Jordanien Das erzwungene Schweigen der Islamisten

Rund um den Irak mobilisieren Islamisten Tausende von Arabern, die gegen die USA auf die Straße gehen. In Jordanien jedoch werden Kriegsgegner mit einem perfiden System der Abschreckung von Polizei, Geheimdiensten und einer staatlich gelenkten Desinformation klein gehalten.

Von , Amman


Scheichs Hamsi Mansour: "Der Krieg ist eine Sünde gegen den Islam"
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Scheichs Hamsi Mansour: "Der Krieg ist eine Sünde gegen den Islam"

Amman - Die Stunden nach dem Freitagsgebet sind in der jordanischen Hauptstadt Amman die Momente des leisen Protestes. Auch am neunten Kriegstag sammeln sich in der jordanischen Hauptstadt um einige der Dutzenden von Moscheen einige Hunderte Männer und machen ihrer Wut Luft. In Sprechchören geißeln sie die Kriegstreiberei der USA gegen die irakischen Brüder und Schwestern und demonstrieren die Einigkeit aller Araber gegen die verhasste Weltmacht.

Lange jedoch gehen die Protestmärsche an diesem Freitag nicht. Hart drischt die Spezialpolizei mit Schlagstöcken auf die Protestler ein. In einer Hetzjagd durch die engen Straßen der Palästinenserlager treibt sie die Kriegsgegner in die Nebenstraßen. Die uniformierten Regierungsvertreter waren von Beginn an in der Überzahl. Daneben mischen sich Dutzende von Männern in den Protestmarsch, die kaum versteckt in ihre kleinen Walkie-Talkies sprechen und die Lage hinter ihren dunklen Sonnenbrillen beobachten.

Hauptsache Ruhe

Das Ziel der jordanischen Regierung und des Königs Abdullah ging auch an diesem Freitag auf. Wieder einmal blieb es im Königreich ruhig - und trotzdem kann sich die Regierung am Ende des Tages sagen, dass sie Demonstrationen gegen de Krieg nicht grundsätzlich verbietet. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Ländern im Krisengebiet konnte die Staatsmacht jedoch verhindern, dass die jordanische Bevölkerung ihrem starken Hass gegen den Krieg der USA im Irak freien Lauf ließ. Vor allem aber, dass die Bevölkerung wegen der aktiven Hilfestellung der eigenen Regierung gegen ebendiese auf die Straße geht.

Doch es ist nicht nur die starke Polizeipräsenz auf den vielen kleinen Demonstrationen im ganzen Land, die für die Ruhe in Jordanien sorgt. Wie in Kuweit, Saudi-Arabien, Katar oder Bahrain sehen sich auch die Führer des jordanischen Regimes im schwierigen Spagat. Auf der einen Seite machen sie gegen reichlich Wirtschaftshilfe gemeinsame Sache mit den USA, auf der anderen müssen sie ihrem Volk das Gegenteil verkaufen.

In Kairo rufen die Imame schon zum Djihad

Ein wichtiges Element dieser Taktik ist in Jordanien die Kontrolle der Islamisten. In Ländern wie Ägypten oder Syrien, wo die Proteste längst Hunderttausende auf die Straße bringen, spielen die Imame, die Prediger und Gelehrten eine wichtige Rolle beim Anstacheln der öffentlichen Wut. Offen hetzen sie in Moscheen und bei jeder anderen Gelegenheit gegen die USA und erklären den Kampf George W. Bushs gegen Saddam Hussein zu einem Kampf gegen alle Araber. Viele bewegen ihre Anhänger sogar zum heiligen Djihad gegen die USA, "weil unsere arabische und islamische Gemeinschaft in einem neuen Kreuzzug gegenübersteht“, wie es in einer Erklärung der sonst gemäßigten al-Azhar-Universität von Kairo heißt.

Islamistenzentrale in Amman: Gängelei der Behörden, der Polizei und der Geheimdienste
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Islamistenzentrale in Amman: Gängelei der Behörden, der Polizei und der Geheimdienste

Ganz anders in Jordanien. Zwar gibt es auch hier einen Ableger der mächtigen Muslimbrüderschaft, die "Islamic Action Front“ des Scheichs Hamsi Mansour. In einem zweigeschossigen Haus sitzt der IAF-Generalsekretär in seinem Büro. Gegenüber seines Schreibtisches ein gigantisches Bild der al-Quds-Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg. Schon im Aufgang scheint der Besucher einen Eindruck der Schlagfertigkeit der IAF zu bekommen: Bilder von Selbstmordattentätern schmücken die Wände, ebenso wie Helden der palästinensischen Hamas.

