Joseph Biden McCain lästert über Obamas Vize-Wahl

Joe Biden soll Barack Obamas Vize werden. Kaum ist diese Nachricht in der Welt, gehen die Republikaner zum Angriff über: Der gerade gekürte Stellvertreter habe vor Monaten selbst massiv Obamas Eignung fürs Weiße Haus kritisiert, lästert John McCains Team - und belegt dies mit Videos.


Berlin - Eigentlich sollten sie es als erste erfahren, so hatte es Barack Obama versprochen. Doch die SMS und E-Mails erreichten seine Anhänger erst, als die Nachricht schon längst in der Welt war. "Barack hat Senator Joe Biden ausgewählt, unser Kandidat als Vizepräsident zu sein", so hieß es am Samstagmorgen in der kurzen Mitteilung, die Obamas Wahlkampfteam an alle registrierten Unterstützer verschickte.

Obama, Biden (2005): "Eine Ehre, mit oder gegen McCain anzutreten"
AFP

Obama, Biden (2005): "Eine Ehre, mit oder gegen McCain anzutreten"

Zwei Tage vor Beginn des Nominierungsparteitags der US-Demokraten ernannte der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama damit Senator Joseph Biden aus Delaware offiziell zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Noch am Samstag wollen beide gemeinsam bei einer Kundgebung im US-Bundesstaat Illinois auftreten.

Biden galt als Favorit unter den zuletzt noch gehandelten Vize-Kandidaten. Und so zeigte sich Konkurrenz bestens vorbereitet. Auf der Web-Seite des designierten Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, John McCain, ist schon ein kurzer Wahlwerbespot zu sehen, der die Entscheidung Obamas verspottet (siehe Video).

Die Botschaft: Die Ernennung Bidens ist das Eingeständnis Obamas, für das Präsidentenamt nicht bereitzusein.

"Was sagt Barack Obamas 'running mate' über Barack Obama?", fragt eine sanfte Männerstimme in dem Republikaner-Video. Dann folgt ein Ausschnitt aus einer TV-Debatte aus einer Zeit, als Biden sich noch selbst um die Kandidatur der Demokraten bewarb. Darin bekräftigt er eine frühere Aussage, dass er Obama als nicht reif für das Weiße Haus betrachte. Der Angesprochene steht daneben - mit bemüht gleichgültiger, regungsloser Miene.

"Und was sagt Joe Biden über John McCain?", geht es in dem Spot weiter. Es folgt ein weiterer Interviewausschnitt: "Es wäre mir eine Ehre, mit oder gegen John McCain anzutreten", sagt Biden da, denn dem Land ginge es dann besser.

Ein Sprecher aus McCains Wahlkampfteam bekräftigte die vermeintlich entlarvende Kritik der 30-Sekunden-Wahlwerbung. "Es hat keinen schärferen Kritiker an Barack Obamas fehlender Erfahrung gegeben als Joe Biden", sagte Ben Porritt unmittelbar nach der Bekanntgabe des demokratischen Vize-Kandidaten. Biden habe Obamas "schwaches außenpolitisches Urteilsvermögen" angeprangert und "mit seinen eigenen Worten erörtert ..., dass Barack Obama nicht bereit ist, Präsident zu werden".

Überraschend kommt die Schelte nicht. Immer wieder hatte McCain seinem deutlich jüngeren Konkurrenten dessen fehlende Erfahrung vorgehalten. Doch all jene, die genau diese Sorge umtrieb, könnten sich durch die Ernennung Bidens auch beruhigt fühlen. Schließlich muss Obama angesichts globaler Krisen wie dem Georgien-Konflikt nun tatsächlich außenpolitische Handlungsstärke beweisen.

Und auch bei den weißen Wählern aus den unteren Bevölkerungsschichten muss Obama dringend aufholen. Bei beiden Herausforderungen dürfte Biden, der erfahrene Chef des Auswärtigen Ausschusses im Senat, geboren in einem Arbeiterort in Pennsylvania und bodenständiger Katholik, durchaus eine Hilfe sein.

Obamas Team begründete die Entscheidung auf seiner Internet-Seite selbst durchaus mit Bidens Schwerpunkt im Senat: "Joe Biden bringt umfangreiche außenpolitische Erfahrung, eine beeindruckende Vorgeschichte bei der Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg und eine gradlinige Art mit, Aufgaben zu lösen", hieß es auf Obamas Internet-Seite.

"Biden liefert Obama genau das, was dieser braucht", erklärte der Kolumnist der "New York Times", David Brooks. Als Trümpfe des 65-Jährigen bezeichnete er dessen Wurzeln in der Arbeiterklasse, dessen Ehrlichkeit, Loyalität und Erfahrung.

Der heute 65-jährige Biden wurde erstmals 1972 als Senator des US-Bundesstaats Delaware in den Kongress gewählt. Er war damals 29 Jahre alt. Biden ist ein scharfer Kritiker des Irak-Krieges. Er hatte zwar 2002 für den US-Einsatz gestimmt, sich später aber immer mehr von der Außenpolitik des Weißen Hauses distanziert. "Ich bedauere meine Entscheidung", sagte er im vergangenen Jahr der Zeitschrift "Politico" mit Blick auf seine Zustimmung zum Irak-Krieg.

Deutsche Politiker lobten einhellig die Vize-Entscheidung Obamas. Entsprechend äußerten sich in der "Welt am Sonntag" der SPD-Politiker Gert Weisskirchen (SPD), der CDU-Politiker Eckart von Klaeden und der stellvertretende FDP-Fraktionschef Werner Hoyer.

Weisskirchen sagte, die Nominierung Bidens sei auch ein gutes Signal an die Europäer. "Er würde nie zu solchen Klassifizierungen kommen wie etwa der frühere US-Verteidigungsminister Rumsfeld, der von einem alten und einem neuen Europa gesprochen hat", sagte Weisskirchen.

Nach Meinung von CDU-Außenpolitiker von Klaeden ist Obamas Entscheidung innenpolitisch nicht ohne Risiko. "Biden ist Teil des Washingtoner Establishments. Aus diesem Umstand kann sich eine Spannung zu dem auf einen Wechsel gegen eben dieses Establishment ausgerichteten Wahlkampf Obamas ergeben", sagte von Klaeden.

Für die FDP sprach Vizefraktionschef Hoyer von einer "exzellenten Entscheidung". "Obama schließt damit eine offene Flanke, die er gegenüber McCain hat", sagte Hoyer dem Blatt. "Sollte Obama die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen, wird es dank Biden zu einer anderen Außenpolitik kommen als unter dem Republikaner McCain", prophezeite Hoyer.

In Springfield in Illinois wollte Obama am Samstag (22 Uhr MESZ) gemeinsam mit Biden bei einer Kundgebung auftreten. Dort hatte Obama bereits im Februar 2007 seine eigene Bewerbung um den Einzug ins Weiße Haus verkündet.

Am Montag soll in einer Sporthalle in Denver der Parteitag der Demokraten beginnen, auf dem Obama und sein Vize-Kandidat offiziell als Spitzenkandidaten für die Präsidentschaft nominiert werden. Zu dem Ereignis werden mehr als 50.000 Gäste, darunter 15.000 Medienvertreter, erwartet.

Als Höhepunkt der viertägigen Veranstaltung gilt der Donnerstagabend, wenn Obama vor 76.000 Anhängern im Football-Stadion der Stadt die Nominierung zum Kandidaten offiziell annehmen wird. In Umfragen hatte Obama jüngst seinen Vorsprung gegen seinen Konkurrenten McCain eingebüßt.

phw/AFP/dpa/AP



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