Julia Timoschenko und die Ukraine Die Frau, die zu schnell ist für ihr Land

Oppositionsführerin Julia Timoschenko will die Wahlen in der Ukraine gewinnen und Ministerpräsidentin werden. Von ihrer Mission getrieben, sagt sie den Oligarchen den Kampf an - und reist durch ein Land, das ihrem Tempo aber nicht Schritt hält.

Aus Lutsk berichtet Alexander Schwabe


Lutsk - Sie redet und redet und redet. Wie aufgezogen spult sie ihr Wahlkampfprogramm runter. Nur kurz schnappt sie zwischen den Sätzen Luft und taucht schon wieder ab in die Flut ihres Wortschwalls. Julia Timoschenko hat keine Zeit. Nicht einmal für den Jubel der Menge. Sie will nach oben. Regierungschefin werden. Das Land voranbringen. Gerechtigkeit. Wahrheit. Wachstum. Jetzt. Sofort. Mehr nicht, weniger schon gar nicht.

Timoschenko: Besessen von der Idee, das Land retten zu müssen
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Timoschenko: Besessen von der Idee, das Land retten zu müssen

Timoschenko ist in der West-Ukraine unterwegs, im Armenhaus des nach Russland zweitgrößten Flächenstaates Europas. Sie tourt durch das ehemalige Galizien, weil dort ihre Stammwähler sind. Die gilt es zu mobilisieren. Denn die Prognosen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Orangen und den Blauen voraus.

Präsident Wiktor Juschtschenkos Wahlbündnis "Nascha Ukraina" (13 Prozent) und "BJuT", der "Block Julia Timoschenko" (20 Prozent), kommen laut Umfragen zusammen auf rund 33 Prozent. Ministerpräsident Wiktor Janukowitschs "Partei der Regionen" (30 Prozent) rangiert mit den Kommunisten (5 Prozent) bei einer Ungenauigkeit von rund 3 Prozent auf einem ähnlichen Wert. Die Partei des Ex-Parlamentspräsidenten Litwyn kann die Drei-Prozent-Hürde schaffen und zum Zünglein an der Waage werden.

"Wir wollen alle Anstrengungen unternehmen, dass die demokratischen Kräfte keine Fehler mehr machen", gelobt Timoschenko fest entschlossen vor rund 8000 Anhängern in der 300.000-Einwohner-Stadt Lutsk. "Wir werden für Verantwortung und Zuverlässigkeit stehen", trichtert sie den Leuten ein. Dazu müssten unverbrauchte, brandneue Gesichter an die Macht, neues Personal auf die wichtigen Posten. Doch woher nehmen?

Hassliebe mit Präsident Juschtschenko

Wie besessen scheint Timoschenko von der Idee, das Land retten zu müssen vor den ausbeuterischen Wirtschaftsmagnaten und deren politischen Marionetten im Parlament. Kompromisslos wie je betet sie ihr Mantra: "Wir werden niemals mit den Oligarchen zusammengehen" – eine klare Kritik zugleich an Präsident Juschtschenko, der einen Pakt mit dem oligarchophilen Janukowitsch geschlossen hatte.

Juschtschenko und Timoschenko verbindet eine alte Hassliebe. Jetzt wollen sie es erneut miteinander versuchen. Die Koalitionsabmachung sieht vor, dass diejenige Partei im orangen Lager den Regierungschef stellt, die stärker abschneidet. Das wäre der Block Timoschenkos. Das letzte Mal hielt die Allianz zwischen den beiden Helden des Winters 2004 gerade Mal sieben Monate – und das nach dem Hochgefühl der "Orangenen Revolution" -, dann feuerte der von einem Dioxin-Anschlag entstellte Juschtschenko die schöne Julia, weil er sie, so die offizielle Version, nicht für teamfähig hielt.

Später, als der Sozialist Moros mit seinen Mannen im Parlament zum blauen Lager überlief, tat sich Juschtschenko notgedrungen mit seinem alten Widersacher Janukowitsch zusammen. Eine fatale Entscheidung. Denn Janukowitsch ließ keine Chance aus, die Macht des Präsidenten zu unterminieren. Gelegenheit dafür gaben ihm die Mängel der Verfassung, die in der Hektik der Revolution schnell zusammengeschustert worden war, und der Kauf von Abgeordneten, die seine Position im Parlament immer weiter stärkten.

Julia Timoschenko drängt daher auf eine neue Verfassung – Juschtschenko auch. Sie aber will das Volk entscheiden lassen, ob es eine präsidiale oder eine parlamentarische Konstitution wünscht. Juschtschenko will das nicht. Weiterer Konfliktstoff: Wird Timoschenko erneut versuchen, an Oligarchen verramschte ehemalige Staatskonzerne zu verstaatlichen, um sie dann für einen deutlich höheren Preis zu reprivatisieren? Es gibt Indizien, dass sie in diesem Punkt zurückstecken wird – eine Qualität, die Timoschenko bisher nicht kannte.



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