Journalist über Haft in Iran "Die Schreie waren fürchterlich"

132 Tage saß er in Iran in Haft: Ein Jahr nach seiner Freilassung hat der deutsche Journalist Marcus Hellwig nun erstmals über seine Gefangenschaft gesprochen. Seine Zelle habe keine Fenster, kein Bett, keine Toilette gehabt, er habe die Schreie anderer Gefangener gehört und gedacht, sterben zu müssen.

DPA

Hamburg - Psychoterror, Schläge, Ungewissheit - 132 Tage war Marcus Hellwig, Reporter der "Bild am Sonntag", in Iran gefangen. Er wusste nicht, ob er jemals wieder freikommen würde. "Vor allem die ersten zehn Tage waren brutal, da kam es häufig zu Schlägen", sagte der 46-Jährige nun in einem Interview mit der "BamS". Er sei pausenlos verhört worden, habe stundenlang einfach nur an der Wand stehen müssen und sich nicht rühren dürfen. Die Verhörsituation habe sich erst nach dem ersten Treffen mit einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft deutlich verbessert.

Es ist das erste Mal seit seiner Freilassung vor einem Jahr, dass der "BamS"-Reporter über seine Gefangenschaft spricht. Hellwig war im Oktober 2010 zusammen mit seinem Kollegen Jens Koch nach Iran gereist, um den Sohn der zum Tod durch Steinigung verurteilten Sakine Aschtiani zu interviewen. Das Interview fand in dem Büro eines Juristen statt, Hellwig und sein Kollege wurden verhaftet und in das berüchtigte Gefängnis der iranischen Revolutionsgarden in Täbris gebracht. Am 19. Februar 2011 holte Bundesaußenminister Guido Westerwelle die Journalisten persönlich nach Deutschland zurück.

Die Einzelzelle, in die er nach seiner Festnahme gekommen war, sei lediglich etwa sechs Quadratmeter groß gewesen, habe keine Fenster, kein Bett, kein Waschbecken und keine Toilette gehabt, berichtet Hellwig nun. Fünfmal am Tag habe er zu bestimmten Zeiten auf die Toilette gehen können, alle vier Tage habe er duschen dürfen - manchmal aber auch seltener. Tag und Nacht habe in seiner Zelle das Licht gebrannt. "Es war so hell wie bei einem Fotoshooting. Dadurch war es sehr schwer, überhaupt schlafen zu können", so Hellwig. Außerdem sei die Fußbodenheizung entweder "auf Saunatemperatur oder gar nicht" an gewesen.

Bei den Verhören sei es immer wieder um die gleichen Fragen gegangen, um Druck zu machen, so Hellwig. Er habe aber nie den Eindruck gehabt, dass es um wirkliche Informationen ging. "Die wollten mich mit der ewigen Fragerei verunsichern, mich psychisch unter Druck setzen und eine Angstsituation schaffen." Er sei nicht nur geschlagen worden: "Es gab noch ein paar andere Sachen, über die ich aber nicht so ausführlich reden möchte."

"Die Schreie waren fürchterlich"

Bisher war lediglich bekannt, dass Hellwig und sein Kollege nach ihrer Verhaftung in Einzelzellen gekommen waren, nach einigen Monaten zusammengelegt wurden und schreckliche Haftbedingungen erleiden mussten. Nun sagte Hellwig: "Es hat schon eine Zeit gegeben, in der ich psychisch an meine Grenzen gestoßen bin und in der ich Angst hatte, dass ich abdrehe."

Ständig habe er Schreie anderer Häftlinge gehört. "Das ging morgens nach dem Aufwachen um 8 Uhr los. Es war zunächst ein Schubsen, ein Geboller, dann später Schreie. Direkt über unserer Zelle war offenbar eine Folterzelle. Die Schreie waren fürchterlich." In mindestens einem Moment dachte Hellwig, er würde das Gefängnis nicht lebend verlassen: Er war nach eigenen Angaben in eine Folterzelle gebracht worden, um zu sehen, womit Menschen gequält wurden. "Ich hatte Todesangst. Ich dachte: Ich sterbe hier. Die machen dich fertig", so Hellwig.

Besonders schlimm sei für ihn die Ungewissheit gewesen - vor allem in den ersten elf Tagen. "In Deutschland weiß man in etwa, was einen im Gefängnis erwartet, auch wenn man selbst noch nie in einem war. Du hast die Möglichkeit, mit einem Anwalt zu sprechen. Das gibt es in Iran nicht", so Hellwig.

Um durchzuhalten, sei er in seiner Zelle als sportliche Betätigung im Kreis gegangen, habe Farsi gelernt und beschlossen, nicht ständig darüber nachzudenken, was mit ihm geschehe. "Es gibt einfach Dinge, die wir selbst nicht beeinflussen und bestimmen können. Auch wenn wir glauben, alles planen zu können."

Probleme bei Rückkehr in den Alltag

Hellwig und Koch hatten kein Journalistenvisum für Iran. Wegen dieses Vergehens wurden sie vor ihrer Freilassung zu einer Geldstrafe von jeweils 36.500 Euro verurteilt. Auf die Frage nach seiner Einschätzung der damaligen Risiken antwortete Hellwig: "Mir war klar, dass dies keine gefahrlose Reise sein würde. Ich hatte aber gehofft, durch sorgfältige Vorbereitung das Risiko zu minimieren."

