Juden in Tunesien Auszug aus dem viel gelobten Land

In Tunesien, lange gerühmt für seine religiöse Toleranz, nehmen seit der Revolution 2011 Übergriffe auf Minderheiten zu. Islamisten bedrohen besonders die kleine jüdische Gemeinde der Hauptstadt - die Jungen wandern aus.

SPIEGEL ONLINE

Aus Tunis berichtet


"Koscher" steht in großen hebräischen Lettern am Eingang der Metzgerei. Es ist noch einmal auf der Markise der Fleischerei zu lesen und auch drinnen auf dem wuchtigen Kühlschrank nicht zu übersehen: "Koscher". Alle Waren jüdisch unbedenklich! Auf die Frage, ob es manchmal Streit gibt mit den arabischen Nachbarn, verdüstert sich die Miene des Schlachters. Dann greift er zum Handy - ein kurzer Anruf in arabischer Sprache, schon stürmt ein Polizist ins Geschäft gegenüber der Großen Synagoge und fragt die neugierige Kundin, warum sie den alten Mann bedrohe.

Tunis ist berühmt für seine Toleranz, jeder darf seine Religion frei ausüben, so steht es in der Verfassung. Doch seit der Revolution 2011 und dem Sturz des Diktators Zine el-Abedin Ben Ali sind die Islamisten in Tunesien auf dem Vormarsch. Darunter viele Wirrköpfe, die die Vertreibung der Juden und überhaupt aller Andersgläubigen aus dem Land für ihre heilige Pflicht erachten. Die Unbefangenheit und Offenheit der einst stolzen jüdischen Gemeinde in Tunis sind passé und mit der Zeit großem Misstrauen gewichen.

Es war Februar 2011, nur wenige Tage nach der Flucht Ben Alis, als die Islamisten erstmals vor der Synagoge aufmarschierten. Fernsehbilder ihrer Hassdemonstration gingen um die Welt. Schwarze Qaida-Flaggen wehten vor der mit dem Davidstern verzierten Fassade. Was würde der Arabische Frühling, so die bange Frage der Juden, den religiösen Minderheiten in Tunesien bringen?

Antisemitische Übergriffe nehmen zu

Heute gibt man sich in der jüdischen Gemeinde von Tunis zweckoptimistisch. Bislang habe man keine echten Probleme mit Islamisten gehabt, sagt der Schatzmeister. Er bittet darum, seinen Namen lieber nicht zu veröffentlichen. Natürlich mache man sich in der Gemeinde Sorgen, aber mache das im Moment nicht jeder in Tunesien? Tunesiens Juden, sagt er, seien zuallererst Tunesier und erst dann Juden.

Die offizielle Unbekümmertheit des Gemeindefunktionärs teilen nicht viele Juden in Tunis. Im Gegenteil: Die Angst vor Übergriffen wächst. Zwar betont die islamistische Nahda-Partei, die die neue Regierung stellt, ein ums andere Mal ihre Solidarität mit den Andersgläubigen. Aber die antisemitischen Angriffe nehmen seit dem Machtwechsel stark zu. Friedhöfe werden geschändet, jüdische Bürger bedroht. Der Plan eines Polizisten, ein junges Gemeindemitglied zu entführen, um Lösegeld zu erpressen, wurde erst in letzter Minute vereitelt.

Jedes Jahr pilgern die Juden zum heiligen Schrein der al-Ghriba-Synagoge auf der Insel Djerba, es ist die größte jüdische Wallfahrt Nordafrikas, die 2013 aber nur unter massivem Polizeischutz stattfinden konnte. 2002 starben bei einem Brandanschlag der al-Qaida auf die jahrhundertalte Synagoge 21 Menschen - die meisten von ihnen deutsche Touristen. Pessimisten befürchten, dieses Attentat war nur der Auftakt für weitere größere Attentate.

"Tunesien ist unsere Heimat, wir gehen nicht weg"

Die israelische Regierung hat inzwischen Gelder zur Verfügung gestellt, um den Juden von Tunesien die Auswanderung nach Israel zu erleichtern. Doch der Schatzmeister in Tunis will von Emigration nichts wissen. "Juden gehören zu Tunesien wie das Meer und das Licht. Wir waren hier, bevor die Muslime kamen. Tunesien ist unsere Heimat, wir gehen nicht weg."

Tatsächlich lässt sich die Geschichte der Juden in Tunesien mehr als 1700 Jahre zurückverfolgen, hier lebten sie meist besser als im Rest der Region. Vor der deutschen Besatzung zählte die Gemeinde 110.000 Mitglieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg - 200 Gemeindemitglieder wurden deportiert und ermordet - begann der Exodus der Juden Tunesiens. Die eine Hälfte zog es nach Frankreich, die andere nach Israel. Heute leben nur noch 1500 Juden im nordafrikanischen Land. "Die Jungen wandern aus, die Alten sterben", sagt der alte Mann, der den Besuchern die Tür zur Synagoge aufschließt - sie wird von 15 Sicherheitsleuten rund um die Uhr bewacht.

Noch können die Juden in Tunesien offen zeigen, welcher Glaubensgemeinschaft sie angehören. So wie die Sekretärin eines jüdischen Spediteurs, die eine Halskette mit einem silbernen Davidstern trägt. Doch nur wenige hundert Meter von ihrem Büro entfernt zeigt das Land ein anderes, sein neues Gesicht: Vor der al-Fath-Moschee, wo sich Tunis radikalste Islamisten versammeln, verkaufen fliegende Händler alles, was der moderne Dschihadist im Kampf braucht: digitale Kompasse, um in allen Krisengebieten der Welt Mekka zu orten, diverse Wecker, die zu Gebetszeiten Alarm schlagen, und Stirnbänder, die mit Koranversen beschriftet sind - der Kopfschmuck für Extremisten, die in den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen ziehen.

