Erster öffentlicher Auftritt seit sechs Monaten WikiLeaks-Gründer Assange hinterlässt vor Gericht verwirrten Eindruck

Äußerlich wirkt Julian Assange gepflegt, als er zu einer Anhörung wegen des Auslieferungsersuchens der USA erscheint. Doch was der WikiLeaks-Gründer sagt, wirft erneut Fragen über seinen Gesundheitszustand auf.

Julian Assange: Eine Zeichnung zeigt den WikiLeaks-Gründer am Montag vor Gericht
Julia Quenzler/Handout via REUTERS

Julian Assange: Eine Zeichnung zeigt den WikiLeaks-Gründer am Montag vor Gericht


Julian Assange erschien am Montag frisch rasiert und mit blauem Jackett zur Anhörung vor dem Westminster Magistrates' Court in London - dennoch machte der WikiLeaks-Gründer einen äußerst angeschlagenen Eindruck. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Verhaftung vor sechs Monaten sagte der Australier, er könne "nicht klar denken".

Trotz seines gepflegten Äußeren wirkte Assange verwirrt. So konnte er sich scheinbar nicht an sein Geburtsdatum erinnern und erklärte der Richterin nach Abschluss der Anhörung, er habe nicht genau verstanden, was im Gerichtssaal passiert sei.

Seit April sitzt Assange in Großbritannien eine fast einjährige Freiheitsstrafe wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen ab. Zuvor hatte er sich sieben Jahre lang in der ecuadorianischen Botschaft in London aufgehalten, um einer Auslieferung nach Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen aus dem Jahr 2010 zu entgehen.

Die heutige Anhörung fand jedoch im Zusammenhang mit dem Auslieferungsersuchen der USA statt, wo der WikiLeaks-Gründer wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente und Verstößen gegen das Anti-Spionage-Gesetz angeklagt ist. Im Falle eines Schuldspruchs in allen 18 Anklagepunkten droht ihm lebenslange Haft.

Richterin lehnt Verschiebung der Anhörung ab

Eine von Assange beantragte Verschiebung der Anhörung am Montag lehnte das Gericht ab. Auch die Hauptanhörung im Auslieferungsverfahren gegen Assange soll wie geplant am 28. Februar stattfinden.

Assanges Anwälte hatten argumentiert, für die Vorbereitung des Gerichtsverfahrens gegen ihren Mandanten mehr Zeit zu benötigen. Dies wies Richterin Vanessa Baraitser zurück. Das Gericht in London muss in der Hauptanhörung entscheiden, ob der in den USA wegen Spionage beschuldigte Australier in die Vereinigten Staaten ausgeliefert wird.

Assanges Verteidiger Mark Summers warf den Vereinigten Staaten vor, das Recht seines Mandanten auf Vertraulichkeit der Rechtsberatung verletzt zu haben. Die USA seien "aktiv in vertrauliche Gespräche zwischen Assange und seinen Anwälten" in der ecuadorianischen Botschaft "eingedrungen", indem sie auf Telefonen und Computern gespeichertes Material "unrechtmäßig kopiert" hätten.

"Sehr schwierig, irgendetwas zu tun"

Assange selbst beschwerte sich über die Bedingungen seiner Haft im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. Er will erreichen, dass er auf Bewährung freigelassen wird. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands bestehe keine Fluchtgefahr, argumentiert er. Ein Uno-Sonderberichterstatter, der ihn Anfang Mai im Gefängnis besucht hatte, hatte gesagt, Assange sei über Jahre hinweg "psychologischer Folter" ausgesetzt worden.

Zudem beklagte Assange, er könne nicht auf seine Schriften zugreifen. Es sei "sehr schwierig" für ihn, "irgendetwas zu tun", während seine Gegner "unbegrenzte Ressourcen" zur Verfügung hätten, sagte er mit kaum hörbarer Stimme.

mes/AFP/Reuters

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