Kabul Taliban bekennen sich zu Attentat auf deutsche Soldaten

Die radikalislamischen Taliban haben sich zu dem tödlichen Attentat auf ein Fahrzeug der Internationalen Friedenstruppe in Kabul bekannt. Verteidigungsminister Struck bestätigte, dass ein Bundeswehrsoldat bei dem Anschlag ums Leben kam, zwei weitere wurden verletzt.


Hamburg - Verteidigungsminister Peter Struck sagte am Rande des SPD-Parteitags in Karlsruhe, ein deutscher Soldat sei getötet worden. Ein zweiter deutscher Soldat habe schwere Verletzungen erlitten, ein dritter sei leicht verletzt worden. Die beiden verletzten Bundeswehrsoldaten sollen am Dienstag zurück nach Deutschland gebracht werden.

Taliban-Sprecher Qari Yousif Ahmadi sagte in Kabul, seine Organisation sei für den Anschlag verantwortlich. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Hintergründe der Tat müssten erst noch untersucht werden. Über die Herkunft des toten deutschen Soldaten und des Schwerverletzten machte der Sprecher keine Angaben. Zuerst müssten die Angehörigen informiert werden, sagte er.

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Kabul: Angriff auf Isaf-Truppe

Aus afghanischen Regierungskreisen war zunächst verlautet, zwei Bundeswehrsoldaten seien bei der Explosion einer Autobombe getötet worden. Ein Sprecher teilte mit, die Explosion habe sich im Osten der afghanischen Hauptstadt ereignet. Ein mit Sprengstoff beladener Toyota habe ein Isaf-Fahrzeug mit Bundeswehrsoldaten gerammt. Dabei seien weitere deutsche Soldaten und auch Zivilisten verletzt worden. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums war das gepanzerte Transportfahrzeug der Bundeswehr zur Tatzeit in der Nähe des Uno-Hauptquartiers auf Patrouille unterwegs.

Die Straße, auf der der Anschlag stattfand, führt zum Camp Warehouse, dem wichtigsten Lager der Bundeswehr in Kabul. Auf derselben Straße, der Jalalabad-Road, waren vor knapp zweieinhalb Jahren bei einem Anschlag vier deutsche Soldaten getötet und 29 andere verletzt worden.

Kurz nach dem Anschlag wurde ein weiteres Fahrzeug der Isaf von einer Explosion erschüttert. Der zweite Anschlag ereignete sich nur 500 Meter vom ersten Tatort entfernt. Auch in diesem Fall soll ein Selbstmordattentäter sein mit Sprengstoff beladenes Auto in das Isaf-Fahrzeug gesteuert und zur Explosion gebracht haben. Bei dem zweiten Selbstmordanschlag seien neben dem Attentäter ein Kind und eine Frau getötet worden.

Am zweiten Anschlagort eröffneten britische Isaf-Soldaten und afghanische Polizisten nach der Explosion das Feuer auf ein afghanisches Auto, in dem nach Angaben von Polizei und Augenzeugen auch zwei Kinder saßen. Das Innenministerium teilte mit, einer der drei Insassen sei verletzt und zwei weitere festgenommen worden. Ein Sprecher der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf sagte, es habe sich um "Angreifer" angehandelt. Augenzeugen widersprachen dieser Darstellung.

Die Augenzeugen berichteten, der Wagen habe trotz Aufforderung der Soldaten nicht angehalten. Britische und afghanische Truppen hätten daraufhin mehr als 100 Schüsse auf das Fahrzeug abgegeben, in dem der Fahrer und zwei Kinder gesessen hätten.

Auch für diesen zweiten Selbstmordanschlag seien die Rebellen der Taliban verantwortlich, sagte deren Sprecher Ahmadi in der afghanischen Hauptstadt.

Taliban drohen ausländischen Truppen

Am Samstag hatte die Wahlbehörde die Ergebnisse der Parlamentswahl in Afghanistan bekannt gegeben. Die radikal-islamischen Taliban haben den Aufruf von Präsident Hamid Karzai zurückgewiesen, ihren Widerstand aufzugeben und sich am Friedensprozess zu beteiligen. "Der Dschihad und der Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer und ihre Söldnerregierung sind der einzige Weg", sagte ein Taliban-Sprecher. "Wir haben den Willen zum Kampf und werden in ihm nicht nachlassen."

Karzai hatte die Taliban während einer nationalen Versöhnungskonferenz am Samstag erneut aufgerufen, ihre Waffen niederzulegen und sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Die afghanische Armee wird von nahezu 30.000 Soldaten der US-geführten Truppe und einer von der Nato geführten Schutztruppe unterstützt. Dennoch werden in der Region nahe der Grenze zu Pakistan fast täglich Menschen bei Gewalttaten getötet. In diesem Jahr kamen bisher rund 1100 Menschen bei Anschlägen ums Leben, darunter mehr als 50 Armeeangehörige der USA.

Lafontaine fordert Abzug aus Afghanistan

Der Vorsitzende der Linksparteifraktion, Oskar Lafontaine, hat als Reaktion auf den Anschlag in Kabul den Bundestag aufgefordert, den Afghanistan-Einsatz zu überdenken. "Militäreinsätze sind kein angemessener Beitrag zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus", sagte er in Berlin. Die Spirale militärischer Gewalt vergrößere die Lebensgefahr für deutsche Soldaten in Afghanistan "und, dass terroristische Angriffe demnächst auch auf dem Territorium der Bundesrepublik stattfinden".

Zu einer ganz anderen Beurteilung kam Verteidigungsminister Struck. Der Anschlag sei ein deutlicher Beweis für die nach wie vor unruhige Lage in Afghanistan. "Und er ist ein Zeichen, dass wir die Präsenz der Bundeswehr in Afghanistan brauchen", sagte er. Angaben über die Herkunft des oder der Täter gebe es nicht. Zudem seien die Sicherheitsmaßnahmen für die deutschen Soldaten in dem Land nochmals verstärkt worden. Struck teilte weiter mit, es habe keinerlei Hinweise dafür gegeben, dass ein konkreter Selbstmordanschlag bevorstehe.

Beim Bundeswehreinsatz im Rahmen der internationalen Friedensmission in Afghanistan seit Ende 2001 sind insgesamt 18 deutsche Soldaten bei Angriffen oder Unfällen ums Leben gekommen.



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