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09. November 2008, 18:00 Uhr

Kämpfe im Kongo

"Die Armee hat uns Angst gemacht"

Von Simone Schlindwein, Rutshuru

Kämpfe, Flüchtlingsströme, Angst vor Seuchen: Die Lage im Ostkongo ist desolat. Die Rebellen haben weite Teile der Provinz Nordkiwu erobert. Die Regierungstruppen haben sie verjagt, in Polizeiuniformen streifen sie durch die Provinzstadt Rutshuru - und drohen Präsident Kabila mit Krieg.

Rutshuru - Es regnet in Strömen, die Vulkanberge an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Uganda sind wolkenverhangen. Die kongolesische Nationalflagge hängt tropfnass an einem morschen Mast. Eine halbfertige Holzbaracke steht neben der verwaisten Zollstation. "Police Nationale" steht in weißen Lettern über dem Eingang. Doch die Ordnungshüter haben den Grenzposten schon vor Monaten aufgegeben.

Ein Kipplader hält im Morast hinter dem Schlagbaum. Schwerbewaffnete Milizionäre springen von der Ladefläche. Ein Mann mit Sonnenbrille und Nike-Mütze steigt aus: "Willkommen in DRC", lacht Diendonné Rukara. Er ist der Rebellenchef des Grenzdorfs Bunagana. Die Abkürzung für das zentralafrikanische Riesenreich - Demokratische Republik Kongo - klingt aus seinem Mund wie Hohn. Die Kämpfe zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen in den Ostprovinzen haben wieder gezeigt: Das Land ist weder demokratisch, noch eine Republik – aber es bleibt der Kongo.

Rund 7000 Kongolesen wanderten in den vergangenen Wochen über diesen Grenzposten hoch oben in den Bergen nach Uganda. Dann versiegte plötzlich der Flüchtlingsstrom. Seit einigen Tagen schleppen hingegen ugandische Frauen ihre Bananenstauden nach Bunagana auf den Markt. "Wir haben die Sicherheit wieder hergestellt", rühmt sich Rukara. Der 35-jährige ehemalige Anwalt zeigt auf die jungen Männer mit Kalaschnikows. Sie durchsuchen die Lehmhütten nach Feinden, die sich angeblich unter der Bevölkerung verstecken. "Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes" (CNDP) nennt sich Laurent Nkundas Rebelleneinheit.

"Die Rebellen haben mehr Disziplin"

Aus Sicht der Bevölkerung ist diese Bezeichnung gar nicht mal so falsch, so scheint es. Die Marktfrauen winken, und der 18-jährige Rigobert, der um Bambusstauden verhandelt, nickt den Rebellen zu. "Die Schule ist nun wieder offen", freut sich der Abiturient.

Nach seinem Abschluss will er studieren. Der alte Mann mit dem Schlapphut neben ihm lächelt. Seleste Mahinda hat schon viele Kriege in seinem Leben erlebt. Die Situation sei jetzt besser, sagt er: "Die Armee hat uns Angst gemacht, die Rebellen haben mehr Disziplin."

Leutnant Manasseh Nkundima ist einer von ihnen. Der 22-Jährige wirft seinen Rucksack auf den Kipplader. Darin sind all seine Habseligkeiten, die er seit fünf Jahren mit sich herumschleppt. Ein Zuhause hat er nicht mehr, seine Eltern sind in die USA ausgewandert. Doch Nkundima blieb im Kongo. "Ich kann doch mein Land nicht so zurücklassen", sagt er. Gekonnt schwingt er sich auf die Ladefläche zwischen Bananenstauden und Panzerfäusten, klammert sich an seinem Granatwerfer fest. Die Schotterpiste von Bunagana in die Provinzstadt Rutshuru haben sie vor wenigen Tagen erst erobert.

Entlang der matschigen Straße scheinen die Menschen ihrem Leben wieder nachzugehen – so gut es in diesem vom Krieg gebeutelten Land irgendwie geht: Kinder mit Blähbäuchen und zerlumpten Fetzen am Leib spielen im Dreck, Frauen pellen Kartoffeln, ein Mann liegt betrunken im Straßengraben. "Bananabier" - Nkundima verdreht die Augen. Viele Kongolesen sehen in Alkohol und Drogen die einzige Zuflucht.

