Kabul Taliban attackieren Luxushotel - Norwegens Außenminister überlebt im Keller

Das Serena-Hotel galt unter Ausländern als einzig sichere Unterkunft in Kabul - doch heute griffen Taliban-Extremisten das Gebäude an. Mehrere Sicherheitsleute wurden getötet, außerdem ein US-Bürger und ein norwegischer Journalist.

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Hamburg - Mehrere Barrieren umgeben das Hotel "Serena" in Kabul, Dutzende Wächter sichern das Gelände und die schwere Pforte, Funkstörer gegen ferngezündete Bomben sollen das bei Ausländern beliebte Hotel schützen. Doch all die Sicherungsmaßnahmen versagten heute: Unbekannte griffen das Gebäude mit Sprengstoff an, drangen in die Lobby vor.

Bei dem Angriff töteten sie mindestens vier Menschen. Auch ein US-Bürger kam bei dem Anschlag ums Leben. Das bestätigte am Abend ein Sprecher des US-Außenministeriums. Ob es sich um einen Zivilisten oder einen Militärangehörigen handelte, sagte er nicht.

Die norwegische Zeitung "Dagbladet" gab ebenfalls am Abend bekannt, dass ihr Reporter Carsten Thomassen, 38, getötet wurde. Er sollte für die Zeitung über den Besuch des norwegischen Außenministers Jonas Gahr Støre berichten, der sich zum Zeitpunkt des Anschlags auch im Hotel befand. Thomassen gehörte zu Støres Delegation.

Minuten nach dem Angriff war im "Serena" nichts mehr wie zuvor: Dichter Rauch stand in der mit Marmor ausgelegten Lobby, berichteten Augenzeugen. Auf dem Boden lagen Hülsen aus Schnellfeuergewehren und auch Blutlachen.

Die Detonation war so stark, dass man sie fast in der ganzen Hauptstadt Afghanistans spüren konnte, berichteten mehrere Einwohner am frühen Abend. "Ich war mehrere Kilometer vom Hotel entfernt und trotzdem bebte der Boden kurz unter meinen Füßen", sagte ein afghanischer Geschäftsmann SPIEGEL ONLINE am Telefon. Den Aussagen zufolge ereignete sich die Explosion um kurz nach sechs Uhr Ortszeit.

Norwegens Außenminister Jonas Gahr Støre entkam dem Rundfunksender NRK zufolge unverletzt - er befand sich dem Bericht zufolge im Keller des Hotels. Auf einer mehrtägigen Visite in Afghanistan wollte er sich auch mit Präsident Hamid Karzai treffen. Am Abend gab es im Hotel nach Angaben von Angestellten einen Empfang der norwegischen Delegation.

Mehrere deutsche Beamten des BKA, die in dem Hotel untergebracht sind, wurden nicht verletzt, erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Berliner Sicherheitskreisen. Die Beamten bemühen sich zur Zeit um eine Lösung in der Geiselkrise um den deutschen Harald K. "Unsere Männer waren glücklicherweise nicht betroffen", sagte ein Berliner Sicherheitsexperte.

Das Hotel wurde nach dem Angriff mehrmals komplett durchsucht - die Ermittler wollten ausschließen, dass sich weitere Angreifer in dem Gebäude versteckt haben. Die restlichen Hotelgäste wurden in den hinteren Teil des Gebäudes gebracht. Innerhalb von Minuten fuhren US-Panzerwagen vor das Hotel, die Polizei sperrte das Gelände weiträumig ab.

Eine knappe Stunde nach der Explosion meldeten sich die Taliban bei den Nachrichtenagenturen. Ein Sprecher erklärte, ein Team der Radikalislamisten habe das Hotel angegriffen. Demnach habe ein Selbstmordattentäter und drei mit Gewehren und Granaten bewaffnete Kämpfer das Hotel attackiert. Der Attentäter habe sich in die Luft gesprengt.

