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Jubel über Tod Osamas "Obama hat's allen gezeigt"

Sie schwenkten ihre Flagge, sangen die Nationalhymne: Tausende Menschen feierten in den USA spontan die Nachricht vom Tod Osama Bin Ladens - und ihren Präsidenten. Besonders emotional ging es am Schauplatz des Terroranschlags von 9/11 zu, am Ground Zero in New York.

Damit hat die Putzkolonne der New Yorker Verkehrsbetriebe MTA kurz nach Mitternacht kaum gerechnet: Dutzende Menschen strömen auf den U-Bahnsteig an der 14th Street in Manhattan.

Ein ausgelassenes Spiel beginnt: Die MTA-Männer spritzen den Boden mit Schläuchen ab, die Leute hüpfen dazwischen umher, sie singen, sie grölen, sie lachen. Einige sind in Sternenbanner gehüllt, und immer wieder ertönt der Schlachtruf "USA! USA!"

Kaum hat Präsident Barack Obama am späten Sonntagabend Ortszeit den Tod Osama Bin Ladens verkündet, kommt es im ganzen Land zu spontanen Freudenfeiern - vor allem in New York und Washington, den Zielscheiben der Terroristen am 11. September 2001.

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Tod von Osama Bin Laden: Jubel auf Amerikas Straßen

Foto: Manuel Balce Ceneta/ AP

Es ist 1.30 Uhr. Die Gruppe, die an New Yorks 14th Street in den Zug Richtung Downtown eingestiegen ist, vereint sich in Lower Manhattan mit Hunderten, Tausenden anderen, die aus den U-Bahn-Schächten, aus Taxis, aus Hauseingängen quellen. Ihr Ziel: Ground Zero.

Dort, an der Ecke von Church Street und Vesey Street, spielen sich bewegende Szenen ab. Das Trauma von 2001 ist gegenwärtig, als hier die Türme des World Trade Centers fielen und eine gigantische Staubwolke über die Straßenkreuzung walzte und Menschen, Autos, Fahrräder unter sich begrub. Mehr als 2700 Menschen starben.

Jetzt nehmen sie diesen Ort wieder in Besitz - triumphal, selbstbewusst, überschwänglich. Überall Menschen, sie tanzen und schreien, machen Lärm mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas. Die meisten sind jung, viele waren am 11. September 2001 nicht einmal Teenager. Eine bunte Versammlung aus allen Rassen, Geschlechtern, Hautfarben - Amerika live.

Sternenbanner wehen überall, große, kleine, wie bei einem Football-Endspiel. "God bless America!", stimmen sie an, selig schunkelnd. Andere singen die Nationalhymne. Ein paar trällern: "Ding, dong, the witch is dead." Das ist ein geflügeltes Wort aus dem Hollywood-Musical "Der Zauberer von Oz", mit dem der Tod der bösen Hexe begrüßt wurde - ein verfrühter Jubel, wie sich in dem Märchen herausstellt.

"Dies ist der Tag des jüngsten Gerichts für Osama", freut sich Freddy Villagossa, der aus New Jersey gekommen ist, um mitzufeiern. "Barack Obama ist unser Mann! Unser Oberkommandeur! Er hat's allen gezeigt!"

Zigarrenduft und Songs von Springsteen

Im Hintergrund ragt das angestrahlte Skelett des neuen Wahrzeichens von Ground Zero in den Nachthimmel - der "Freedom Tower", nun One World Trade Center genannt. Rund 50 Stockwerke stehen bereits, rund die Hälfte dessen, was einmal das höchste Gebäude der USA sein wird, pro Woche kommt eine Etage hinzu.

Lange war dieser Stahlkoloss ein Symbol für Amerikas Zank und Selbstüberschätzung nach 9/11. Nun ist er über Nacht zum Symbol des Sieges geworden - und dürfte nun vielleicht doch wieder unverblümt Freedom Tower heißen.

"N-Y-C! N-Y-C! N-Y-C!", skandiert die Masse. "We did it! Wir haben's geschafft!" Dann folgt Obamas Wahlkampfslogan von 2008: "Yes we can!" Eine andere Gruppe ruft "Fuck Osama! Fuck Osama!" Alle schreien mit.

Ein Streifenwagen fährt vorbei. Aus dem geöffneten Fenster ragt eine geballte Faust. Einer der Feiernden am Ground Zero ist Lieutenant Dan Choi, in voller Gardeuniform. Choi diente als Infanterist im Irak, er wurde bekannt, weil er sich als schwul bekannte und daraufhin gefeuert wurde. Seitdem hat er gegen das Schwulenverbot im Militär gekämpft - erfolgreich, wie sich am Ende erwiesen hat.

"Dies ist eine Genugtuung für viele Menschen, vor allem die Familien, die am 11. September 2001 jemanden verloren haben", sagt Choi mit feuchten Augen über die Ereignisse dieses historischen Tages. Trotzdem warnt er vor Euphorie: "Wir müssen uns unseren eigenen Ängsten und Unzulänglichkeiten stellen und Lehren ziehen."

Doch Chois bedächtige Stimme verhallt im Jubel der Massen. Ringsum klettern sie auf Ampeln und Laternenmasten, sie steigen sogar auf den Zaun der St. Paul's Chapel, wo in den Wochen nach 9/11 die Bergungskräfte Obdach fanden und heute noch eine Ausstellung daran erinnert. Jemand sprüht von hoch oben Champagner. Ein Mann hockt auf einer Telefonzelle und bläst Dudelsack.