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 14.08.2013
1. Djerba
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIn Tunesien, lange gerühmt für seine religiöse Toleranz, nehmen seit der Revolution 2011 Übergriffe auf Minderheiten zu. Islamisten bedrohen besonders die kleine jüdische Gemeinde der Hauptstadt - die Jungen wandern aus. Juden in Tunesien: Flucht aus Tunis vor Islamisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/juden-in-tunesien-flucht-aus-tunis-vor-islamisten-a-915564.html)
Der Anschlag auf die Synagoge in Djerba war eine unübersehbare Kampfansage der Terroristen und sagte alles über ihre blutigen Pläne. In der deutschen Presse hat man sich damals weggeduckt und so getan, als wären die größtenteils deutschen Opfer bei einer Art Naturkatastrophe ums Leben gekommen. Nur deshalb ist es wohl vorstellbar, dass Ägypten, Tunesien, die Türkei und andere muslimische Länder noch heute als Touristenziele verkauft werden können.
neu_ab 14.08.2013
2.
Ja, Juden wandern vielerorts aus, wenn auch nicht ganz freiwillig. Nicht nur in arabischen Ländern, sondern in denen, die es allmählich werden, wie Dänemark, Schweden, den Niederlanden, Frankreich, & wohl auch bald Deutschland, wo offener Antisemistismus sogar noch Polizeischutz geniesst, wie auf der Al Quds Demo in Berlin.
A&O 14.08.2013
3. Heuchelei
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIn Tunesien, lange gerühmt für seine religiöse Toleranz, nehmen seit der Revolution 2011 Übergriffe auf Minderheiten zu. Islamisten bedrohen besonders die kleine jüdische Gemeinde der Hauptstadt - die Jungen wandern aus. Juden in Tunesien: Flucht aus Tunis vor Islamisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/juden-in-tunesien-flucht-aus-tunis-vor-islamisten-a-915564.html)
In allen islamischen Ländern nimmt der Terror gegen Andersgläubige zu. Das ist auch kein Wunder, wird dies doch im Koran verlangt.
Whitejack 14.08.2013
4. Wehrhafte Demokratie
Eine Kommentarfunktion zu diesem Artikel? Mit den Reizwörten "Juden" und "Islamisten"? Na viel Glück, SPON... Meiner Ansicht nach beobachten wir in Tunesien derzeit ein Grundproblem jeder demokratischen Gesellschaft: Wenn man keine Strömungen verbieten will, wird es Strömungen geben, die mit Gewalt andere unterdrücken. Wenn man aber beginnt, politische Richtungen zu verbieten, droht man, selbst wieder in einen undemokratischen Verbotsstaat abzurutschen. Das Problem ist auch nicht einfach zu lösen. Nach jeder Revolution gibt es auch restaurative und reaktionäre Kräfte. Auf der einen Seite gefährden diese die neue Ordnung, auf der anderen Seite hat das Beispiel des Kommunismus und von Staaten wie Russland, Kuba, China etc. gezeigt, dass das Verbot aller nichtrevolutionären Kräfte auch wieder Diktaturen schafft, die möglicherweise schlimmer sind als das, was vorher da war. Verschärft wird das Ganze dann, wenn reaktionäre Kräfte wie die radikalen Islamisten in Ägypten und Tunesien ursprünglich bei der Revolution mitgewirkt haben. Vergleichbar ist dies mit den Kommunisten der Weimarer Republik: Sie halfen mit, die Monarchie zu beseitigen, wollten nun aber auch das demokratische System überwerfen. Aus Verbündeten wurden Feinde, sichtbar in der Spaltung der SPD, aus der die KPD hervorging. Ich halte es gerade in Tunesien für wahrscheinlich, dass sich auch die islam(ist)ische Bewegung spaltet, in einen grundsätzlich demokratischen und einen radikalen Flügel, der einen Gottesstaat anstrebt. Ansätze in dieser Hinsicht gibt es bereits, insbesondere sind die (früher einmal unpolitischen) Salafisten ein Auffangbecken für den fundamentalistischen Islam geworden. Und wie seinerzeit die SPD zögert auch die Ennahda, strikt gegen die Gegner des demokratischen Systems vorzugehen. Auch deshalb, weil zum Teil Sympathien vorhanden sind und grundsätzliche Denkweisen sich in gewissen Bereichen ähneln. Aber auf Dauer wird man sich entscheiden müssen. Die SPD hat sich letztlich strikt zur parlamentarischen Demokratie bekannt, die KPD hat den Nazis durch ihre Verweigerungshaltung letztlich unwillentlich geholfen. Selbst das hat seine heutige, etwas weniger extreme, Parallele: Die Salafisten haben den Militärs in Ägypten wieder ins Amt verholfen.
materialist 14.08.2013
5. Ergänzung
Die Stirnbänder kaufen sich die Dhihadisten selbst ,Schutzwesten bezahlt der deutsche Steuerzahler und Saudi Arabien,Katar und die USA liefern Waffen.(zumindest in Syrien)Wirklich toll diese Arbeitsteilung.Weiter so Jungs wo ihr seid ist das Chaos.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.