Wer jedoch in diesen Tagen den Worten des Scheichs zuhört, spürt förmlich die Angst, die er nach der jahrelangen Gängelei der Behörden, der Polizei und der Geheimdienste hat. Freilich sagt Mansour scheinbar offen, dass der Krieg gegen den Irak eine "Sünde gegen den Islam ist“. Die gleiche Parole hat er auch in einem großen Banner am Gebäude aufhängen lassen. Mansour weicht indes bei jeder Frage aus, die Kritik an seiner Regierung oder gar am König selbst provozieren könnte. Dass mittlerweile Tausende US-GIs im Land sind und dass von jordanischen Flughäfen amerikanische Jets mit Nachschub für die Front starten und landen, will er nicht wissen. "Wenn es so wäre, wäre das ein Skandal“, sagt er und selbst diese Aussage muss man ihm abringen.

Heucheln um des Friedens willen

Offener wird der Islam-Gelehrte nur, wenn es um die USA geht. "Die Amerikaner führen keinen Krieg gegen den Irak, sondern gegen die ganze Welt“, sagt er dann und dass er "“stolz sei, wie sich die Iraker verteidigten. Doch obwohl es haufenweise Zeugen, starke Indizien und sogar Bilder von US-Tankfahrzeugen in Jordanien gibt, heuchelt Mansour Unwissenheit um die US-Präsenz. Ihm habe eine "hochgestellte Persönlichkeit“ aus der Regierung versichert, dass es keine Unterstützung der USA gebe. Und gar, dass die Beziehungen mit den USA immer kühler würden. Ganz allgemein fügt er später hinzu, dass jede Regierung, die nicht gegen die USA vorgehe, von seiner Partei bekämpft würde. Den Namen des eigenen Premiers nennt er freilich nicht.

König Abdullah, US-Präsident Bush: schweigsame Gefolgschaft
AFP

König Abdullah, US-Präsident Bush: schweigsame Gefolgschaft

Das Schweigen des Islamisten Mansour hat handfeste Gründe. Er selber hat die Art des Umgangs mit Regimegegnern in Jordanien am eigenen Leib gespürt. Mehrmals schleppte ihn die Polizei nach Hetzreden gegen die eigene Regierung zu brutalen Verhörs. Zeitweise schleuste der Geheimdienst sogar mehrere Mitarbeiter in die Führungsebene der IAF ein, um den Scheich und seine Glaubensbrüder unter Kontrolle zu halten. Die Folgen der ausgeübten Staatsmacht spürt man nun in jeder seiner vorsichtigen Antworten und bei jeder seiner meist sehr ausgewogenen Reden. Statt wie viele seiner Kollegen in anderen Ländern zu Protesten und Aufruhr aufzustacheln, predigt Mansour die öffentliche Ordnung.

Listen mit Regimegegnern

Ähnliche Methoden wie bei dem Islamistenführer wirken in ganz Jordanien. Ein unfassendes System der Kontrolle mit kleinen Bestrafungen wie Studienverbot für Kinder von Protestlern und einer rüden Polizei haben viele Jordanier in den vergangenen Jahren in Angst versetzt. Immer wieder berichten Kriegsgegner hinter vorgehaltener Hand von Namenslisten, die vom mächtigen Geheimdienst angelegt würden. Oder von Polizei-Kommandos, die Regimegegner für einige Stunden mit zu brutalen Verhören nähmen. Auch wenn es sich bei den Geschichten nur um Legenden handeln sollte, verfehlen sie ihre Abschreckungswirkung nicht.

Ebenso gut funktioniert noch immer die Desinformation durch die staatlich gelenkte Presse. Kein Wort über die US-Truppen im eigenen Land und seitenlange Auszüge der Redetexte des Königs schmücken die arabisch- und englischsprachigen Zeitungen des Wüstenstaates. Selbst wenn durch die Präsenz der internationalen Presse bei allen Gelegenheiten die richtigen Fragen nach den US-Basen im Land gestellt werden und diese auch im überall zu sehenden Satellitenfernsehen gesendet werden, tauchen sie einen Tag später in der jordanischen Presse nicht auf.

Verschleiern statt verschweigen

Es ist eine geschickte Zensur, welche die staatlichen Lenker der Presse jeden Tag produziert. So tauchen die amerikanischen Dollar-Geschenke für die jordanische Hilfe beim Irak-Krieg durchaus in den Zeitungen auf. Doch sie werden ganz einfach nicht mit der US-Präsenz in Zusammenhang gestellt. So wurden die 1.1 Milliarden Dollar, die George W. Bush in seinem Kriegsbudget für den treuen König Abdullah bereit stellen will, auf der Seite eins der "Jordan Times“ schlicht als Ausgleich für die wirtschaftlichen Schäden des Landes verkauft.

Dass sich an dem bestehenden System nach einem möglichen Ende des Irak-Kriegs etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich. Vermutlich nur die Islamisten der IAF könnten genug Leute auf die Straße bringen, um im Land etwas zu bewegen. Doch IAF-Generalsekretär Hamsi Mansour winkt schnell ab. "Wir glauben nicht an eine Konfrontation, sondern an die kleinen Schritte“, sagt er. "Außerdem gibt es eine den USA fest zugesagte Politik, die es verbietet, dass eine islamische Partei an die Macht kommen kann“, fügt er hinzu. Zumindest in diesem Punkt hat er einmal keine Nebelkerze geworfen.



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