Journalismus in Marokko "Wir haben die Mauer der Angst durchbrochen"

Er saß in Haft, seine Zeitungen wurden verboten: Seit 25 Jahren kämpft der Journalist Ali Anouzla für eine freie Presse in Marokko, nun wird er in Berlin für seinen Mut geehrt. Im Interview erklärt er, was seinem Land zur Demokratie fehlt.
Marokkaner mit Nationalflagge: "Der König behält die Oberhoheit"

Marokkaner mit Nationalflagge: "Der König behält die Oberhoheit"

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Zur Person
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Ali Anouzla, 51, war Eigentümer und Chefredakteur von arabischsprachigen Zeitungen, die wegen Kritik an der Monarchie verboten wurden. 2010 gründete er die Onlinezeitung lakome.com, die auch auf Französisch erschien. Sie wurde zum Sprachrohr des Arabischen Frühlings und 2013 verboten, Anouzla wurde in Rabat verhaftet. Nach internationalen Protesten, darunter von Reporter ohne Grenzen und Amnesty International, kam er nach 40 Tagen vorläufig frei.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Internetzeitung lakome.com wurde geschlossen. Jetzt machen Sie mit einem jungen Team lakome2.com  rein in arabischer Sprache. Wie geht es unabhängigen Journalisten in Marokko?

Anouzla: Bei "lakome" haben wir schon immer auch sehr heikle Themen angesprochen. Wir haben immer die roten Linien überschritten, die König Mohammed VI gesetzt hat: Über Monarchie, Religion, die Frage der Westsahara darf nicht berichtet werden. Wir schreiben zum Beispiel über Korruption, das Königshaus, die Rechte der Frauen. In meiner Karriere wurde ich mit Prozessen, Haft und hohen Geldstrafen überzogen. Das Regime hat es so geschafft, die unabhängige Presse ökonomisch zu töten. Deshalb habe ich mich ins Internet geflüchtet.

SPIEGEL ONLINE: Da waren Sie nicht mehr von den staatlichen Subventionen abhängig?

Anouzla: Ich habe eine klassische Ausbildung als Journalist, aber ich ging ins Internet, weil ich so den Zwängen entgehen konnte. Da brauchte ich die vom Königspalast verteilten Anzeigen nicht mehr, um erscheinen zu können. Ich suchte die Freiheit. "Lakome" ging im Dezember 2010 ans Netz, 14 Tage vor Ausbruch des Arabischen Frühlings. Und in den zwei Jahren unseres Bestehens gaben wir dessen Protagonisten eine Stimme, wir boten sowohl marokkanischen als auch ausländischen Journalisten einen Freiraum.

SPIEGEL ONLINE: König Mohammed VI hat auf die Jugendproteste schnell reagiert und eine neue Verfassung ausarbeiten lassen, die von den Marokkanern per Referendum mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde. Wurde darin die Pressefreiheit verstärkt?

Anouzla: Die Monarchie war so intelligent, die Forderungen der Straße umzuleiten mit Hilfe dieser neuen Verfassung. Der Text, den die vom König bestimmte Kommission geschrieben hat, ist nicht schlecht. Aber dadurch wird Marokko nicht zur Demokratie, der König behält die Oberhoheit über den Ministerrat, über das Militär, die Justiz und über die Gläubigen, er bestimmt weiterhin. Der König muss keine Rechenschaft ablegen. Wir aber sehen es als unsere journalistische Pflicht an, für eine dauerhafte Demokratie zu kämpfen. Und die Macht zu kontrollieren. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass die Marokkaner Bürger sein dürfen statt Untertanen. Auf den Druck der Straße hin hat der König Zugeständnisse gemacht. Aber inzwischen sind seine Leute dabei, alles wieder zurückzudrehen. Das schränkt vor allem die Arbeit der Presse und der Nichtregierungsorganisationen ein.

SPIEGEL ONLINE: Ist daran auch die islamistische Regierung schuld?

Anouzla: Der König hat ja gerade die gemäßigten, loyalen Islamisten an die Regierung berufen, um das Volk zufriedenzustellen. Man weiß, dass es sehr starke islamistische Strömungen gibt. Aber der Ministerpräsident hat nur die Rolle eines Beamten. Die Anweisungen kommen aus dem Palast. Die Berater des Königs wollen nicht mehr Freiheit zulassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist lakome.com 2013 verboten worden?

Anouzla: Im Arabischen Frühling hatten wir alle die Mauer der Angst durchbrochen. Wir Journalisten haben uns Freiheiten herausgenommen. Das Regime hat dann Rache geübt. Man hat einen Vorwand gesucht, man wollte keinen politischen Prozess. Ich wurde wegen Unterstützung des Terrorismus angeklagt. Dabei hatte ich nur einen Link zur spanischen Zeitung "El País" veröffentlicht, auf der ein IS-Video zu sehen war. Ich wurde zwar nach 40 Tagen Isolationshaft freigelassen. Aber der Prozess schleppt sich immer noch hin. Statt heute in Berlin den Preis in Empfang zu nehmen, sollte ich eigentlich in Rabat vor dem Untersuchungsrichter erscheinen.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht die Presse Marokkos da im Vergleich zu anderen Ländern der arabischen Welt?

Anouzla: Marokko hat den ersten Rang, was die Pressefreiheit angeht. Es steht nicht so schlecht wie in Libyen, in Ägypten oder Syrien. Wir haben eine junge, intelligente, reife Bevölkerung. Bei uns gibt es keine religiöse Spaltung, wir haben Stabilität. Aber was fehlt, ist der politische Wille. Und das ist unbegreiflich, denn es wäre für alle Seiten besser, endlich die Zwänge und Einschränkungen aufzuheben, dann wäre Marokko wirklich beispielhaft. Wir schauen nach Tunesien, das ist wie ein kleines Versuchslabor für uns. Daraus lernen wir, dass in unserer Region echte Demokratie möglich wäre.


An diesem Freitag wird Ali Anouzla in Berlin von der International Media Alliance der erste Raif-Badawi-Preis  für seinen "mutigen Journalismus" verliehen. Der Preis wird unterstützt von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit; er wurde nach dem saudi-arabischen Blogger benannt, der wegen angeblicher "Beleidigung des Islams" zu zehn Jahren Haft und 1000 Stockhieben verurteilt wurde. In der achtköpfigen Jury sitzt auch SPIEGEL-ONLINE-Chefredakteur Florian Harms.

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