Kabul Wenn sich die Schleier lüften

Mit der überstürzten Flucht der Taliban aus der afghanischen Hauptstadt verschwinden mehr und mehr auch die restriktiven Vorschriften, die fünf Jahre lang das Leben der Afghanen bestimmt haben. Vor allem die Frauen erleben neue Freiheiten.


Gesicht zeigen - für diese Frauen in Kabul ein Zeichen des politischen Umbruchs
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Gesicht zeigen - für diese Frauen in Kabul ein Zeichen des politischen Umbruchs

Kabul - Lange mussten die Afghanen die Herrschaft der Taliban erdulden. Die Überwachung des öffentlichen Lebens durch die Religionspolizei - sie gehörte auch für Leijla fünf Jahre lang zum Alltag. Lejla ist 19 Jahre alt und ehrgeizig. Unter der radikal-islamischen Taliban-Regierung durfte die junge Afghanin keine Schule besuchen und keiner Arbeit nachgehen. Vor zwei Jahren begann sie deshalb im Verborgenen mit einem eigenen Geschäft.

Mitten in einem ärmlichen Viertel der Hauptstadt Kabul eröffnete sie einen kleinen Schönheitssalon. Ein kleiner Raum im Haus ihrer Mutter wurde so zum heimlichen Anziehungspunkt für viele Frauen. Freundinnen und Nachbarinnen standen Schlange, um sich Haare, Nägel und Make-up machen zu lassen. "Ich war gelangweilt. Unsere Schule war geschlossen worden, und ich saß den ganzen Tag nur im Haus", erzählt Lejla. "So habe ich beschlossen, mein eigenes Geschäft aufzumachen. Meinen Freunden hat es gefallen, und ich hatte jeden Tag Kunden."

Make-up und lackierte Nägel - aus Sicht der Steinzeit-Islamisten ein Verstoß gegen die von ihnen aufgestellten strengen Tugend- und Religionsvorschriften. Als vor wenigen Wochen Taliban-Milizen bei einer Razzia auch Leijlas Salon entdeckten, beschlagnahmten sie Spiegel, Make-up und einen wertvollen Föhn. Lejlas Familie hatte schreckliche Angst davor, was die Taliban nun mit ihrer Tochter machen würden. Und auch Lejla dachte, ihr Geschäft sei verloren.

Durch die militärischen Erfolge der Anti-Taliban-Front scheint die junge Afghanin noch einmal davon gekommen zu sein. Anfang der Woche verließen die Taliban-Streitkräfte Kabul in einer Nacht- und Nebelaktion. Nun, da die Nordallianz die Stadt kontrolliert, hofft Leijla und ihre Familie auf andere, auf bessere Zeiten. Immerhin hat die oppositionelle Allianz bereits gleiche Rechte für Männer und Frauen in Aussicht gestellt.

Aus der Dunkelheit der Burka heraus

Mit dem Arbeits- und Studienverbot für Frauen soll Schluss sein. Die Allianz hat Ärztinnen, Lehrerinnen und Beamtinnen bereits aufgefordert, an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. "Ich kann nicht glauben, dass sich die Dinge so schnell geändert haben", freut sich Lejla, die ihre langen braunen Haare mit glitzernden Spangen hochgesteckt hat. "Nun können wir entscheiden, was wir wollen."

Auch die Burka, das Gewand zur Verhüllung des ganzen Körpers, muss nicht mehr getragen werden. Einige Frauen in Kabul haben die schwere blaue Burka sofort abgelegt und tragen jetzt Kopftücher, lange Kleider oder Hosenanzüge. Und schon sind Frauen auch wieder allein unterwegs - unter den Taliban durften sie sich nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes auf die Straße wagen.

Die Musik ist da

Fünf Jahre lang war Musik tabu, nun ist sie wieder da. Ein ramponierter Kassettenrekorder spielt afghanische Popmusik, während Lejla und ihre jüngere Schwester Nawila den Salon auf Vordermann bringen. Sie hängen Plakate auf, von indischen Pop-Stars und stark geschminkten Kundinnen. Eine Kundin kommt zur Maniküre vorbei, und sie diskutieren Lejlas Pläne, wieder zur Schule zu gehen. "Ich bin 19, habe aber den Bildungsstand eines Kindes", sagt sie. "Ich habe jedoch dieses Geschäft und weiß, wenn ich studiere, kann ich sogar noch etwas Besseres machen."

Von Rosalind Russell, reuters



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