Umgang mit 9/11-Ersthelfern Wie Jon Stewart US-Abgeordneten ins Gewissen redete

Der US-Kongress muss neu über einen Hilfsfonds für erkrankte 9/11-Ersthelfer entscheiden. Zu einer Anhörung kamen zahlreiche Opfer - aber kaum Politiker. Der frühere TV-Moderator Jon Stewart reagierte äußerst emotional.

Zach Gibson/ AFP

"Sie haben ihren Job gemacht. Jetzt, 18 Jahre später, machen Sie Ihren!" Mit einem emotionalen Appell hat sich der einstige TV-Moderator Jon Stewart an den US-Kongress gewandt und die Politiker dazu aufgefordert, die finanziellen Hilfen für diejenigen Menschen sicherzustellen, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Erste im Einsatz waren - und die dabei schwere Gesundheitsschäden davontrugen.

Bis heute haben zahlreiche der Ersthelfer mit den gesundheitlichen Folgen zu kämpfen. 2001 wurde ein Hilfsfonds (Victim Compensation Fund) für sie eingerichtet, nach langen Debatten in Washington wurde er 2011 und 2015 mit neuen Mitteln ausgestattet. Nun sind diese fast erschöpft - und der Kampf um die Finanzen geht erneut los.

Zu der aktuellen Anhörung in Washington erschienen nun etliche der 9/11-Ersthelfer. Die Reihen der Abgeordneten waren hingegen ausgedünnt. "Die Helfer vom 11. September sind hierhergekommen, krank und sterbend, um zu sprechen", sagte Stewart. Aber niemand sei nun da, um ihnen zuzuhören. "Das ist eine Schande für das Land, und es ist eine Schande für dieses Parlament."

Die Gleichgültigkeit der Abgeordneten koste die Männer und Frauen im Saal ihr wertvollstes Gut, sagte Stewart. "Zeit. Es ist das einzige, was ihnen davonläuft."

Seit 18 Jahren hätten die Ersthelfer gekämpft, sagte Stewart. "Sie haben gekämpft, als ihnen niemand glaubte, krank zu sein. Sie haben gekämpft, als ihnen niemand glaubte, dass ihre Krankheit durch 9/11 verursacht wurde. Sie haben gekämpft, als niemand dachte, ihre medizinische Versorgung sei es wert, bezahlt zu werden."

Neben Stewart kamen auch mehrere der Ersthelfer selbst zu Wort, außerdem Hinterbliebene von Menschen, die an den Folgen des Einsatzes gestorben waren.

Jon Stewart umarmt John Feal, der eine Stiftung zur Unterstützung von US-Einsatzkräften mitgegründet hat
Zach Gibson/ AFP

Jon Stewart umarmt John Feal, der eine Stiftung zur Unterstützung von US-Einsatzkräften mitgegründet hat

Stewart wurde während seiner Rede immer wieder laut, an einigen Stellen brach ihm die Stimme. "Es tut mir leid, wenn ich wütend und undiplomatisch klinge", sagte er. "Aber ich bin wütend. Und das sollten Sie auch sein." Als er seine Rede beendete, standen die Menschen im Saal auf und applaudierten.

Auch in den sozialen Netzwerken bekommt Stewart für seinen Auftritt viel Lob. Moderator Jimmy Kimmel bedankte sich bei Stewart dafür, dass er sicherstelle, dass "Never Forget" nicht nur ein nett klingender Spruch sei. "Perfekt. Danke, Jon Stewart", schrieb Schauspielerin Julia Louis-Dreyfus.

Stewart hatte 16 Jahre lang die "Daily Show" moderiert und galt als das linke Gewissen Amerikas. 2015 übergab er die Show an seinen Nachfolger Trevor Noah. In seinen Sendungen hat sich Stewart immer wieder mit emotionalen Reden an seine Zuschauer gewandt: Zum Beispiel unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder 2015 nach dem Massaker in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston.

Video: Chronik des 11. September 2001

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aar

insgesamt 32 Beiträge
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hüppelmütz 12.06.2019
1. Der Beste
Es gibt noch jede Menge alte Folgen der daily Show auf YouTube...kann ich nur empfehlen. Der Mann ist eine lebende Legende und so authentisch und smart, dass er als der Maßstab für die perfekte Verbindung von Unterhaltung und Gesellschaftskritik bezeichnet werden kann - und das auf hohem Niveau. Erschütternd ist dabei halt nur, dass es wenig bewirkt - und das war auch der Grund, warum er sich zurück gezogen hat. Wobei man nochmal unterscheiden muss zwischen Politikern, die nunmal so sind wie sie sind, und den Wählern/Konsumenten, die nach ihrer Bequemlichkeit und ihrem Portemonnaie entscheiden (und damit die eigentliche Ursache allen Übels sind).
stefan.p1 12.06.2019
2. Ein Skandal,
wie der amerikanische Kongress mit seinen einst so hochgelobten Helden umgeht. Ein pikantes Detail wurde bei der Reprotage wohl vergessen: Sprecherin des Kongress ist Nancy Pelosi..... Solche Geesten hinterlassen im nationalen Amerika Spuren @ Wiederwahl Trump
ingenieur-aus-überzeugung 12.06.2019
3. USA, das Vorbild
In meiner Jugend waren die USA der Staat, der versprach für die Menschen da zu sein. Von der Apartheid sich lösend, dachte ich, das die USA die Nation sei, an der sich die Welt, die frei und Liberal sein möchte, Orientierung holen kann. Sicher, da habe ich vieles nicht gesehen, was auch damals nicht gut war. Was aber jetzt dort abgeht....was muss passiert sein, dass das Land, die Menschen dort derartig abartig mit Menschen umgeht. Ich stehe fassungslos da......
Ashurnasirapli 12.06.2019
4.
In den meisten Industrienationen würde die Beitragszahler einer gesetzlichen Versicherung solidarisch dafür aufkommen, aber die konservativen Medien überzeugen die Wähler dort immer noch sehr erfolgreich, dass zB Skandinavien äquivalent zu Stalinismus ist.
severus1985 12.06.2019
5. John Stuart for President
Die "Daily Show" war immer genial, John Stuart ein brillianter Kopf. Humoristisch ohne Klamauk. Er hätte gute Chancen, zum Präsidenten gewählt zu werden, sollte er jemals Lust auf diesen Job haben.
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