Zum Inhalt springen

Kämpfe im Libanon Uno warnt vor humanitärer Katastrophe

Leichen in den Straßen, kein Wasser, keine Babynahrung: Nach drei Tagen Kampf sind die Zustände im Flüchtlingslager Naher al-Bared im Libanon alarmierend. Die Uno-Hilfsorganisation UNRWA fordert eine Waffenruhe, um Essen ins Lager zu bringen. Fatah al-Islam droht, die Kämpfe auszuweiten.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die Lastwagen stehen schon bereit. Sie warten ganz in der Nähe, gerade außerhalb der Reichweite der Waffen, und haben Brot geladen, Babynahrung, Trinkwasser und Medikamente. Ein paar Stunden Waffenruhe, darauf warten die Helfer jetzt, sagt Huda Samra vom Uno-Flüchtlingshilfswerk UNRWA in Beirut zu SPIEGEL ONLINE. Dann könnten diese dringend benötigten Dinge in das Flüchtlingslager Naher al-Bared gebracht werden.

Knapp 40.000 palästinensische Flüchtlinge leben in Naher al-Bared, doch seit drei Tagen können sie das Camp nicht verlassen. Denn seit Sonntag sind die Bewohner des Lagers am Stadtrand der nordlibanesischen Stadt Tripoli Geiseln in der heftigen, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung zwischen der libanesischen Armee und der islamistischen Miliz "Fatah al-Islam". Die Miliz hat in dem Camp ihre Basis. Die Armee nimmt deswegen das gesamte Lager unter Feuer, zum Teil mit schwerer Artillerie. Die Regierung gab die Devise aus, die Fatah al-Islam müsse "vernichtet" werden. Die Miliz wiederum bekannte sich zu zwei Anschlägen in der Innenstadt der Hauptstadt Beirut, bei denen am Sonntag und Montag ein Mensch getötet und 20 verletzt wurden.

Die Folgen der Kampfhandlungen in Naher al-Bared für die Zivilisten sind verheerend: Längst gibt es keine Elektrizität und kein Wasser mehr, die Lebensmittel werden knapp, berichtet Samra. Kranke, die auf Medikamente angewiesen sind, können nicht versorgt werden. In den Straßen liegen Leichen. "Die Bewohner können da nicht raus, sie stecken mitten in den Kämpfen fest, obwohl sie nichts damit zu tun haben", klagt die UNRWA-Sprecherin. "Es droht eine humanitäre Katastrophe. Die Situation ist jetzt schon sehr schlimm und sie verschlechtert sich jede Minute."

Vorwürfe an die libanesische Armee

Die UNRWA, von der Uno gegründet, um die palästinensischen Flüchtlinge der verschiedenen Nahost-Kriege zu versorgen, versucht seit Tagen, wenigstens eine kurze Waffenruhe auszuhandeln. Bisher fast ohne Erfolg. Gestern gelang es, für 15 Minuten die Waffen beider Seiten zum Schweigen zu bringen. Das libanesische Rote Kreuz barg in dieser Zeit immerhin 17 Verletzte und 7 Leichen. Nach einem Bericht des libanesischen "Daily Star" konnten sogar 32 Verwundete herausgebracht werden. UNRWA fürchtet jedoch, dass die Zahl der zivilen Opfer weit höher ist.

Vorwürfe an die libanesische Armee, dass die schlecht ausgebildete und ausgerüstete Truppe nicht besonders genau ziele und auch Wohnhäuser unter Beschuss nehme, will Samra nicht kommentieren. Sie sagt aber: "Man muss sich Naher al-Bared als extrem überbevölkert vorstellen, mit schmalen Straßen und noch engeren Gassen. Es ist sehr schwierig, in so einer Umgebung Zivilisten von Kämpfern zu unterscheiden."

Die UNRWA ist bisher nur bruchstückhaft über die Zustände im Inneren des Lagers informiert - ein Zugang ist unmöglich. Als die Kämpfe ausbrachen, befanden sich zwar noch rund 200 UNRWA-Mitarbeiter in dem Camp, darunter Ärzte, Schwestern und Lehrer. Aber nicht einmal die konnten bisher alle lokalisiert worden, und der Handy-Kontakt wird auf das Allernötigste beschränkt: "Weil niemand die Geräte aufladen kann, sparen wir jede Minute Redezeit auf den Batterien." Mittlerweile haben Demonstranten in dem benachbarten Flüchtlingslager Baddawi Hilfe für die Eingeschlossenen von Naher al-Bared gefordert.

Waffenruhe am Nachmittag?

Unklar ist, wie viele Menschen gestorben sind . Die "Fatah al-Islam" erklärte gegenüber dem "Daily Star", auf ihrer Seite habe es bis gestern Nachmittag 17 Tote gegeben. In ähnlicher Größenordnung soll die Opferzahl unter den Soldaten liegen. Agenturen geben die Zahl der Toten insgesamt mit ungefähr 70 oder 80 an - mindestens die Hälfte sind demnach Zivilisten. Augenzeugen aus dem Inneren von Naher al-Bared seien überzeugt, hieß es, dass viele Menschen sterben müssten, wenn sie nicht bald medizinisch versorgt würden. Die "Fatah al-Islam" droht nun damit, die Kampfhandlungen zusätzlich nach außen zu tragen.

Die UNRWA setzt jetzt alle Hoffnungen auf heute Nachmittag: "Wir hoffen auf eine Waffenruhe um 16 Uhr", sagt Huda Samra, deren Organisation auf der einen Seite mit der libanesischen Armee und auf der anderen mit den Repräsentanten der Palästinenser verhandelt. Letztere fungieren als Mittelsmänner zur "Fatah al-Islam". Sollte die Vereinbarung zustande kommen, werden die Lastwagen sofort losfahren. Die Weltgesundheitsorganisation, das Welternährungsprogramm und Unicef haben schon weitere Unterstützung zugesagt.

"Im Moment befinden wir uns in einem extremen Notfall", sagt Huda Samra. "Jede Minute, die die Kämpfe andauern, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Zivilisten sterben müssen."