Die Angaben der Taliban stellten sich in der Vergangenheit oft als Propaganda heraus - manchmal aber stimmen die Mitteilungen auch. Auffällig an der Mitteilung der Taliban war dieses Mal, dass sie kurz nach der schweren Explosion einging.

Ein Sprecher der Taliban meldete sich wenig später auch bei SPIEGEL ONLINE. Seinen Angaben nach wussten die Strategen der Gruppe, dass sich am Montag eine "hochrangige westliche Delegation" dort aufhielt. "Wir hatten die Information vor einigen Wochen bekommen, deshalb planten wir die Attacke und griffen heute an", so der Sprecher. Der Mann bezeichnete sich als Stellvertreter des bereits mehrmals in Erscheinung getretenen Sprechers Zabiullah Mudschahid. Dass sich der norwegische Außenminister Jonas Gahr Störe persönlich im Hotel aufhielt, habe man nicht gewusst.

Norwegen gehört als Partnerland zum Verbund der internationalen Schutztruppe Isaf. Das Land hat zurzeit 500 der 40000 Soldaten am Hindukusch und wollte seine Truppen 2008 vorübergehend auf 700 aufstocken.

Zeugen der Tat schilderten SPIEGEL ONLINE am Telefon, es habe zunächst ein Feuergefecht am schwer gesicherten Tor des Hotels, an dem alle Autos durchsucht werden, gegeben. Offenbar, so die Version, habe sich ein Selbstmordtäter dem Tor genähert und sei entdeckt worden. Sehen konnten die Zeugen den Vorfall jedoch nicht. Andere Zeugen sprachen davon, dass die Angreifer die Wachleute mit Handgranaten angegriffen hätten. Mehrere Männer seien danach in die Hotellobby gestürmt, hätten aus Gewehren auf die Gäste gefeuert. Einer der Täter soll danach eine Sprengstoffweste gezündet haben.

Berichte von anwesenden Journalisten und Hotelangestellten ergaben kein klares Bild. Eine Hotelangestellte schilderte, mehrere Angreifer hätten die schwere Eingangssperre durchbrochen und im Hof des Hotels, in dem die gepanzerten Jeeps der Gäste parken, das Feuer eröffnet. Einer der Männer hätte kurz danach eine Bombe gezündet. "Plötzlich war überall Rauch", so die Angestellte, "wenig später sah ich vier Leichen im Innenhof liegen".

Norwegische Journalisten, welche die Szene beobachtet hatten, sprachen davon, dass uniformierte Männer das Feuer auf Hotelgäste eröffnet hätten. Möglich ist dabei auch, dass die Angreifer sich mit gestohlenen oder falschen Uniformen getarnt hatten. Andere Zeugen berichteten den Nachrichtenagenturen, dass die Männer auch auf Gäste des Fitnesszentrums im Hotel gefeuert hätten.

Die afghanischen Behörden äußerten sich erst am Abend zu Einzelheiten. Der Sprecher des Innenministeriums sprach bei einer Pressekonferenz von vier getöteten Wachleuten und sechs verletzten Personen. Später wurde er mit der Aussage zitiert, sechs Menschen seien getötet worden. Unklar blieb, ob er möglicherweise zwei getötete Angreifer in die Bilanz miteingerechnet hatte.

Zu dem Überfall selber sagte er lediglich, es habe einen Selbstmordattentat am Hoteleingang gegeben. Später sei es zu einer zweiten Explosion sowie zu einem Feuergefecht gekommen.

Das Serena-Hotel, eine Filiale einer pakistanischen Kette, gilt für Ausländer als einzig sicheres Hotel in Kabul. Für 250 Dollar die Nacht steigen hier fast alle ausländischen Diplomaten, Politiker und Geschäftsleute ab. Das "Serena" hatte 2006 geöffnet. Zuvor hatte die Aga Khan-Stiftung das Hotel für 35 Millionen Dollar auf dem Gelände des einstigen "Kabul Hotels" errichtet. Die Hotelwebseite beschreibt die Herberge als "Oasa in einer vom Krieg verwüsteten Stadt".

Mit Material von AFP

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