Irgendwann beginnt sich die Masse in einem gemeinsamen Rhythmus zu bewegen. Ohne Absprache verfällt sie in Schweigeminuten, dann wieder bricht sie in Wogen des Jubels aus, der durch die Straßenschluchten hallt und wieder verhallt. Schweigen. Jubel. Schweigen. Jubel.

Eine Gruppe hat Kerzen mitgebracht. "Für die Toten", sagt James Mayer, ein Student von der nahen New York University. "Die Toten von 9/11, die Toten des Krieges, die toten Zivilisten im Irak und in Afghanistan." Ein paar Mädchen stimmen ein Lied an: "We shall overcome."

Einige Schritte weiter hockt einer auf dem Boden, den Rücken an eine Mauer gelehnt. Er hat den Kopf in den Armen vergraben, sein Körper wird von Weinkrämpfen geschüttelt: Er heult hemmungslos.

"Aber mein Sohn kommt nie wieder heim"

Das Türmchen der City Hall, einen Steinwurf entfernt, ist angestrahlt. "Osama Bin Ladens Tötung lindert das Leiden nicht, das die New Yorker und Amerika von seiner Hand erfahren haben", erklärt Bürgermeister Mike Bloomberg. "Aber sie ist ein entscheidend wichtiger Sieg für unsere Nation." New York City habe "fast zehn Jahre auf diese Nachricht gewartet".

Vor der Memorial Preview Site - einem Ladenlokal, in dem Modelle der Neubebauung von Ground Zero ausgestellt sind - haben sie einen Pick-up-Truck geparkt. Auf der Ladefläche wippen Jugendliche auf und ab, Flaggen und Bierdosen in Papiertüten in der Hand. Aus einer Box schallt Bruce Springsteen: "Born in the USA", "Proud to Be an American." Zigarrengeruch strömt durch die kühle Luft.

Gut hundert Meter weiter, an einer ruhigeren Stelle, haben sie ein großes Sternenbanner und zwei frische Blumensträuße in den Maschendrahtzaun um Ground Zero gehängt. Weitere Blumen liegen davor auf dem Boden. Eine Frau im Abendkleid tritt heran, berührt die Flagge, bekreuzigt sich, betet und weint leise.

"Für mich ist nichts zu Ende"

"Ich kann mich nicht richtig freuen", sagt Jennifer Degan, die am 11. September ihre beste Freundin verloren hat. "Es ist nur ein weiterer Mensch gestorben, auch wenn es Bin Laden ist."

"Für mich ist nichts zu Ende", sagt Jim Riches dem TV-Lokalsender NY1. Sein Sohn, der Feuerwehrmann Jimmy Riches Jr., starb bei den Anschlägen am 11. September. "Es wird mich kurz trösten. Aber mein Sohn kommt nie wieder heim."

Polizeichef Ray Kelly nennt Bin Ladens Tod einen "willkommenen Meilenstein". Noch während der Nacht lässt er jedoch zugleich die Sicherheitsmaßnahmen verschärfen, an den Hafenanlagen, den Tunneln, den vielen Brücken der Stadt - und am Ground Zero. Nein, eine spezifische Terrorwarnung gebe es nicht: "Sicher ist sicher", sagt ein Sprecher der New Yorker Polizei.

Am Times Square wird trotzdem gefeiert. Die Nachricht vom Tod des Erzfeinds flimmert übers Tickerband des ABC-Studios. Touristen strömen aus den Hotels auf den von flimmernder Reklame hell erleuchteten Platz. Feuerwehrmänner sitzen auf einer Absperrung. Einer formt die rechten Finger zum Victory-Zeichen. Auch in Upper Manhattan, an der 114th Street, rennen Studenten über den Campus der Columbia University: "God Bless America!"

In der Hauptstadt Washington kommen sie von überall her um zu feiern. Es sind vor allem junge Leute, Studentinnen, Studenten von den Washingtoner Universitäten. Zuerst sind die von der George Washington Universität da, deren Campus nur wenige Häuserblocks entfernt, am Schluss gesellen sich auch die von der Georgetown-Universität dazu.

Sie hupen sich den Weg durch Downtown zum Weißen Haus, wo schon Tausende mit ihren Fahnen stehen. Sie singen die Nationalhymne, skandieren auch hier: "USA! USA!" Immer wieder klettert jemand unter dem Jubel der Menge die Laternenstangen hoch, um die US-Flagge zu hissen.

Die alten Schilder aus Obamas Wahlkampf sind wieder da. "Change We Can Believe In" - Wandel, an den man glauben kann. "Strong America" - starkes Amerika. Es ist ein Fest, an dem auch die Fans vom Washingtoner Eishockeyteam teilnehmen. Hier vor dem Weißen Haus vereint sich Amerika wieder, die Linken und die Rechten, Soldaten und Umweltaktivisten. Sogar eine Fahne der Tea-Party-Bewegung wird geschwenkt.

Um 2.30 Uhr ziehen immer noch Wagenkolonnen über den New Yorker Broadway, sie hupen, sie spielen laute Musik aus dem Fenster. Die Leute hängen jubelnd aus den geöffneten Autodächern.

Auf den Gehweg hat jemand einen Zettel mit einem bekannten Zitat des US-Bürgerrechtlers Martin Luther King geklebt: "Frieden ist nicht nur ein fernes Ziel, das wir anstreben, sondern ein Mittel, mit dem wir dieses Ziel erreichen."

Achtlos trampeln die Leute darüber.

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