Kachin-Minderheit in Burma Vertrieben, verkauft, gequält

Zehntausende Menschen sind aus dem Norden Burmas vertrieben worden - sie gehören der Kachin-Minderheit an. Besonders Frauen leiden in dem bewaffneten Konflikt. Sie geraten in die Hände von Menschenhändlern, werden gequält und zur Ehe gezwungen.

DPA

Laiza - Die 17-jährige Seng Pan ist gerade erst von ihrem Höllentrip aus China zurück. Drei Wochen lang habe ein chinesisches Paar sie in einem Raum eingesperrt und versucht, sie als "Ehefrau auf Zeit" an den Meistbietenden zu verkaufen, berichtete die junge Frau der Nachrichtenagentur dpa. "Ich habe die ganze Zeit geweint."

Seng Pan gehört der Volksgruppe der Kachin im Norden Burmas an. Vom Flüchtlingslager Je Yang im grenznahen Bezirk Laiza war sie in die chinesische Stadt Yunnan gereist. Dort könne sie in einem Hotel arbeiten, hatte man ihr gesagt - eine Aussicht, die sich als Falle von Menschenhändlern herausstellte. "Sie sagten mir, dass ich den Mann heiraten müsste, den sie für mich aussuchen. Und dass ich niemals nach Hause zurückkehren würde."

Mit Glück gelang es ihr, die Behörden im Je Yang Camp über ihre Notlage zu informieren. Diese alarmierten die chinesische Polizei, die Behörden befreiten sie. Jetzt ist Seng Pan wieder im Flüchtlingslager.

Seit Juni 2011 gibt es Gefechte zwischen Burmas Militär und der Unabhängigkeitsarmee der Kachin-Minderheit, der KIA. Zuvor herrschten 17 Jahre Waffenruhe - das ist nun vorbei. Zehntausende Einwohner im nördlichen Kachin-Staat wurden vertrieben.

Der Großteil der Flüchtlinge sind Frauen, Kinder und Alte. In Flüchtlingslagern mangelt es an Essen und medizinischer Versorgung, die sanitären Anlagen sind dürftig. Weil viele Lager nahe der chinesischen Grenze liegen, suchen Frauen im Nachbarstaat nach Arbeit, um ihre Familien durchzubringen - eine Situation, die sehr leicht ausgenutzt wird. "Menschenhandel ist im Kachin-Staat üblich, gerade in den Flüchtlingslagern nahe der Grenze", sagt Khon Ja von der Nichtregierungsorganisation Kachin Peace Network.

"Die Frauen arbeiten jenseits der Grenze ohne jeglichen Schutz ihrer Rechte", kritisiert Eliso Chabrava, ein Mitarbeiter des Dänischen Flüchtlingsrats im Kachin-Staat.

Hoffnung auf eine Feuerpause

Viele Kachin-Frauen prostituieren sich. Andere geraten gegen ihren Willen in die Ehe mit einem Chinesen. 200 solcher Fälle seien seit 2011 bekanntgeworden, sagt Zau Raw, Sprecher der Kachin-Flüchtlingshilfe. Er glaubt aber, dass es wesentlich mehr Fälle gebe.

Seit fünf Jahrzehnten kämpfen Rebellengruppen im Kachin-Staat für dessen Autonomie, unterbrochen nur durch die Waffenruhe von 1994 bis 2011. In dieser Zeit musste sich die Region die massenhafte Abholzung der Wälder und Ausbeutung der Jade-Minen durch die Militärregierung und chinesische Unternehmen gefallen lassen. Das brachte die Bevölkerung gegen den Waffenstillstand auf.

Der Konflikt teilt die Region nun in von Rebellen und von der Regierung kontrollierte Gebiete. Die Regierung spricht von rund 43.000 Vertriebenen, die in 106 Lagern unter staatlicher Kontrolle lebten, und mehr als 80.000 Menschen in Camps in KIA-Hand. Ein Rebellensprecher beziffert die Zahl der Flüchtlinge dort sogar mit mehr als 100.000. Nach Artillerieangriffen im Bezirk Bhamo im September seien allein 20.000 neue Flüchtlinge im KIA-Gebiet dazugekommen, sagt Khon Ja.

Doch es gibt Hoffnung auf eine Feuerpause. Anfang des Monats wurden Verhandlungen zwischen den KIA-Rebellen, weiteren ethnischen Gruppen und der Zentralregierung aufgenommen. Dann könnten Tausende Kachin-Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren - auch Seng Pan. Sie sagt: "Wir beten jeden Tag für die Chance, nach Hause zurückzukehren."

Kyaw Ye Lynn/dpa



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