Lebenslang für den Ex-Diktator Ägypter schimpfen über milde Urteile gegen Mubarak-Clan

Lebenslange Haft für den Despoten: Zunächst feierten die Menschen auf den Straßen Kairos die Bestrafung von Husni Mubarak. Doch dann schlug der Jubel in Zorn um - denn die Söhne des ägyptischen Ex-Diktators wurden vom Gericht freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft will das Urteil anfechten.

Aus Kairo berichtet


Als der Richter auf dem Bildschirm das Wort "lebenslang" gegen Husni Mubarak ausspricht, hält es kaum noch jemand auf den Stühlen. Die vier Dutzend Männer, die sich im Café al-Zahar in Kairos Innenstadt vor dem Fernseher versammelt haben, springen auf, reißen die Arme hoch, Jubel brandet auf: Das Strafgericht unter Richter Ahmed Rifaat hat entschieden, dass der frühere Staatschef Ägyptens die politische Verantwortung für die tödlichen Schüsse auf Demonstranten Anfang vergangenen Jahres trug und dafür - wie sein Innenminister Habib al-Adli - mit einer lebenslangen Haftstrafe büßen soll.

Lebenslang sind nach ägyptischem Recht 25 Jahre. Es ist kaum anzunehmen, dass der 84-jährige Mubarak also jemals wieder frei kommen wird. Mit diesem Urteil hatte kaum einer der Männer im Zahar-Café gerechnet: Das Misstrauen der Ägypter gegen ihr korruptes Justizwesen sitzt tief. Viele hier hatten vermutet, dass die Verbündeten des Ex-Herrschers dafür sorgen würden, dass Mubarak glimpflich davonkommt. "Der Prozess ist nur ein Theaterstück, mit dem wir zufriedengestellt werden sollen", sagte Mohammed Gohar, ein Software-Programmierer. Als das Urteil schließlich fällt, ist aber auch er überrascht: "Das ist gerecht. Das hätte ich nicht erwartet!".

Doch noch während die Schaulustigen sich über das Urteil gegen den gestürzten Despoten freuen, kommt der Schock: Mubaraks Söhne Alaa und Gamal werden freigesprochen. Auch sechs führende Köpfe seines Sicherheitsapparats werden für "nicht schuldig" befunden: Während das Fernsehen die Tränen der Erleichterung zeigt, die allen Freigesprochenen über das Gesicht laufen, macht sich im Café die Empörung Luft. "Das ist doch ein billiges Spiel", zürnt ein Zuschauer. "Mubarak und Adli gehen in den Knast, und dafür kommen alle anderen frei? Damit sollen wir abgespeist werden?"

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Historischer Prozess: Mubarak verurteilt
Auch in der zum Gerichtssaal umgebauten Polizei-Akademie in einem Vorort der Hauptstadt bleibt es nicht ruhig: Angehörige getöteter Revolutionäre klettern auf die Bänke und skandieren "Betrug, Betrug". Eine Schlägerei bricht aus, die Saaldiener haben Mühe, die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

Dann kommt es auch vor der Akademie zu Prügeleien: Schon seit dem Morgengrauen hatten sich hier Tausende versammelt, die ihren Hass auf Mubarak zum Ausdruck bringen wollten. Nun schlagen sie sich mit den 5000 Soldaten, die abkommandiert wurden, das Gelände zu sichern.

Mubarak wehrte sich gegen Einweisung ins Gefängnis

Unter den Demonstranten ist auch Samir Sadun. Sein Sohn Ibrahim starb, als Sicherheitskräfte am 28. Januar vergangenen Jahres das Feuer auf die Demonstranten eröffneten. Am Freitag hatte Vater Sadun erzählt, wie er seit jenem Tag dafür kämpft, dass irgendjemand für den Tod seines 18-jährigen Sohnes zahlt. Sein Wunsch: Todesstrafe "für die ganze Bande". "Wer getötet hat, muss getötet werden, so sagt es der Koran", sagte Vater Sadun. Kurz nach der Urteilsverkündung, im Gedränge vor der Polizeiakademie, ist er bitter enttäuscht. "Sie lachen uns aus", ruft er über den Lärm hinweg ins Telefon.

In Talkshows auf Ägyptens privaten Fernsehsendern sagen Analysten derweil schwere Zeiten in Ägypten voraus. Wenn Männer wie Alaa und Gamal Mubarak bald wieder in Saus und Braus lebten, wenn ausgerechnet die Generäle, die die Niederschlagung der Revolution geleitet hätten, bald wieder daheim im Kreis ihrer Familien leben dürften, sei es unvermeidlich, dass die Ägypter das Recht selbst in die Hand nähmen und Rache übten, so der Kommentator auf an-Nahar TV. Al-Arabija berichtet, Mubarak habe die Urteilsverkündung schlecht verkraftet und sei auf die Intensivstation eines Gefängniskrankenhauses gebracht worden. Der ehemalige Diktator, der seit seinem Sturz in einem Nobel-Krankenhaus behandelt wurde, soll seine Strafe nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wie ein gemeiner Häftling im Krankentrakt des Tora-Gefängnisses absitzen.

Aus Sicherheitskreisen hieß es dagegen, bei seiner Einweisung ins Gefängnis sei Mubarak in Tränen ausgebrochen. Er weigerte sich demnach, den Hubschrauber zu verlassen, der ihn zu einem Gefängniskrankenhaus brachte. Er habe die Beamten unter Tränen gebeten, ihn zurück in das Militärkrankenhaus zu bringen, wo er seit Beginn des Prozesses am 3. August in einer Präsidentensuite untergebracht war. Seine Eskorte brauchte angeblich 30 Minuten, um Mubarak schließlich doch dazu zu bringen, den Hubschrauber zu verlassen.

