WikiLeaks-Gründer Der Fall Assange

Fast sieben Jahre verbrachte WikiLeaks-Gründer Julian Assange in der Botschaft von Ecuador in London. Jetzt ist er verhaftet worden. Die Fakten.

Ecuadors Botschaft in London - hier wurde Assange festgenommen
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Ecuadors Botschaft in London - hier wurde Assange festgenommen


Wer ist Julian Assange?

Der 47-jährige Australier ist der maßgebliche Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks (siehe weiter unten). Er studierte in Melbourne Mathematik, Physik und Informatik. Unter dem Pseudonym "Mendax" - dem lateinischen Wort für "lügnerisch" - wurde er zum erfolgreichen Hacker und knackte die Internetseiten der Nasa und des Pentagons.

Seit WikiLeaks im Jahr 2010 brisante US-Dokumente zu den Kriegen in Afghanistan und im Irak veröffentlicht hatte, fürchtete Assange, an die USA ausgeliefert zu werden. Nachdem Schweden 2010 wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet hatte, stellte er sich der Polizei in Großbritannien. Assange kam unter Auflagen wieder frei, beantragte dann allerdings im Juni 2012 Asyl in der Botschaft von Ecuador in London.

Was ist WikiLeaks?

WikiLeaks ist eine Enthüllungsplattform von Politaktivisten im Internet. Für großes Aufsehen sorgte die Website erstmals 2010. Damals veröffentlichte die Plattform Hunderttausende meist geheime US-Dokumente über die Kriege in Afghanistan und im Irak. Die Unterlagen kamen teilweise vom damaligen US-Soldaten und Whistleblower Bradley Manning (heute: Chelsea Manning). Auch der SPIEGEL und andere internationale Medien erhielten damals Zugriff auf Dokumente und werteten diese aus. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

In der heißen Phase des US-Wahlkampfs 2016 wurde die Plattform kritisiert, als sie E-Mails aus dem Umfeld der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton öffentlich machte. US-Behörden vermuteten, Hacker mit Verbindungen zu Russlands Geheimdienst hätten WikiLeaks das Material zugespielt.

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Julian Assange: Der WikiLeaks-Gründer in Bildern

Warum wurde Assange gerade jetzt verhaftet?

Die Begründungen sind vielfältig und komplex. Beobachter halten sie teilweise für vorgeschoben.

Die Regierung Ecuadors hob das diplomatische Asyl Assanges mit der Begründung auf, er habe gegen die Auflagen dafür verstoßen. Dann kam es offenbar zu einer Kettenreaktion. Die britische Polizei teilte mit, der Botschafter habe sie für die Festnahme in die Botschaft eingeladen. Der Vorwurf der britischen Polizei: Assange soll sich der Justiz entzogen haben. Später teilte die Polizei mit, dass der 47-Jährige auch im Namen der US-Behörden verhaftet worden sei. Das zeigt: Der Fall ist kompliziert.

Die veränderte Haltung Ecuadors hatte sich schon länger abgezeichnet - und damit auch die Chance auf eine mögliche Verhaftung.

Dafür sprach unter anderem die Pressekonferenz von WikiLeaks-Chefredakteur Kristinn Hrafnsson am Mittwoch in London. Dort erklärte er, dass Julian Assange in der Botschaft in großem Umfang ausspioniert worden sei. Das Ausmaß erinnere ihn an "Die Truman Show", sagte Hrafnsson. Demnach seien Video- und Tonaufzeichnungen in der ecuadorianischen Botschaft gemacht worden. WikiLeaks habe dies kürzlich entdeckt, so Hrafnsson.

WikiLeaks warf der ecuadorianischen Regierung zuletzt häufiger vor, Assange mehr und mehr unter Druck zu setzen, damit er die Botschaft verlässt.

Ecuadors Präsident Lenin Moreno versucht seit seiner Amtsübernahme 2017, das Verhältnis zu den USA wieder zu verbessern. Unter ihm ändert sich das Verhalten im Fall Assange komplett. Im März 2018 ließen ecuadorianische Diplomaten Assanges Internetverbindung kappen und einen Jammer installieren, der seine Kommunikation mit der Außenwelt verhindern sollte.

Vorgänger Rafael Correa hatte dagegen einen wesentlich US-kritischeren Kurs verfolgt - und Assange in der Botschaft Schutz gewährt.

Was droht ihm jetzt?

Die US-Justiz wirft Assange eine Verschwörung mit der Whistleblowerin Manning vor. Assange werde beschuldigt, Manning dabei geholfen zu haben, ein Passwort eines Computernetzwerks der Regierung zu knacken, hieß es am Donnerstag in einer Mitteilung des Justizministeriums zum US-Auslieferungsantrag an Großbritannien.

