Kabul Der rätselhafte Angriff auf das Uno-Büro

Die Uno beklagt den Tod von vier Mitarbeitern, die angeblich nach einem Raketenangriff ums Leben kamen. In Pakistan scheint sich die Lage vorerst zu beruhigen, die Polizei geht hart gegen Demonstranten vor - und bespitzelt Journalisten. Von Claus Christian Malzahn, Islamabad


Kabul: Afghanen auf den Trümmern des ATC-Gebäudes
AFP

Kabul: Afghanen auf den Trümmern des ATC-Gebäudes

Islamabad - Vier tote Uno-Mitarbeiter in der afghanischen Hauptstadt Kabul, 26 Verletzte in der pakistanischen Stadt Quetta - das ist die vorläufige Opfer-Bilanz von Dienstag, des dritten Tages des Alliierten-Angriffs auf die Taliban. Während Stephanie Bunker, Repräsentantin der Uno in Islambad, von zivilen Opfern des Bombardements in Afghanistans nichts zu berichten wusste, beklagte sie gleichzeitig den Tod von vier afghanischen Uno-Mitarbeitern in Kabul, die gestern Nacht um 21 Uhr Ortszeit bei einer vermutlich durch US-Beschuss ausgelösten Explosion ums Leben kamen.

Die vier Männer waren Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation, die sich am Minenräumprogramm der Uno in Afghanistan beteiligten. Die Wachleute schützten offenbar den Wagenpark der NGO Afghan Technical Consultans (ATC) - die Uno hatten Jeeps und Trucks in Kabul zurückgelassen, ihre Mitarbeiter ansonsten abgezogen. Die Toten hinterlassen vier Großfamilien mit bis zu je 30 Mitgliedern "und fallen nun als Ernährer aus", sagte Bunker. "Vermutlich waren sie die Einzigen ihrer Sippe, die überhaupt ein festes Gehalt bezogen haben."

Den Hintergrund der Attacke konnte Bunker auf der Pressekonferenz nicht aufhellen. Sofort wurde spekuliert - wie vor zweieinhalb Jahren, als eine US-Bombe die chinesische Botschaft in Belgrad traf. Zufall? Berechnung? Gerüchte darüber, die Chinesen hätten dem serbischen Armeestab heimlich Räume in der Botschaft zugeteilt, verstummten nie.

Musharraf unter Druck

Haben die Taliban die Uno-Räume mit ihren Kommunikationsanlagen genutzt? Bunker bestätigte gestern, dass die Machthaber in Kabul begonnen haben, technisches Gerät von Hilfsorganisationen zu beschlagnahmen. Der Tod der Uno-Männer setzt die USA unter Erklärungsdruck - und bringt Pakistans Staatschef General Pervez Musharraf in eine noch schwierigere Lage, als er ohnehin schon ist. Denn Musharraf hatte noch gestern verkündet, er sei sicher, die USA und Großbritannien würden sich auf militärische Ziele in Afghanistan konzentrieren. "Ich hoffe, es wird keine Kollateralschäden geben!", sagte er am Montagmorgen um zehn Uhr - elf Stunden später schlug die Rakete im Gebäude der Uno-Partnerorganisation in drei Kilometer außerhalb von Kabul ein.

Nachdem drei islamistische Geistliche, die in Pakistan zum Dschihad aufgerufen hatten, am Dienstag unter Hausarrest gestellt worden sind, schien sich die Lage in Pakistan im Vergleich zu den blutigen Unruhen vom Vortag etwas zu beruhigen. In Quetta, einer Hochburg der Taliban, kam es zwar noch zu Auseinandersetzungen auf der Straße - doch Exzesse wie am Montag, als Häuser, Autos und eine Uno-Einrichtung brannten, konnte die Polizei verhindern.

Journalisten unter Hausarrest

Die Arbeitsbedingungen für Journalisten werden inzwischen schwieriger. In Quetta stehen Reporter im Hotel oft unter Hausarrest, "Dangerous!" ist die Begründung der Polizei, die das Tor für Kamerateams nicht öffnen will. In Peschawar setzt der Geheimdienst inzwischen Undercover-Agenten gegen die Presse ein.

Eine örtliche Zeitung berichtet am Dienstag, Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes seien, als Kellner getarnt, in den Hotels und Gasthäusern von Peschawar im Einsatz. Wörtlich heißt es: "Die Geheimdienst-Mitarbeiter sind angewiesen, alle Bewegungen, Vorhaben, Besuche und Themen der Journalisten strikt zu überwachen." Schon vor dieser Spitzel-Offensive der pakistanischen Regierung waren ganze Landstriche für Journalisten in Pakistan gesperrt.

Tatsächlich ist es zurzeit nicht ratsam, inmitten eines rasenden Mobs von Islamisten Interviews zu machen. Doch das wissen erfahrene Reporter auch ohne Beistand des pakistanischen Geheimdienstes. Den Behörden geht es wohl nicht nur um die körperliche Unversehrtheit des Pressecorps: So ist zum Beispiel auch die Stadt Derra bei Peschawar für Berichterstatter gesperrt.

Derra liegt zwar in der talibanfreundlichen "Tribal Area". Doch dort werden seit jeher Waffen aller Art produziert, in Reiseführern wird Derra sogar als Ausflugsziel angepriesen. Die Waffenmanufakteure fälschen alles, von der Mauser-Pistole bis zur Missile. Die Frage, ob die Produktion zurzeit weiterläuft und ob sie - wie bisher - an die Taliban geliefert wird, kann nicht recherchiert werden. Und sie soll auch nicht recherchiert werden können.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.