Staatsanwaltschaft will das Urteil anfechten

Als erste politische Gruppierung äußerte sich die Muslimbruderschaft am Nachmittag kritisch zu dem aus ihrer Sicht zu milden Urteil. Der Fall müsse neu aufgerollt werden, forderte Yasser Ali, ein Sprecher der Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten der Muslimbrüder, Mohammed Mursi. "Die Staatsanwaltschaft ist ihrer Pflicht nicht nachgekommen, die nötigen Beweise zu sammeln, damit die Angeklagten für die Tötung der Demonstranten verurteilt werden konnten", so Ali. Am Nachmittag versammelten sich bereits Hunderte Demonstranten auf dem Tahrir-Platz.

Ahmed Maher, einer der Gründer der revolutionären Jugendbewegung 6. April, sagte dem Sender al-Mahwar TV, dass die Revolution noch nicht gesiegt habe - im Gegenteil: "Die starken Männer des alten Regimes sind wieder auf der politischen Bühne aktiv", sagt er und spielt damit auf den aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Ahmed Schafik.

Schafik war von Mubarak in den letzten Tagen des Regimes als Regierungschef eingesetzt worden. Obwohl er eine Symbolfigur für das alte System ist, gilt Schafik vielen verunsicherten Ägyptern als möglicher Garant für Recht und Ordnung. Er konnte in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl vor zehn Tagen viele Stimmen holen und geht nun mit dem Muslimbruder Mohammed Mursi vom 16. Juni in die Stichwahl.

Für Regimegegner sind sein Erfolg und die nun verkündeten Freisprüche ein Beweis, dass die alte Garde nach wie vor die Fäden in der Hand hält. "Wir werden die Leute zusammenrufen und eine zweite Revolution anzetteln müssen", sagt Maher.

Die Staatsanwaltschaft will nach Informationen des Nachrichtensenders al-Arabija das Urteil anfechten. Die Anklage hatte die Todesstrafe für Mubarak gefordert. Ein Kassationsgericht müsse entscheiden, ob der Prozess wegen formaler Mängel vor einem anderen Gericht wiederholt werde, hieß es.

mit Material von dapd

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Seite 1
huberwin 02.06.2012
1. Na da läßt sich wohl doch noch ein 7 Sterne plus Hotel finden
das man dann gleich rechtlich in ein Gefängnis umwandelt. Vielleicht die alte Villa von Mubarak im Süden von Ägypten, dann habens die armen Angehörigen auch nicht so weit ihn zu besuchen!
donadoni 02.06.2012
2. Mubarak lebenslang im Gefängnis -
.... wer´s glaubt wird selig. Es wird sich schon jemand finden, der ihm Asyl gewährt, und wenn es Frau Merkel ist. Auch in Agypten wird das Volk veräppelt.
Rido 02.06.2012
3.
Zitat von donadoni.... wer´s glaubt wird selig. Es wird sich schon jemand finden, der ihm Asyl gewährt, und wenn es Frau Merkel ist. Auch in Agypten wird das Volk veräppelt.
Soll uns das jetzt trösten, oder zornig machen? Gute Frage, oder? Ich bin nicht sehr enttäuscht, da ich nie etwas anderes erwartet habe. Mubarak selber wird doch schon sehr bald wieder entlassen. Alter, Krankheit, Freunde in einer neuen Regierung ... was auch immer. Außerdem wird er doch nicht wie jeder andere Häftling behandelt werden. Ich kann mir auch sehr gut eine Art Hausarrest vorstellen. Keinesfalls sehe ich ihn im Knast wie die "gewöhnlichen" Häftlinge.
turo 02.06.2012
4. ohne Titel
Zitat von sysopAFPLebenslange Haft für den Despoten: Zunächst feierten die Menschen auf den Straßen Kairos die Bestrafung von Husni Mubarak. Doch dann schlug der Jubel in Zorn um - denn die Söhne des ägyptischen Ex-Diktators wurden vom Gericht freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft will das Urteil anfechten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836602,00.html
Ich bin Deutscher und lebe in einer Demokratie.Bei uns ist die Todesstrafe abgeschafft und das ist auch gut so. Ich war seit 2000 sehr oft in Ägypten. Mir hat es immer gut gefallen. Der Sicherheitswahn der ägyptischen Behörden ging mir manchmal auf den Keks. Überall Polizei und Militär! In vielen Gesprächen mittels Dolmetscher sagten ägyptische Bürger, dass Mubarak ihnen ihre Würde gegeben habe. Mubarak habe dafür gesorgt, dass sie bescheidenen Wohlstand erlangten.
ratxi 02.06.2012
5. Tattergreis auf Abstellgleis
Zitat von RidoSoll uns das jetzt trösten, oder zornig machen? Gute Frage, oder? Ich bin nicht sehr enttäuscht, da ich nie etwas anderes erwartet habe. Mubarak selber wird doch schon sehr bald wieder entlassen. Alter, Krankheit, Freunde in einer neuen Regierung ... was auch immer. Außerdem wird er doch nicht wie jeder andere Häftling behandelt werden. Ich kann mir auch sehr gut eine Art Hausarrest vorstellen. Keinesfalls sehe ich ihn im Knast wie die "gewöhnlichen" Häftlinge.
Die, die Revanche wollen, vielleicht, um sich besser zu fühlen, werden wohl enttäuscht werden. Jedoch was einzig zählt, ist, dass der Mann keine Macht mehr hat. Wie er letztlich dahinvegetiert und ob er den einen oder anderen Luxus hat oder nicht hat, was soll´s denn...
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