Wird Assange in die USA ausgeliefert, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Großbritannien erklärte aber, dass der WikiLeaks-Gründer nicht an die USA ausgeliefert wird, wenn ihm dort die Todesstrafe droht. Das gelte "unter allen Umständen". Assange will sich laut seinem Anwalt gegen die Auslieferung wehren.

Wie ist das Verhältnis von Assange und WikiLeaks zu Donald Trump?

Es gibt nur eine indirekte Verbindung: WikiLeaks stand zuletzt im Fokus, weil die Enthüllungswebsite im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gestohlene E-Mails der demokratischen Partei veröffentlichte.

Nachdem Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, bröckelte die Basis der WikiLeaks-Unterstützer; linke und liberale Sympathisanten der Enthüllungsplattform kritisierten, dass Assange den Populisten Trump zumindest indirekt unterstützt habe, indem er Clinton demontiert habe. Die US-Demokraten beschuldigten ihn, dass er von russischen Geheimagenten gehacktes Material auf WikiLeaks veröffentlicht habe. Die US-Geheimdienste haben das inzwischen "mit hoher Sicherheit" bestätigt.

Assange hatte selbst anfangs vage Hoffnungen, dass er mit Trump im Weißen Haus eher Chancen hätte, in absehbarer Zeit aus der Botschaft rauszukommen. Die rechten Hardliner jedoch, die Trump in sein Kabinett berief, wollten am Gründer von WikiLeaks ein Exempel statuieren, zur Abschreckung für weitere mögliche Whistleblower.

SPIEGEL TV über Jagd auf Julian Assange (05.12.2010)

SPIEGEL TV

als/mho/mbs/dpa



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bernteone 11.04.2019
1. was die Schweden in 7 Jahren nicht hin bekommen
haben , geht bei den.Amerikaner ruck zuck . In Zukunft wird sich jede ehrliche Haut es sich 3 x überlegen die Öffentlichkeit zu informieren wenn Verbrechen jeglicher Art von Regierungen wie den USA begangen werden . Genau das ist der Grund für die Auslieferung , wir sind stärker , wir gewinnen , wir können machem was wir wollen . Schöne Werte die auch wir da hochhalten und verteidigen .
schueler79 11.04.2019
2. Der Fall Assange
Ein Spiegelbild der derzeitigen Verhältnisse, der Umgang mit ihm ( Verfolgung weil er die Wahrheit aufdeckt, die fadenscheinige Anklage in Schweden, seine mehrjährige Flucht in die Botschaft) zeigt wie schlecht und verlogen die westliche Welt mittlerweile geworden ist. Es ist klar, dass an ihm ein Exempel statuiert werden soll, mit der unmissverständlichen Botschaft, komm uns in die Quere und wir machen dich fertig. Es spielt ja anscheinend auch keine Rolle, dass er Unrecht aufdeckte, er eigentlich ein moderner Held ist, ähnlich wie Snowden, und wie man mit letzterem umgeht sagt auch schon alles. Die Bedrohung geht keinesfalls von solchen Leuten aus, aber in der Öffentlichkeit sehen wir nur, dass sie verfolgt werden..
ole#frosch 11.04.2019
3. Ein Fehler unserer Demokratien
Nicht die die Unrecht aufdecken gehören bestraft, sondern die die es begehen. Ob Steuerhinterziehung oder Folter. Hier gehören diejenigen die diese Informationen bereitstellen genauso vom Gesetz geschützt wie die Presse. Die Geheimnisse einer Firma oder eines Staates sind nur dann schützenswert, wenn sie keine Straftaten beinhalten.
bligen 11.04.2019
4. Jetzt ist es interessant zu beobachten, welche Medien sich als Medium
für Assange stark machen !! Es geht ja nicht um Informationsbeschaffung, sondern deren Veröffentlichung ! Dafür hat die Presse erweiterte Rechte erhalten ! Bei jedem Medium, das jetzt nicht reagiert muss angenommen werden, dass es Informationen über Staatsverbrechen nicht veröffentlicht um nicht angeklagt zu werden. Was von solchen Medien gehalten wird, muss jeder für sich selber entscheiden. Bisher war ich froh keine nordkoreanischen Zustände hier zu haben.
SpieldesLebens 11.04.2019
5. Un
Die UN hatte vor einigen Jahren zu seinen Gunsten entschieden, nachzulesen z.B. hier: https://www.theguardian.com/media/2016/feb/04/julian-assange-wikileaks-arrest-friday-un-investigation Eigentlich müssen sich die Engländer an internationales Recht halten.
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