Jugoslawien Kampf um die Macht

Die Opposition in Jugoslawien will von einer Stichwahl nichts wissen. Die Anhänger sollen am Abend zu tausenden für den Wahlsieg demonstrieren. Das Ausland unterstützt den Milosevic-Rivalen Kostunica.


Anhänger der Opposition feiern den Sieg
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Anhänger der Opposition feiern den Sieg

Belgrad - Anhänger von Vojislav Kostunica verteilten in der Belgrader Innenstadt 10.000 Rasseln und riefen die Passanten auf, an einer Demonstration am Abend teilzunehmen. Präsident Slobodan Milosevic solle daran erinnert werden, dass er geschlagen sei. Polizisten in Zivil forderten die Opposition in Belgrad auf, eine bereits installierte Bühne wieder abzubauen. Journalisten, die die Szene filmen wollten, wurden verjagt.

Kostunica warf der Regierung Wahlfälschung vor. "Wir sprechen über politischen Betrug und eklatanten Diebstahl von Wählerstimmen", rief der 56-jährige Professor der Rechtswissenschaften aus. Zuvor hatte die Wahlkommission mitgeteilt, dass Kostunica mit 48,22 Prozent im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit verfehlt, aber einen Vorsprung von acht Prozentpunkten auf Milosevic erreicht habe. Es werde deshalb eine Stichwahl am 8. Oktober geben. Kostunica versicherte dagegen, er habe mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. "Der Sieg ist offenkundig und wir werden ihn mit gewaltfreien Mitteln verteidigen", kündigte Kostunica an. Die Opposition berichtete, sie dürfe die offiziellen Wahlergebnisse nicht prüfen.

Auch Politiker im Ausland forderten Milosevic erneut auf, die Macht abzugeben. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach von einem "glanzvollen Wahlsieg der jugoslawischen Opposition." Es stehe außer Zweifel, dass sich die Bevölkerung Jugoslawiens für einen demokratischen Wandel entschieden habe. Der Wille des serbischen Volkes müsse akzeptiert werden und es dürfe zu keiner Eskalation der Gewalt kommen, sagte Schröder laut Redetext vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats in Straßburg. Auch EU-Kommissionspräsident Romano Prodi unterstützte die Opposition: "Das serbische Volk hat deutlich für den Wechsel, für die Demokratie, für einen friedlichen Übergang und vor allem für eine Rückkehr in die europäische Familie gestimmt." Prodi versprach, die EU werde die Sanktionen gegen Jugoslawien aufheben, sobald der Volkswille respektiert werde.

Kämpferisch: Kostunica
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Kämpferisch: Kostunica

Der Sprecher von EU-Außenkommissar Chris Patten betonte, die EU-Kommission habe ausreichende Informationen, um davon auszugehen, dass die Opposition schon im ersten Wahlgang gesiegt habe. Ihre Stimmenzahl liege bei 54 Prozent. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac sagte, alle Versuche, dem serbischen Volk seinen Sieg zu stehlen, seien vergeblich. Der britische Außenminister Robin Cook meinte, es gebe keinen Grund, einen zweiten Wahlgang abzuhalten. "Alles, was Milosevic nun tun muss, ist den Weg frei zu machen", sagte Cook.

Der russische Außenminister Igor Iwanow warnte dagegen vor einer Einmischung von außen in die Präsidentschaftswahl in Jugoslawien. "Russland tritt fest dafür ein, dass die Völker Jugoslawiens die völlige Freiheit haben sollen, ihren Willen zu äußern ohne irgendwelchen Druck von innen oder von außen", sagte Iwanow nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax.



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