Mord an jordanischem Piloten Ein Land vor der Spaltung

Die Ermordung des Piloten Muaz al-Kasaesbeh durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" entsetzt Jordanien. König Abdullah II. kämpft um die Einheit des Landes und gerät unter Druck der Familie des getöteten Piloten.


Berlin - Die Ermordung des Piloten Muaz al-Kasaesbeh droht Jordanien tiefer zu spalten. Die durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) veröffentlichten Bilder haben ihr Ziel erreicht: Sie haben die Menschen verstört.

In einer Fernsehansprache wandte sich König Abdullah II. noch am Dienstagabend an sein Volk und mahnte das Land zur Einheit. "In diesen schwierigen Zeiten ist es die Pflicht aller Bürger, die Reihen zu schließen", sagte er. Jordaniens Bevölkerung besteht etwa zur Hälfte aus Stämmen, von denen sich manche als Ur-Jordanier betrachten, und zur Hälfte aus palästinensischen Flüchtlingen und ihren Nachkommen.

Die Politik des Königshauses, sich an der US-geführten Koalition gegen den IS zu beteiligen, polarisiert das Land: Viele Jordanier sehen die Konflikte in den Nachbarländern nicht als ihr Problem an. Manche verstehen nicht, warum die Koalition gegen den IS vorgeht, aber nicht gegen das syrische Regime, das noch mehr Zivilisten ermordet.

Zudem gibt es in Jordanien IS-Sympathisanten. Ihre Wut auf das Königshaus wächst. Vergangenes Jahr organisierten sie bereits kleine Pro-IS-Demonstrationen im Süden des Landes. Die Arbeitslosigkeit ist dort hoch. Manche Jordanier aus dem Süden fühlen sich von Amman vernachlässigt. Jordanische IS-Sympathisanten könnten in dem Land Anschläge verüben, statt für ihre gewaltsame Mission nach Syrien oder in den Irak zu reisen.

Jordanien steht durch die Bürgerkriege in den Nachbarländern Irak und Syrien unter enormem Druck: Das kleine Land mit knapp sieben Millionen Einwohner hat rund 800.000 Flüchtlinge aufgenommen. Bis Ende des Jahres werden es eine Million sein, schätzt das Uno-Flüchtlingswerk. Viele Jordanier grummeln schon: Die Flüchtlinge konkurrieren mit ihnen um Arbeitsplätze und treiben Mietpreise in die Höhe.

Öffentlich wurde in den vergangenen Wochen bereits Kritik an König Abdullah II. laut, ein in Jordanien unerhörter Vorgang. Die einflussreiche Familie des getöteten Piloten Muaz al-Kasaesbeh organisierte Proteste, während offiziell noch Verhandlungen zwischen Amman und dem IS liefen.

Die Kasaesbehs sind ein wichtiger Stamm im Süden Jordaniens. Sie sind Verbündete des Königshauses und helfen dabei, die Kontrolle über diesen Teil des Landes zu bewahren. Nun hat die Kasaesbeh-Familie von der grausamen Ermordung des Piloten erfahren. Amman sagt, er sei bereits am 3. Januar getötet worden. Seit wann aber war das Königshaus informiert?

Der Clan ist wütend und fordert vom Königshaus energisches Handeln. So verlangt der Vater des getöteten Piloten massive Schläge seines Landes gegen den IS.

Der König gerät unter Zugzwang und versucht, Entschlossenheit zu zeigen: Zwei zum Tode verurteilte Terroristen wurden nach Veröffentlichung des Videos hingerichet. Es handelt sich um die 44-jährige Sadschida al-Rischawi und Ziad al-Karbouli. Ob die beiden Verbindungen zur aktuellen IS-Führung haben, ist mehr als fraglich - beide sind bereits seit neun Jahren in Jordanien in Haft. Sie waren Mitglieder der irakischen al-Qaida, des IS-Vorläufers. Welche Wirkung diese Hinrichtungen haben, ist unklar. Sie könnten als Racheakte interpretiert werden und das Land weiter polarisieren.

Jordanien beschert dem IS so unfreiwillig einen Erfolg: Die Terrororganisation kann die beiden hingerichteten Radikalislamisten nun für sich vereinnahmen und als Märtyrer darstellen. Rischawi und al-Karbouli waren Vertraute des berüchtigten jordanischen Top-Terroristen Abu Musab al-Zarqawi, der 2006 von den USA im Irak getötet wurde.

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