Jugendprotest in Moskau Kohlsuppe für die Kreml-Kritiker

Westliche Patentrezepte für Russlands Politik treiben die kremltreue Jugendorganisation Naschi auf die Barrikaden. Einen Tag nach den Präsidentschaftswahlen zogen sie nun aus, um US-Diplomaten die Meinung zu sagen: mit einem Riesentopf Kohlsuppe.

Von Carmen Eller, Moskau


Moskau - Manche nehmen Kartoffeln und Karotten, andere bevorzugen Ei und Petersilie. Für die russische Suppe Schtschi gibt es viele Rezepte. Und wenn es nach den Aktivisten der Kreml-nahen Jugendorganisation Naschi (die Unsrigen) geht, dann ist auch Demokratie am Ende reine Geschmackssache.

Naschi-Aktivisten: "Ihr könnt Russland nicht erobern"
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Naschi-Aktivisten: "Ihr könnt Russland nicht erobern"

Aus Protest gegen westliche Rezepte für russische Politik starteten die Naschi-Aktivisten einen Tag nach den Präsidentschaftswahlen eine symbolische Aktion. Statt den Russen in Sachen Demokratie die Leviten zu lesen, sollten sie "lieber ihren Frauen beibringen, wie man Kohlsuppe kocht", hatte der Präsident auf seiner letzten Pressekonferenz den OSZE-Beobachtern empfohlen. Naschi-Aktivisten nahmen ihn heute beim Wort. Mit Kochrezepten für Kohlsuppe zogen die jugendlichen Demonstranten vor die US-amerikanische Botschaft.

Aufsehen erregende Aktionen sind eine Spezialität der Naschi-Jugend. Ihre Mitglieder lassen sich auf Moskaus Straßen vor den Augen der Passanten Blut abzapfen, porträtieren Oppositionspolitiker wie Eduard Limonow oder Garri Kasparow als schief grinsende Freudenmädchen und beschimpfen estnische Diplomaten. 2005 erschien die Organisation auf der politischen Bühne, als Mittel gegen eine orangene Revolution nach dem Vorbild der Ukraine im Jahr zuvor.

Wladimir Surkow, der stellvertretende Leiter der Präsidialadministration, gilt als ihr geistiger Vater. Die Organisation bündelt die antiwestliche Stimmung im Volk und spielt Putin in die Hände, der bereits im vergangenen Jahr vor Oppositionellen als Schakalen warnte, die auf der Suche nach Unterstützung um ausländische Botschaften streifen.

Naschi-Mitglied Lena Samtunowa ist über ihre Freunde zur Bewegung gekommen. Etwas verloren steht die 18-jährige Russin aus Rostow an der Uferpromenade gegenüber des Weißen Hauses. "Mir gefallen die Werte und Ideale der Naschi", erklärt sie zögernd, aber kann diese nicht nennen. Verschämt zieht sie ihren knallig pinken Schal fest über Mund und Nase und ergänzt eifrig. "Ich habe Medwedew gewählt, weil Putin ihn empfohlen hat."

Busse haben Tausende von Naschi-Aktivisten wie Lena aus verschiedenen russischen Regionen ans Ufer der Moskwa gebracht. Unter einer grauen Wolkendecke versammeln sie sich hier zum Protest. Fahnen und Flugblätter klemmen unter ihren Armen, Schneeregen peitscht in ihre Gesichter. In weiße und rote Capes gehüllt, stiefeln sie die Promenade entlang. Eine Gruppe marschiert zu dem vom liberalen Reformer Anatoli Tschubajs geführten staatlichen Strommonopolisten RAO EES, die andere zur US-amerikanischen Botschaft. Vorbei am stalinistischen Zuckerbäckerbau des Hotels Ukraina. Ab und zu halten sie an und warten auf Anweisungen ihrer Anführe, die sich "Kommissare" nennen. Auf ihren Rücken leuchten die Worte: "Vorwärts Russland".

Wimmelt es bei Protestmärschen der Opposition sonst nur so von Polizisten, so stapfen hier nur vereinzelt Sicherheitsmänner durch den Straßenschlamm. "Ich bin sehr froh, dass unser neuer Präsident Putins Kurs beibehalten wird", sagt Dmitri Tschamrow, der sich seit drei Jahren bei den Naschi engagiert und heute gegen US-amerikanische Bevormundung mobil machen will. "Wir wollen dem Land zeigen, dass der Westen sich nicht einmischen soll. Wir wissen selbst, was gut für uns ist." Unter seiner dicken Kapuze blickt der 24-Jährige Moskauer ernst über die Menge. Als einem Aktivisten neben ihm eine politische Werbebroschüre auf die Straße fällt, weist er ihn streng zurecht: "Heb das wieder auf".

Gegenüber der US-amerikanischen Botschaft geben die Jugendlichen kurze Zeit später eine politisch brisante Kochstunde. Teenager in roten Capes halten ein Transparent in Richtung Botschaft. "Ihr könnt Russland nicht erobern. Lernt besser, Schtschi zu kochen." steht darauf. Aus Lautsprechern dröhnt ein rockiger Naschi-Song, dann die Worte: "Unser Land soll frei und unabhängig sein. Behaltet eure Ratschläge für euch."

Die Adressaten in der Botschaft zeigen sich nicht. Ein großer weißer zylinderförmiger Klotz steht als improvisierter Kochtopf auf der Straße. Minuten später kleben die Jungs und Mädchen von Naschi Suppenrezepte auf die weiße Plane. Schtschi mit Smetana, Schi aus dem Ural. "Uns schmeckt das", lacht der 22-jährige Dmitri, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Schtschi könne er selbst gut kochen, "im Westen bevorzugt man vielleicht so ein Zeug wie Hamburger". In Russland herrsche ein demokratisches System, da ist er sich sicher. "Trotzdem kann es noch besser werden", ergänzt er dann. "Es gibt so viele unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie. Schließlich ist das kein fester Zustand, sondern entwickelt sich." Dmitri weiß, dass das russische Rezept westlichen Beobachtern schwer im Magen liegt. Aber für diesbezügliche Beschwerden hat er kein Verständnis. Es müsse ja nicht jedem schmecken, was hier auf den Tisch kommt. "Naja, das deutsche Bier mögen wir auch", scherzt sein Freund Kirill, dem Schneeflocken zwischen den Wimpern hängen.

Während ihre Altersgenossen in den Jelzinjahren noch von einem Job bei McDonald's träumten, stehen die jungen Naschi-Aktivisten auf Hausmannskost - auch in politischer Hinsicht. Als alle Rezepte an der Plane kleben, als alle Broschüren verteilt und alle Parolen gesprochen sind, zerstreuen sich die Demonstranten. Nach der Aktion vor der US-amerikanischen Botschaft zieht ein leerer Magen einige Aktivisten an die Buden vor der Metrostation Barrikadnaja. Sie haben Hunger und bestellen - Hotdog.



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