Tausende Flüchtlinge strömen in die Stadt

Doch es gibt auch Leute, die vom Chaos profitieren. Einer davon ist Robert, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Der 50-jährige Bayern-München-Fan grüßt auf dem Weg nach Rutshuru die Rebellenposten am Wegrand mit der Hupe. Er zeigt auf seine Rinderherde vor dem großen Haus hinter Stacheldraht. Drei Jahre war er Kommandant im CNDP, dann fand er seine Geschäfte lukrativer. Was ihm den Geldsegen einbringt, will er nicht verraten. "Geschäfte, die man an der Grenze halt macht", weicht er aus.

In Rutshuru heizt er geradezu den Hügel hinauf. Dort thront die Kolonialvilla der Stadtverwaltung hinter einem frisch gestrichenen Gartenzaun. Davor lungern vermeintliche Polizeieinheiten. In den Baracken haben die Rebellen blaue Uniformen gefunden und übergestreift.

Robert begrüßt den Bürgermeister mit Handschlag. "Auch CNDP", zwinkert er. Nachdem die Rebellen vergangene Woche die Regierungstruppen aus Rutshuru verjagten, setzten sie Jules Simpeze Banga als neue Autorität ein. Der Mann mit dem Bierbauch trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Papa" – so werden im Kongo nur die Stammesführer bezeichnet. Von seinem Hügel aus beobachtet er die Menschenmassen. Tausende Flüchtlinge sind in die Stadt geströmt, neun Kilometer nördlich wird immer noch gekämpft. "Wenn wir alle bewaffneten Personen ausgemacht haben, müssen wir uns um sauberes Wasser kümmern", sagt er und seufzt. Die Cholera sei ausgebrochen.

Banga wirkt nicht wie ein räuberischer Dschungelkämpfer. Er stellt den CNDP als Befreiungsbewegung dar: "Die internationale Gemeinschaft hat Milliarden in unser Land investiert. Aber bei der Bevölkerung im Osten ist nichts angekommen", klagt er. Er beschuldigt die Regierungstruppen, die Kongolesen zu malträtieren. An Präsident Joseph Kabila stellt er klare Forderungen: Der CNDP wolle direkt mit der Regierung verhandeln. "Sonst werden wir den Krieg nach Kinshasa tragen", warnt er.

Gefahr eines neuen Genozids?

Die Hauptstadt liegt über 1500 Kilometer entfernt - doch Kabila hat gute Gründe, diese Drohung ernst zu nehmen. Die Regierung in Kinshasa bezeichnet den CNDP als Marionette der ruandischen Regierung, mehrheitlich Tutsi. Und tatsächlich wirkt der hagere, hochgewachsene Rebellenführer Nkunda wie ein Vetter Paul Kagames, dem Präsidenten Ruandas.

Nkunda wirft der kongolesischen Armee wiederum vor, mit den Hutu-Milizen zu kollaborieren, die für den Völkermord in Ruanda verantwortlich sind. Sie flüchteten in den Kongo, als Kagame mit seiner Befreiungsarmee von Uganda aus das Hutu-Power-Regime stürzte.

Diesen Konflikt als Krieg Hutus gegen Tutsis zu bezeichnen, scheint auf den ersten Blick naheliegend. Die Rebellen werden bezichtigt, ethnische Säuberungen zu betreiben, wenn sie die Häuser nach Feinden durchstöbern. Der britische Premierminister Gordon Brown warnte bereits vor der Gefahr eines erneuten Genozids wie 1994. Banga weist die Vorwürfe zurück: "Immer dasselbe Lied", stöhnt er. Es gehe in diesem Krieg nicht um Hutu oder Tutsi, sagt er. Er selbst sei Hutu und in den Rebelleneinheiten kämpfen Tutsi und Hutu Seite an Seite.

In einem Konflikt wie im Kongo, wo jeder gegen jeden kämpft und sich fast täglich die Gründe ändern, warum Greueltaten nötig sind, wäre eine solche Erklärung auch nur allzu simpel.

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