Jüdischer Weltkongress "Ahmadinedschad ist eine Gefahr für alle"

Beim ersten Treffen des Policy Council des Jüdischen Weltkongresses in Berlin dominierte ein Thema: Die antisemitische Rhetorik des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Die sei nicht nur ein Problem für Juden, warnten die Teilnehmer.

Von Fabian Grabowsky


Berlin - "Unsere Probleme sind auch die Probleme, die die große Welt beschäftigen." Wenn Israel Singer im Moment von "unseren Problemen" redet, meint er vor allem den Iran. Heute tagte in Berlin der politische Rat des Jüdischen Weltkongresses (WJC), dessen Vorsitzender Singer ist. Zentrales Thema: die Holocaust-Leugnungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und das iranische Atomwaffenprogramm.

Stephen Herbits, Charlotte Knobloch und Israel Singer (von links): "Iran plant Schulterschluss mit Neonazis"
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Stephen Herbits, Charlotte Knobloch und Israel Singer (von links): "Iran plant Schulterschluss mit Neonazis"

Auch die anderen Teilnehmer teilten Singers Einschätzung. "Iran ist eine außergewöhnliche Gefahr für alle - nicht nur für Juden", sagte WJC-Generalsekretär Stephen Herbits. Auch Deutschland liege innerhalb der Reichweite iranischer Raketen. Die Sechser-Gruppe (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland, China, USA) müsse weiterhin zusammenbleiben und einen gemeinsamen Ansatz gegenüber dem Iran verfolgen, forderte er.

Deutlich kritischer äußerte sich die Präsidentin des Zentralrats der Juden und WJC-Vizepräsidentin, Charlotte Knobloch. Sie bekräftigte ihre Kritik an der Iran-Politik der Bundesregierung. "Wir stehen der bisherigen Politik sehr, sehr kritisch gegenüber." Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) habe sich nach seinem Treffen mit dem iranischen Vizeaußenminister Manuchehr Mottaki vergangene Woche nicht eindeutig von der iranischen Position distanziert. "Die iranische Politik ist eine Gefahr für Europa, die ganze Welt und eine sehr große Gefahr für Israel." Knobloch kritisierte zudem die in Teheran geplante Holocaust-Konferenz, mit der Ahmadinedschad den "Schulterschluss mit Neonazis in Deutschland" plane.

Lage der iranischen Juden "sehr schwierig"

Knobloch bezeichnete die Lage der jüdischen Gemeinden im Iran zudem als "sehr, sehr schwierig". Bis vor zwei Jahren habe eine iranische Delegation an WJC-Treffen teilgenommen. "Ich habe nie gewusst, was sie da wollen - sie waren stumm. Sie haben sich nicht getraut, die Dinge auszusprechen, die sie wollten." WJC-Generalsekretär Herbits sagte, die iranischen Regierung müsse daran gemessen werden, wie sie mit den jüdischen Gemeinden umgehen: "Wir beobachten das sehr genau - andere tun dies auch."

Policy-Council-Vorsitzender Singer schloss nicht aus, die Kontakte zur iranischen jüdischen Gemeinde zu erneuern. Diese sei eine der ältesten der Welt. Fragen nach möglichen Kontakten des WJC zur iranischen Regierung wich Singer aber aus.

Der Policy Council des WJC wurde im Januar dieses Jahres gegründet. Ihm gehören 25 Delegierte an, darunter auch Nicht-Mitglieder des WJC, zum Beispiel Ex-Außenminister Joschka Fischer, die französische Politikerin und Auschwitz-Überlebende Simone Veil und der ehemalige österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky. Er sei "eine Art Rat der Weisen", sagte Knobloch.

Der Jüdische Weltkongress ist ein internationaler Verband von jüdischen Gemeinden aus 80 Ländern. Er wurde 1936 in Genf gegründet. Deutscher Mitgliedsverband ist der Zentralrat der Juden in Deutschland. Der WJC benennt als seine Ziele den Kampf gegen Antisemitismus, interreligiösen Dialog und die weltweite Förderung jüdischer Gemeinden.



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