Jüdische Gemeinden Immer mehr Drohbriefe

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, schlägt Alarm: Seit dem neuen Ausbruch der Gewalt im Nahen Osten ist die Zahl der Droh- und Schmähbriefe an jüdische Gemeinden und Repräsentanten in Deutschland massiv gestiegen. Zugleich übt der Zentralrat heftige Kritik an der FDP.


Berichtet von mehr Attacken denn je - Paul Spiegel
DPA

Berichtet von mehr Attacken denn je - Paul Spiegel

Frankfurt - Paul Spiegel sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es habe zwar schon immer Einschüchterungsversuche und anonyme Diffamierungen gegen jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik gegeben. Doch noch nie seien die Attacken so zahlreich und so scharf gewesen. "Viele verkleiden ihre antijüdische Aggression als Kritik an Israel."

Ähnliche Erfahrungen machten auch die Schauspielerin Iris Berben und Spiegels Stellvertreter Michel Friedman: "Bei mir kommen deutlich mehr Droh- und Schmutzbriefe an als früher und auch deren Ton ist viel schärfer geworden", sagte Friedman.

Empörung über Möllemann

Am Sonntag veröffentlichte der Zentralrat der Juden eine Erklärung, in der scharfe Kritik an dem FDP-Politiker Jürgen Möllemann geübt wird. Der Zentralrat sei "empört und besorgt über die Einseitigkeit der Israelkritik durch die FDP" heißt es darin. Anlass des Protests sind Äußerungen Möllemanns, in denen er indirekt Verständnis für den gewaltsamen Widerstand der Palästinenser auf israelischem Territorium geäußert hatte. Dieser "undifferenziert diffamierenden Kritik" sei von der FDP-Führung nie widersprochen worden", bemängelte das Direktorium des Zentralrats der Juden.

Berliner Kritik an PDS

Auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner, schaltete sich besorgt in die Diskussion ein. Er forderte die PDS auf, sich von der jüngsten anti-israelischen Demonstration in der Hauptstadt zu distanzieren. "Ich war erstaunt, dass die PDS offiziell für die Demonstration und gegen Israel Stellung bezogen hat", sagte Brenner in einem dpa-Gespräch. Zu DDR-Zeiten habe die SED unter dem Deckmantel "antizionistischer" Kampagnen verkappten Antisemitismus betrieben. "Es wäre makaber, wenn die PDS in dieser traurigen Tradition steht. Aber ich hoffe, dass ich mich irre", sagte Brenner.

Er erwarte jetzt von führenden PDS-Politikern eine Erklärung gegen den Aufruf zur pro-palästinensischen Demonstration vom vergangenen Sonnabend, auf der einem Kind als Nachahmung der Selbstmordattentäter eine Sprengstoffattrappe um den Bauch gegürtelt worden war.

In der Kritik an Israel gebe es eine "unheilige Allianz" zwischen Linken und Rechten, sagte Brenner, der vor einem Jahr sein Amt an der Spitze der mit 12 000 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde in Deutschland übernommen hatte. "Die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus ist fließend".

Der Vergleich von Israels Politik mit den Nazis, wie er teilweise auch in den Medien verbreitet werde, sei ein Ventil gegen den in Deutschland aufgestauten Antisemitismus und Wasser auf die Mühlen rechtsradikaler Propaganda, sagte Brenner. Wenn er "diese Sprüche von dem Fallschirmspringer Jürgen Möllemann oder von Norbert Blüm" höre, dann erinnere er sich an den Satz des deutsch-jüdischen Malers Max Liebermann: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte".

Israel habe die einzige demokratisch gewählte Regierung im Nahen Osten und eine sehr kritische Presse. "Ich habe auf der arabischen Seite so etwas noch nicht gesehen", sagte Brenner. Er sehe die Gefahr, dass der Nahost-Konflikt auch auf Deutschland überspringen könnte. Innerhalb der jüdischen Gemeinde herrsche deswegen eine große Verunsicherung.

Brenner erinnerte dabei an den jüngsten Anschlag gegen den jüdischen Friedhof in Berlin-Charlottenburg, die Angriffe auf zwei orthodoxe Juden auf dem Kurfürstendamm sowie die Misshandlung von zwei Frauen, die den Davidstern an ihren Halsketten getragen hatten. Er halte aber nichts davon, dass Juden ihre Identität verschweigen. "Jeder Jude soll, wenn er will, sich auch offen dazu bekennen", sagte der Geimeindevorsitzende. "Aber dass die Unruhe wächst - daran gibt es keinen Zweifel."



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