Aschtianis Fall gilt als besonders krasses Beispiel für das Justizsystem Irans. Die angebliche Ehebrecherin sitzt seit 2006 in Haft und wurde ursprünglich zum Tod durch Steinigung verurteilt. Nach Protesten von Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt legte Iran dieses Urteil zunächst auf Eis. Im Dezember 2011 teilten die Justizbehörden mit, Aschtiani solle gehängt werden. Ein endgültiges Urteil gibt es aber noch nicht. Aschtianis Sohn wurde nach dem Treffen mit Koch und Hellwig ebenfalls festgenommen, aber wieder freigelassen. Der Anwalt, bei dem das Treffen stattfand, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

Am Tag der Freilassung ging für Hellwig alles ganz schnell: "Morgens standen plötzlich zwei Wärter breit grinsend in meiner Zelle und sagten: 'Mitkommen!'" Er habe gedacht, er würde nur umziehen. Als man ihn über seine Freilassung informierte, sei er zunächst misstrauisch gewesen: "Zu oft wurde ich vorher enttäuscht." Er habe sich erst frei gefühlt, als der Regierungsflieger den iranischen Luftraum in Richtung Türkei verlassen hatte.

Am 20. Januar 2011 landeten die beiden Freigelassenen in Deutschland. "Die Treppe herunterzusteigen und dann meine Tochter Hannah in die Arme zu schließen - das war der schönste Moment in meinem Leben", erinnert sich Hellwig.

Die Rückkehr in den Alltag war für den Journalisten nach eigenen Angaben zunächst sehr schwierig. Nach der Isolation sei es ihm beispielsweise schwergefallen, Fernsehen zu gucken oder Radio zu hören. "Für mich war das die totale Reizüberflutung und ich hatte das Gefühl, dass meine Geschwindigkeit der einer Schildkröte glich, während um mich herum alle anderen im Geparden-Modus an mir vorbeirannten", sagte er der "BamS.

siu

insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
Stauss 05.02.2012
1. Der Iranhasser
Dem glaube ich gerne, dass die Haft in dem verhassten Land für ihn unerträglich war. Auch wenn ich ansonsten seine Schilderungen nicht so ganz glaube.
soniceagle 05.02.2012
2. GLaub ich nicht
Zitat von sysop132 Tage saß er in Iran in Haft: Ein Jahr nach seiner Freilassung hat der deutsche Journalist Marcus Hellwig nun erstmals über seine Gefangenschaft gesprochen. Seine Zelle habe keine Fenster, kein Bett, keine Toilette gehabt, er habe die Schreie anderer Gefangener gehört und gedacht, sterben zu müssen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813447,00.html
Ich hasse das Regime im Iran und auch seine Revolutionsgarden, aber was die Reporter da erzählen ist schon seltsam! Warum sollten die Iraner 2 Reporter der BILD, die so blöd sind und ohne Journalistenvisum illegal einreisen foltern??? DIe CIA, der Mossad oder sogar der BND würde wohl kaum 2 solche Deppen rüber schicken um zu spionieren! Und die Iraner sind zwar sehr brutal, unmenschlich, aber nur dann wenn es gegen Leute geht die für das Regime eine Gefahr sind! Diese beiden Typen sind aber für das Regime definitiv keine Gefahr, warum sollte man die anrühren?? Donald Klein, den sie gefangne haben, der wurde ja auch nicht gefoltert, sondern hatte sogar eine saubere, große Zelle! Und selbst die britischen Marinesoldaten wurden zwar mit dem Tod bedroht, aber nicht gefoltert! Folterungen hebt sich das Regime für seine echten Feinde, feindliche Agenten, kurdische Rebellen, politische Studenten und sogar für Mullahs die aufgewacht sind auf!
aeronaut79 05.02.2012
3. Willkommen zurück
Zitat von sysop132 Tage saß er in Iran in Haft: Ein Jahr nach seiner Freilassung hat der deutsche Journalist Marcus Hellwig nun erstmals über seine Gefangenschaft gesprochen. Seine Zelle habe keine Fenster, kein Bett, keine Toilette gehabt, er habe die Schreie anderer Gefangener gehört und gedacht, sterben zu müssen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813447,00.html
Was für barbarische Zustände herrschen nur in diesem Land bzw. Gottesstaat. Schön dass Herr Hellwig wieder gesund in der Zivilisation gelandet ist.
shepeshoo 05.02.2012
4.
Bin gespannt wie lange es dauert bis so ein Kommentar reinkommt: "Aber die Amis sollen sich lieber um Guantanemo kuemmern".
kimba2010 05.02.2012
5.
Zitat von sysop132 Tage saß er in Iran in Haft: Ein Jahr nach seiner Freilassung hat der deutsche Journalist Marcus Hellwig nun erstmals über seine Gefangenschaft gesprochen. Seine Zelle habe keine Fenster, kein Bett, keine Toilette gehabt, er habe die Schreie anderer Gefangener gehört und gedacht, sterben zu müssen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813447,00.html
Die BILD Reporter sind nunmal illegal in den Iran eingereist und mussten dafür auch die Verantwortung tragen. Das soll nicht die untragbaren Haftbedingungen entschuldigen, aber wer sich leichtsinnig in Gefahr begibt ... . Zudem: Kaum ist Krieg mit dem Iran in Sicht, häufen sich wieder solche Berichte, mit denen die Leser auf das Kommende eingestimmt werden sollen. Der Iran ist "grundböse", lautet der Tenor. Schön, wenn die Welt so leicht in Schwarz und Weiss einzuteilen ist und die Massenmedien die Welt erklären.
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