Journalisten-Mord in der Türkei "Es gibt genug Verrückte mit der Pistole in der Hand"

Der Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink ist ein Anschlag auf die liberalen Kräfte, sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sieht er Hintermänner in Türkeis Justiz und Verwaltung am Werk, die mit allen Mitteln den Weg in die EU torpedieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurde Hrant Dink ermordet?

Özdemir: Mit seinen Auftritten erreichte er die durchschnittlichen Türken - seine Worte waren deshalb viel explosiver als die eines radikalen Vorkämpfers. Wenn er im Fernsehen war, meldeten sich Hunderte Zuschauer mit Fragen und eigenen Erfahrungen bei Dink, manche offenbarten plötzlich ihre eigene armenische Vergangenheit oder die ihrer Vorfahren. Er war eine lebende Provokation für die Nationalisten. Er stellte allein durch seine schiere Existenz ihr gesamtes Modell der Türkei in Frage. Sein Name steht jetzt auf der langen Liste jener, die ihren Einsatz für Menschenrechte und Demokratie in der Türkei mit dem Leben bezahlt haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stellung hatte Dink in der Türkei?

Özdemir: Das Besondere an ihm war, dass er den Traum von einer multikulturellen Gesellschaft in der Türkei nie aufgegeben hat. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass Armenier und Türken unversöhnlich miteinander leben müssen. Er wollte, dass die diskriminierenden Paragrafen gegen Christen und Armenier in der Türkei verschwinden. Er hat sich auch deutlich gegen den Artikel 301 ausgesprochen, der auf Grundlage einer angeblichen Beleidigung des Türkentums die Meinungsfreiheit einschränkt. Er selbst wurde angeklagt und verurteilt. Spätestens jetzt sollte dieser Artikel endlich abgeschafft werden. Kann es denn eine größere Beleidigung der Türkei geben als die Ermordung dieses Bürgerrechtlers? Dink hat sich wie kein anderer dafür eingesetzt, dass die Türkei eine offene europäische Gesellschaft sein kann. Er provozierte auch die Armenier damit, dass er in der Türkei lebte - und signalisierte: Das ist auch mein Land, und es ist reformierbar.

SPIEGEL ONLINE: Wen vermuten Sie hinter dem Mord?

Özdemir: Ich vermute die Täter in der Ecke der Nationalisten. Selbst wenn man jetzt einen Jugendlichen als Mörder fassen sollte: Viel gefährlicher sind die ideologischen Hintermänner. Die Türkei muss endlich den Ultra-Nationalismus bekämpfen. Es wäre zu einfach, nur den Täter für den Mord verantwortlich zu machen. Alle, die Nationalismus geschürt und Hass gegen religiöse und ethnische Minderheiten verbreitet haben, sind mitschuldig. Übrigens auch nicht wenige Journalisten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielte die Justiz, die Dink für wegen angeblicher Beleidigungen gegen die Türkei belangte?

Özdemir: Die Anwälte, die Dink damals anzeigten, gehören zu jenen, die Hass schüren und Menschen zu Freiwild erklären, zum Abschuss freigeben. Es ist schon bemerkenswert, dass das Leben derjenigen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, weniger sicher ist als das von Ultranationalisten und Rechtsradikalen. Schon beim Prozess gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk war die Polizei entweder nicht in der Lage oder nicht willens, die Sicherheit zu gewährleisten.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Parallelen zu Russland, wo Demokratie-Befürworter wie die Journalistin Politowskaja ebenfalls ermordet wurden?

Özdemir: Es gibt eindeutige Parallelen, was die Sicherheit für Demokraten angeht. Die türkische Regierung allerdings billigt die Morde nicht – wie Kritiker das im Fall Russland wohl nicht ohne Grund mutmaßen. Sie möchte solche Fälle verhindern. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Es gibt in der Türkei noch eine Art Staat im Staat, der die Fäden zieht.

SPIEGEL ONLINE: Wer trägt diesen Nationalismus?

Özdemir: Der Justizapparat, Teile der Sicherheitskräfte - der ganze Teil der Verwaltung, der den Weg der Türkei nach Europa nicht will. Diese Kräfte sehen bei einer weiteren Demokratisierung ihre Position und ihre Pfründe bedroht und sind zu allem bereit. Wer Hrant Dinks Erbe bewahren möchte, tut das am besten dadurch, dass er seinen Weg fortsetzt: Demokratisierung der Türkei auf dem Weg nach Europa.

SPIEGEL ONLINE: Ist Mord ein Mittel der politischen Auseinandersetzung in der Türkei?

Özdemir: Ich hoffe nicht. Aber ich sorge mich um viele Freunde. Die Berichterstattung über Intellektuelle, die den Nationalismus kritisieren, gleicht einer unerträglichen Hetze. Da gibt es genug Verrückte, die mit der Pistole in der Hand ausführen, was andere ihnen predigen.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Hrant Dink zum letzten Mal getroffen?

Cem Özdemir: Im vergangenen Jahr im Prozess gegen Orhan Pamuk in Istanbul. Damals wartete er vor dem Gerichtssaal, wurde von türkischen Nationalisten beleidigt und angegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchtete er um sein Leben?

Özdemir: Wenn Leute in seine Redaktion kamen, hat er immer Späße darüber gemacht, dass er gleich seine eigene Waffe auspacken und sich verteidigen müsse. Die Angst, ermordet zu werden, gehört leider dazu, wenn man sich als Liberaler in der Türkei für Bürgerrechte einsetzt. Aber Dink war niemand, der deshalb sein Leben oder seine Arbeit geändert hätte.

Das Interview führte Jan Friedmann

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