Jordanien nach den Anschlägen Der König und die Essenz des Islam

Wird sich Jordanien von den Qaida-Anschlägen erholen und seinen friedlichen, prowestlichen Kurs beibehalten - oder gelingt es den Terroristen, das Klima im Land zu verändern? Im Kampf gegen den Terror steht das Königreich vor ähnlichen Fragen wie westliche Staaten.

Von Yassin Musharbash, Amman


Amman - Woher stammten die Attentäter, die vorgestern in Amman fast 60 Menschen töteten, darunter über 30 Jordanier? Wie ein Damoklesschwert hängt diese Frage über dem kleinen Königreich, und wird an jeder Ecke diskutiert.

König Abdallah im TV: "Wir sind zum Ziel geworden"
AFP

König Abdallah im TV: "Wir sind zum Ziel geworden"

Terror aus der Mitte der eigenen Gesellschaft? Genau wie in Großbritannien nach den Anschlägen von London ist diese Vorstellung auch in Jordanien die schmerzhafteste. Gerüchte, denen zufolge die Mörder mit irakischem Akzent sprachen, finden deshalb bereitwillig Gehör, auch wenn jede Bestätigung noch aussteht. Die Tatsache, dass unter 12 verhafteten potenziellen Mitverschwörern Jordanier sind, wird dagegen kaum diskutiert.

Die Bombenserie hat Jordaniens Selbstverständnis als friedliches, sicheres Land in einer chaotischen und blutgetränkten Umwelt erschüttert. "Wir sind wegen unserer Mission, die Essenz des toleranten Islam zu bewahren, zum Ziel geworden", fasste König Abdallah II. dieses Gefühl in einer Ansprache in Worte. Sämtliche Tageszeitungen variierten dieses Thema heute in ihren Leitartikeln. Das Land ist sich einig: Der auf Ausgeglichenheit ausgerichtete politische Kurs darf nicht angetastet werden.

Das wäre in der Tat ein kapitaler Fehler. Denn das vorsichtige Manövrieren zwischen Westen, arabischer Welt und einem lauwarmen Frieden mit Israel ist die Lebensversicherung des armen Landes. Es gibt kaum etwas Ungemütlicheres, als zwischen Palästina/Israel, dem Irak, Syrien und Saudi-Arabien zu existieren - nur wer es schafft, sich nirgendwo hineinziehen zu lassen und die USA, den faktischen Hegemon des Nahen Ostens, nicht zu verärgern, kann in dieser geopolitischen Schlangengrube überleben.

Außenpolitische Turbulenzen sind also nicht zu erwarten; zwar sagte der König eine anstehende Israelreise erst einmal ab, um Provokationen vorzubeugen. Aber das wird das Verhältnis nicht belasten - die Israelis haben Verständnis, auch sie sind an einem stabilen Jordanien interessiert, schon weil über die Hälfe der Bürger Palästinenser sind. Ähnliches gilt für die Beziehungen zu den USA. Ausdrücklich betont die Regierung heute, dass sie keine ausländische Hilfe in Anspruch nimmt; das muss nicht stimmen, ist aber klug zu sagen. Die USA wissen trotzdem, was sie an dem kleinen Verbündeten haben. Die Jordanier, und zwar nicht nur der König, sondern auch die Parteien, sind klug genug, diese Lebensversicherungen nicht aufzukündigen.

"Sarkawi, Du Tier, verschwinde von hier!"

Die wahre Bewährungsprobe aber wird sich im Inneren abspielen. "Sarkawi, Du Tier, verschwinde von hier!", skandierten gestern Nacht Tausende Jordanier auf den Mahnwachen vor den drei Hotels - eine klare Mehrheit von ihnen lehnt den islamistischen Terrorismus ab. Doch mit ihren Parolen gaben sie zugleich etwas zu, was Jordanien eigentlich lieber vor sich selbst verheimlicht: Dass es hier durchaus Unterstützer al-Qaidas gibt, dass es nicht ausgeschlossen ist, dass Jordanier eine Rolle bei den Anschlägen spielten, dass die Ruhe, die sie so schätzen, viel gefährdeter ist, als sie wahrhaben wollen.

Es klingt ironisch, aber trotz seiner prekären Lage setzt sich das Land zum ersten Mal ernsthaft mit dem Phänomen des Qaida-Terrors auseinander. Abu Musab al-Sarkawi, der Anführer der irakischen al-Qaida und mutmaßlicher Drahtzieher des Blutbads, ist Jordanier; fast zehn Prozent derer, die sich für ihn im Irak in die Luft sprengen, stammen von hier. Aber das Wissen darüber ist in Jordanien nur bei der politischen Elite und den Unterstützern vorhanden. "Wer ist eigentlich Sarkawi? Was will er?", fragen sich in diesen Tagen viele Jordanier zum ersten Mal. Auf Jordanien kommt eine mit einer Identitätskrise gepaarte Zerreißprobe zu; nicht auszuschließen, dass das schmerzhaft wird. Ist es möglich, den Terror zu bekämpfen und den offenen Charakter des Landes nicht zu verändern?

"Zero Tolerance"

"Jede Bürgerin und jeder Bürger", sagte der König gestern, sei fortan als Soldat zu betrachten im Kampf gegen den Terror. Während er hier spreche, sekundierte der stellvertretende Premier Marwan Mu'aschar heute auf einer Pressekonferenz, würden auf dem Flughafen die neuen Metalldetektoren ausgepackt, die der Staat geordert habe und die künftig vor jedem Hotel und Regierungsgebäude zu finden sein werden. "Zero Tolerance", kündigte Mu'aschar an, werde Jordanien künftig gegenüber solchen Bürgern üben, die Selbstmordattentate guthießen. Diese Statements deuten an, dass eine Entwicklung Jordanien nicht erspart wird: Die in ein Land, das künftig von gehörig mehr Misstrauen und Angst geprägt sein wird.

Der jordanische Geheimdienst gilt als einer der besten der Region und hat etliche Anschläge verhindert. Aber er agiert nicht Samthandschuhen - und die Islamisten im Land werden das nun noch mehr zu spüren bekommen. Die Kluft zwischen klammheimlichen Terrorunterstützern und offenen Terrorgegnern wird sich vertiefen - an sich eine wünschenswerte Entwicklung; aber in Ägypten und Saudi-Arabien hat sie nicht zum Sieg über den Terror geführt, sondern dazu, dass die Terroristen in den Untergrund gehen. Die Argumente der Terrorsympathisanten bestehen schließlich weiter.

Einen offiziellen "Tag der Wut" und eine "Nacht der Kerzen" hat Jordanien seit der Bombenserie hinter sich - heute ist der erste Tag des neuen Jordanien nach den Anschlägen. Die Lage ist angespannt, zu Recht. Sarkawi wird nicht aufhören, das Land zu bedrohen. Aber Jordaniens Antwort kann trotzdem nur darin bestehen, sich nicht zum Polizeistaat bomben zu lassen - schon wegen der Touristen, der einzigen Einnahmequelle. Gelänge es dem Land hingegen, nur etwas unfreundlicher zu werden, wo es nötig ist, und ansonsten so freundlich und offen zu bleiben, wie es ist und wo es unverzichtbar ist - es wäre nicht das Schlechteste. Und stünde in der guten Tradition jordanischer Ausgewogenheit.



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