Euro-Gruppen-Chef Juncker hält Euro-Austritt der Griechen für beherrschbar

"Nicht wünschenswert, aber zu meistern": Laut Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker wäre ein Währungsaustritt Athens beherrschbar. Scharfe Kritik übt Luxemburgs Premier am Ton der Euro-Diskussion in Deutschland.

Euro-Gruppen-Chef Juncker (im Februar): Euro-Austritt Athens sei "zu meistern"
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Euro-Gruppen-Chef Juncker (im Februar): Euro-Austritt Athens sei "zu meistern"


Köln - Ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone wäre nach Ansicht des Euro-Gruppen-Chefs Jean-Claude Juncker keine attraktive Option, aber durchaus zu überwinden. "Aus der jetzigen Perspektive ist das ein Prozess, der zu meistern ist", sagte Juncker in einem am Dienstag verbreiteten Interview im WDR-Fernsehen. "Das heißt aber nicht, dass das ein wünschenswerter Weg wäre", fügte er hinzu.

Ein solcher Schritt brächte erhebliche Risiken mit sich, vor allem für die einfachen Menschen in Griechenland. Juncker kritisierte zudem scharf den Ton der Diskussion über dieses Thema in Deutschland. "Die Deutschen, viele Deutsche, auch die überregionale deutsche Presse, auch die bebilderte Presse, reden über Griechenland so als, ob dies ein Volk wäre, das es nicht zu respektieren gilt. Das ist nicht so", sagte er.

Wegen scharfer Attacken auf Griechenland sind in den vergangenen Tagen mehrere deutsche Politiker in die Kritik geraten, unter anderem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und Bayerns Finanzminister Markus Söder (ebenfalls CSU). Söder hatte gar gefordert, an Griechenland müsse "ein Exempel statuiert werden". Weiter sagte er: "Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen, und die Griechen sind jetzt so weit." Griechenland solle bis Jahresende aus der Euro-Zone ausscheiden, so der CSU-Politiker. Daraufhin gab es auch scharfe Kritik von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Doch auch dessen Parteifreund und Vizekanzler Philipp Rösler hatte mit seiner Forderung nach einem schnellen Euro-Aus der Griechen für Irritationen gesorgt.

Auch Führende Manager und Gewerkschafter riefen die Politiker zu verbaler Zurückhaltung auf. Man dürfe den Austritt Griechenlands nicht herbeireden - und damit ein Auseinanderbrechen der Währungsunion riskieren.

Der luxemburgische Ministerpräsident Juncker betonte im WDR-Interview weiter, dass der Euro entscheidend für die politische Macht Europas sei. Ohne die Gemeinschaftswährung verlöre der Kontinent international an Bedeutung.

Kürzlich erst hatte Juncker in der "Süddeutschen Zeitung" nachdrücklich vor einem Zerfall der Euro-Zone gewarnt und betont, mit dem Ausschluss Griechenlands würden die Probleme der Währungsunion nicht behoben. Stattdessen seien "enorme Folgeschäden" zu erwarten.

fab/dapd/Reuters

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carstenfroehlich 07.08.2012
1. Halbwertszeit: Hilfe und neue Medikamente
Genau eine Woche her, optimal abgestimmt auf 2012. mm am 30.07.2012: " Juncker spricht von "Geschwätz" über Euro-Austritt Griechenlands Kritik übte Juncker indirekt am deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler. "Alles Geschwätz" über einen Austritt Griechenlands sei nicht hilfreich, sagte Juncker ohne Rösler beim Namen zu nennen. Wer denke, dass die Probleme der Euro-Zone dadurch behoben würden, dass man das Land ausschließe oder fallenlasse, habe die eigentlichen Ursachen der Krise nicht erkannt. Rösler hatte mit der Äußerung für Aufsehen gesorgt, ein Austritt Griechenlands habe seinen Schrecken verloren."
elikey01 07.08.2012
2. Natürlich ist ein Austritt beherrschbar
Zitat von sysopREUTERS"Nicht wünschenswert, aber zu meistern": Laut Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker wäre ein Währungsaustritt Athens beherrschbar. Scharfe Kritik übt Luxemburgs Premier am Ton der Euro-Diskussion in Deutschland. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848752,00.html
"Man dürfe den Austritt Griechenlands nicht herbeireden." Eine solche Aussage - aus dem Mund von Managern und Gewerkschaftern - ist an Substanzlosigkeit nicht mehr zu überbieten. Wie sollte es möglich sein, ein Ereignis von solcher Tragweite einfach herbeizureden? Den Ton in der €uro-Diskussion haben nicht zuletzt Leute wie Juncker ausgelöst, die sich u.a. nicht mal scheuen, das BVerfG unter Druck zu setzen und so mindestens den Eindruck erwecken, die deutsche Verfassung aushebeln zu wollen - für ihre Interessen, die nicht die der deutschen Bevölkerung sein können. Das ist das Ergebnis der Laviererei seit üb. zwei Jahren, die mitsamt Rettungsschirmen und deutscher Milliardenzahlungen (die als verloren abzuschreiben sind wie die griech. Staatsanleihen der HRE) die Krise verschärft hat, weil damit die Ursachen nicht entschlossen bekämpft wurden. Es ist zwar müsig, weil nicht änderbar: Doch hätte man sich - nicht nur von deutscher Seite - vertragstreu an die no-bailout-Klausel gehalten, anstatt der Finanzwirtschaft so auf den Leim zu gehen, könnte sich die gegenwärtige Situation bereits deutlich entspannter darstellen und vor allem wäre deutlicher geworden, wo der Zug hinfährt - es wäre also wohl zum berühmten "Ende mit Schrecken" gekommen. Schade, dass niemand dieses Szenario je kennenlernen durfte. Hätte man es etwa herbeireden können?
Eliza 07.08.2012
3. Delikt?
Insolvenzverschleppung ist überall sonst ein Delikt. Wieso jedoch bei Griechenland nicht?
Louis_tick 07.08.2012
4. oK
Ich respektiere Herrn Juncker sehr, und gäbe es eine Wahl zum Präsident der Vereinigten Staaten von Europa, wäre er im Moment mein erster Kandidat. Aber er könnte dann auch sagen, wenn er schon Klartext redet, daß die dauernden Hitlervergleiche in der ausländischen Presse auch nicht dienlich sind.
katueins 07.08.2012
5. Der wahre Juncker
Wer zweigt die proportional höchsten EU-Gelder ganz EUROpas ab? Luxemburg. Welches Land gilt Kritikern als demokratiepolitisch verwerfliche Steueroase, als Flucht-Nation und Tresor auch für Schandgeld? Luxemburg. Wer ist der Regierungschef? Der "Mister Euro", Herr Jean Claude Juncker, in Luxemburgs Satire-Magazinen auch "Bokassa" genannt. Wer ist seit Gründung des Euro über mehr als ein Jahrzehnt in verantwortlicher EURO-Position? Juncker. Und wen wundert die triste Lage des Euro, der millimeterweit vor der Implosion steht, dessen Wert allerbestenfalls durch schwindendes Vertrauen der Euro-Bürger definiert ist? Karl Turecek, Linz
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