Fischer und Soros über Ukraine-Krise Lob für Merkel, Hoffnung für EU

Ein Ex-Außenminister und ein Spekulant diskutieren über die Ukraine-Krise - und sind sich dabei meistens einig. Joschka Fischer und George Soros sehen im Konflikt mit Russland eine Chance für die EU, schnelle schärfere Sanktionen lehnen sie ab. Überraschend: Beide loben das Handeln der Kanzlerin.
Ex-Außenminister Fischer (Archivbild mit Krawatte): Große Einigkeit mit Soros in Sachen Ukraine

Ex-Außenminister Fischer (Archivbild mit Krawatte): Große Einigkeit mit Soros in Sachen Ukraine

Foto: Maciej Kulczynski/ picture alliance / dpa

Berlin - Es ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Abend. Wann hat die Heinrich-Böll-Stiftung schon einmal so viel Gewicht auf ihrer Bühne versammelt? Ein vielfacher Milliardär, zugleich einer der rührigsten Philanthropen weltweit, zusammen mit einem der prägendsten deutschen Politiker der vergangenen Jahrzehnte. George Soros und Joschka Fischer diskutieren über die Ukraine-Krise und die EU, arrondiert von der grünen Europapolitikerin Rebecca Harms. Sie stimmen dabei weitestgehend überein, der Spekulant und der Ex-Außenminister. Und am Ende teilen sie auch noch das Lob über Angela Merkels Agieren in der Krise.

Wie gesagt, es ist ein erstaunliches Aufeinandertreffen. Aber der Reihe nach.

Soros, 83, und Fischer, 65, sind gute Bekannte. Also per Du: "George", dunkler Anzug, purpurne Krawatte und "Joschka", dunkler Anzug, keine Krawatte. Der Grünen-Politiker war sogar auf der Hochzeit des Multi-Milliardärs im vergangenen September eingeladen. Fischer pflegt seine Kontakte aus rot-grünen Regierungszeiten - besonders an die amerikanische Ostküste. An der Elite-Universität Princeton nahe New York hatte der Grünen-Politiker eine Gastprofessor inne, außerdem ist er geschäftlich mit dem Beratungsunternehmen der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright verbandelt.

Soros und Fischer wurden schon verwechselt

Aber auch wenn die chinesische Wochenzeitung "Qingnian Cankao" vor knapp drei Jahren eine Geschichte über Soros mit Bildern von Fischer illustrierte - verwechseln kann man sie nun wirklich nicht. Zumal ihre Wege genau entgegengesetzt verlaufen sind: Fischer wurde erst in den vergangenen Jahren vom Politiker zum Geschäftsmann, der Hedgefonds-Guru Soros versucht dagegen immer mehr, sich politisch Einfluss zu verschaffen.

Dass sie jetzt in der Grünen-nahen Böll-Stiftung zusammen sitzen, hat einerseits mit den Ereignissen in und rund um die Ukraine der vergangenen Wochen und Monate zu tun, aber auch mit dem neuen Buch des Amerikaners. Es heißt "Wetten auf Europa - warum Deutschland den Euro retten muss, um sich selbst zu retten" und Soros hat es dieser Tage in Berlin und Frankfurt am Main vorgestellt. Aber gerade drängt sich eher die Frage auf, ob Deutschland und die EU möglicherweise erstmal die Ukraine retten müssen.

Für Soros ist auch das ein wichtiges Thema, denn seine Stiftungen und Thinktanks sind in vielen osteuropäischen Ländern engagiert, auch der Ukraine. Besonders setzt sich Soros für Demokratieprozesse in einst autoritären Staaten ein.

Nun sagt er: "Diese Krise ist eine Chance für die EU, sich neu zu erfinden, denn sie war immer eine politische Union." Fischer sieht das ähnlich. Für Soros kann nur eine einige Europäische Union der Ukraine beistehen und sich Russland entgegen stellen. Sie muss gemeinsam eine Antwort auf die russische Aggression nach dem Sturz des bisherigen Regimes in Kiew finden, auf die Annexion der Halbinsel Krim durch Moskau mithilfe eines fadenscheinigen Referendums.

Fischer: "Schwäche erzeugt Ärger"

Und zwar fürs erste, indem die EU der Ukraine politisch und wirtschaftlich auf die Beine hilft. Das sei viel wichtiger, als Russland zu strafen, sagt Soros. Auch darin stimmt sein Freund Fischer überein. "Keiner kann ein Interesse an einem innenpolitisch destabilisierten Russland haben", sagt er. "Schwäche erzeugt Ärger."

Eigentlich sind Soros und Fischer hemmlungslose Schwarzseher. Er "denke stets an die negativsten Folgen, die man sich vorstellen kann, damit ich das Schlimmste vorbereitet bin und entsprechend vorbeugen kann", sagt Soros in einem der Interviews in seinem Buch. Fischers außenpolitische Einschätzungen waren schon in seiner Ministerzeit oft von einer Mischung aus Apodiktik und Dramatik geprägt. Aber beim Thema Ukraine fallen sie gemeinsam aus ihren Rollen - sie hoffen darauf, Russland Einhalt bieten zu können: Bei Soros scheint es ein stückweit politische Romantik zu sein, bei Fischer der Glaube an die Kraft der Demokratie.

Putin agiere schon jetzt aus einer Position der Schwäche, glauben beide. Gerade deshalb sollten rasche, schärfere Sanktionen gut überlegt sein. Und daher, man mag seinen Ohren kaum trauen, wird auch die Bundeskanzlerin von beiden gelobt. In seinem Buch geht Soros hart mit ihr ins Gericht, Fischer hat sich immer an Merkel abgearbeitet - aber nun verkündet er: "Die Kanzlerin ist auf einem guten Weg." Soros sagt: "Endlich führt Merkel." Weil sie einen klaren Kurs gegenüber Russland fahre, moderat, aber entschieden - und offenbar die Kraft einer einigen EU zu erkennen beginne.

Auch da scheint ein bisschen Hoffnung mitzuschwingen.

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