass ihm die Anti-Trump Stimmung in GA's 6th den Weg in den Kongress bereitet. #FlipThe6th
tmattm 14.04.2017
2. Der böse Trump ist gegen die Frauenmedizin-Organisation
Der böse Donald ist gegen Frauenmedizin, der gut Jon dafür. Ist es das, was uns die Autorin sagen möchte mit dieser Wortwahl? Zur Aufklärung: Bei "Planned Parenthood" geht es um Sexualmedizin für beide Geschlechter. In erster Linie geht es dabei um die Kontrolle der eigenen Fortpflanzung. "Planned Parenthood" ist in den USA die Anlaufstelle für Abtreibungen. Die Repubikaner sind nicht gegen Frauenmedizin, sie sind gegen Abtreibung - das klingt doch schon wieder ganz anders für den deutschen Leser (ich möchte hier ausdrüclich nicht Abtreibungen bewerten). Bitte Spiegel, weniger tendenziös die Worte wählen - ihr braucht solche rhetorischen Tricks nicht, um Trump schlecht darstehen zu lassen. Dafür genügen die harten Fakten.
alev4044 14.04.2017
3. Höchste Zeit
für einen "unverbrauchten " Newcomer.Wer in der Höhle der Löwen einenSitz ergattert, hat gute Aussichten.
gandhiforever 14.04.2017
4. Toll
Der Bezirk ist ein roter, also republikanischer (aehnlich jenem in Kandsa, wo der Vorsprung des GOPer von 30 Prozentpunkten (Trump) auf 7 schmolz. Und weil Ossoff gute Chancen hat, greifen die Republikaner wieder zu ihrem besten Wert, naemlich jenem des Luegens. Im juengsten Spot behaupten sie, der Kandidat der Demokraten sei in Washington aufgewachsen (richtig ist, dass er dort studiert hat). Sollte Ossoff siegen, dann gibt das nicht nur Mut, sondern auch Energie. Auf der anderen Seite werden die Panikglocken noch lauter toenen, der Fuehrer wird ueberlegen muessen, wo er nun Bomben fallen lassen will, um zu zeigen, wie 'handlungs'freudig er ist.
Hänschen Klein 14.04.2017
5.
@2 Eben, die Frauen haben es satt, sich von alten, weißen Männern sagen zu lassen, dass sie nicht abteiben dürfen. Was innerhalb der Frau passiert, geht nur die Frau an, so meine Ansicht. Ossoff setzt sich ausdrücklich für das Recht der Frauen ein, selbst über den Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Das ist auch keine Wertung über diesen als solchen.
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