Fotostrecke

Jonathan Pollard und Marwan Barghuti: Zweifelhafte Helden in Haft

Foto: © Ho New / Reuters

Amerikanischer Nahost-Poker Tausche Top-Spion gegen Top-Terrorist

Die USA sollen einen verurteilten Agenten freilassen, damit Israelis und Palästinenser weiter über einen Frieden verhandeln. Jonathan Pollard sitzt seit 1985 in US-Haft. Ein Ex-Geheimdienstler sagt: "Nur Snowden hat einen größeren Verrat begangen."

Als Jonathan Pollard seinen letzten Tag in Freiheit genoss, regierte im Weißen Haus noch Ronald Reagan, an der Spitze der US-Albumcharts stand der Soundtrack von "Miami Vice". Seit November 1985 sitzt der heute 59-Jährige im Gefängnis, fast die Hälfte seines Lebens hat Pollard hinter Gittern verbracht.

Nun kann er auf seine Freilassung hoffen: Pollard könnte im Zuge der Nahost-Friedensverhandlungen aus der Haft entlassen werden, berichten US-amerikanische und israelische Medien übereinstimmend. Demnach berät US-Außenminister John Kerry in den Geheimgesprächen mit Israelis und Palästinensern folgendes Szenario: Israel lässt 26 wegen Mordes verurteilte Palästinenser und israelische Araber frei. Unter ihnen soll mit Marwan Barghuti auch der Mann sein, der als Drahtzieher der zweiten Intifada gilt und 2004 von einem israelischen Gericht zu fünffach lebenslanger Haft verurteilt wurde. Außerdem verpflichtet sich Israel zu einem Stopp des Siedlungsbaus. Im Gegenzug begnadigen die USA Pollard.

So will Kerry die festgefahrenen Verhandlungen retten und ein Übergangsabkommen zwischen den Konfliktparteien erreichen. Die Zeit dafür drängt: Am 29. April endet nämlich die Neun-Monats-Frist, die bei Beginn der Gespräche als Zeitrahmen für eine Einigung vereinbart worden war.

Netanjahu besuchte Pollard im Gefängnis

Der gebürtige Texaner Pollard spielt nun eine Rolle bei den Gesprächen in Jerusalem und Ramallah, weil er ein israelischer Top-Spion war. Etwa anderthalb Jahre lang gab der Nachrichtenoffizier der US-Marine geheime Unterlagen an den israelischen Geheimdienst Laham weiter, der nach Bekanntwerden der Affäre aufgelöst wurde. Das FBI kam Pollard auf die Schliche, er wurde festgenommen und im März 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Welche Geheimnisse der israelische Spion weitergab, ist bis heute weitgehend unbekannt. Weil sich der Angeklagte im Prozess von vornherein als schuldig bekannte, waren wichtige Details der Affäre nicht Gegenstand der Verhandlung. Zudem halten die US-Behörden alle brisanten Unterlagen zum Fall Pollard unter Verschluss.

Vielen Israelis gilt der Agent als Held. Jüdische Siedlungen im Westjordanland und in Ostjerusalem haben Pollard zum Ehrenbürger erkoren und Gebäude nach ihm benannt. Die israelische Regierung bemüht sich seit Jahren um seine Freilassung. 2002 besuchte Benjamin Netanjahu während seiner Zeit als Oppositionsführer den Häftling in seinem Gefängnis in North Carolina.

Der heutige Premier Netanjahu und andere Pollard-Unterstützer porträtieren den Verurteilten als selbstlosen Patrioten, der aus Sorge um das Überleben seines jüdischen Volkes gehandelt habe. "Pollard ist ein Zionist, der aus einem falsch verstandenen rassischen Imperativ seine Verpflichtung für das Überleben Israels über die Gesetze seines eigenen Landes gestellt hat", sagte der langjährige Harvard-Jurist Alan Dershowitz, der Pollard als Anwalt vertrat, über seinen Mandanten.

Auch der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger und mehrere Kongressabgeordnete haben sich für eine Begnadigung ausgesprochen. Sie verweisen darauf, dass kein anderer enttarnter Agent eines befreundeten Landes so lange hinter Gittern sitzen musste. Außerdem werde von Israel ja auch erwartet, verurteilte Mörder freizulassen.

Starben US-Agenten wegen Pollards Verrat?

Doch gleich drei US-Präsidenten - von Bill Clinton über George W. Bush bis zu Barack Obama - haben die Forderung nach Pollards Freilassung bislang zurückgewiesen. Auch sie haben prominente Fürsprecher für ihre Haltung - unter anderem haben sich Donald Rumsfeld, Dick Cheney und fünf weitere Ex-Verteidigungsminister strikt gegen eine Begnadigung ausgesprochen. Der damalige CIA-Chef George Tenet soll 1998 gar seinen Rücktritt für den Fall angedroht haben, dass der Spion freigelassen würde.

Führende US-Geheimdienstler widersprachen öffentlich dem Bild des israelischen Patrioten , stattdessen habe er aus Geldgier gehandelt. Aus geheimen Unterlagen gehe hervor, dass sich Pollard drei anderen Geheimdiensten angeboten hatte, bevor er sich an die Israelis wandte.

Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh behauptete 1999 , der Schaden, den der Agent angerichtet habe, sei weitaus größer als allgemein angenommen. Israel habe während des Kalten Kriegs einen Teil der Informationen an die Sowjetunion weitergegeben, um im Gegenzug die Emigration von Juden aus der Sowjetunion nach Israel zu erreichen. Möglicherweise seien dadurch sogar US-Agenten im Ostblock enttarnt und anschließend hingerichtet worden.

Thomas Brooks, Ex-Chef des Marine-Geheimdiensts der USA, sagte erst am Montag, das Ausmaß von Pollards Geheimnisverrat sei nur vor Edward Snowden überboten worden.

Trotzdem könnte seine Freilassung nun bevorstehen - angeblich noch vor dem Pessachfest, das am 14. April beginnt. Sollte Washington eine Begnadigung weiterhin ablehnen, müsste Pollard noch mindestens bis zum 21. November 2015 warten. Frühestens 30 Jahre nach seiner Verhaftung könnte er nach US-Recht freikommen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.