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Kämpfe in Donezk: Beten und schießen

Foto: ANATOLII STEPANOV/ AFP

Rebellenhochburg Donezk Kampf um jeden Quadratmeter

Das Angebot der Rebellen zur Waffenruhe in Donezk könnte alles andere als ein Einlenken gewesen sein - sondern vielmehr ein mit Russland abgestimmtes Manöver, einen Eingriff Moskaus zur "humanitären Hilfe" vorzubereiten.

Das "dringende Statement" des Premierministers der Volksrepublik erreichte die wenigen in Donezk verbliebenen Korrespondenten am Samstagsnachmittag um 15.17 Uhr Ortszeit. Darin teilte Separatisten-Führer Alexander Sachartschenko mit, Donezk sei seit dem Morgen vollständig von der ukrainischen Armee und der Nationalgarde eingekreist.

"Die Stadt wird sich nun in ein einziges Militärlager verwandeln. Der Kampf wird um jede Straße, jedes Haus, um jeden Quadratmeter unseres Bodens geführt werden", schrieb Major Sachartschenko. Kiew solle sich daran erinnern, wie für die Deutschen Stalingrad endete und dass nur ein paar Jahre später Berlin eingenommen wurde.

Fast schon versteckt fand sich mitten im Text ein Angebot zur Feuereinstellung - "um das Maß der humanitären Katastrophe im Donbass nicht noch weiter wachsen zu lassen". Die Nachrichtenagenturen vermelden seither, die Separatisten böten eine Waffenruhe an. Aber was steckt wirklich hinter dieser Offerte?

Tatsächlich scheint sich die Waage militärisch im Moment zugunsten der Ukrainer zu neigen. Kiews Armee hatte weitere Orte in der Umgebung von Donezk einnehmen können, und das nicht nur laut eigenen Angaben, die mitunter ziemlich übertrieben sind. Auch Igor Strelkow, der "Verteidigungsminister" der Separatistenrepublik, gestand ein, eine der größten Armeegruppierungen der Rebellen sei umzingelt. Kiew sprach von "Panik", die unter den prorussischen Kämpfern ausgebrochen sei.

Mit Russland abgestimmtes Manöver

Dabei hatte der "Blitz" - das hektografierte Nachrichtenblatt der Rebellen, das täglich in den noch geöffneten Geschäften von Donezk ausgelegt wird, - im Namen Sachartschenkos gerade erst Erfolgsmeldungen verbreitet: 150 ukrainische Offiziere seien zu den Rebellen übergelaufen, die Volkswehr habe außerdem 18 Raketenwerfer des Typs "Grad" und zahlreiche Panzer erbeutet.

Der Lärm der letzten Nacht sprach eine andere Sprache. Rund um Donezk war bis gegen 5 Uhr früh am Sonntag Dauerfeuer der Artillerie zu hören - so heftig wie nie in den letzten Tagen. Granaten schlugen auch in der Stadt ein, vor allem in Wohnhäuser in den nördlichen Bezirken, in die Poliklinik des Krankenhauses Nr. 18 und in eine Gasverteilerstation. Busse mit Kämpfern der Volksrepublik fuhren durch die leeren nächtlichen Straßen eilig Richtung Front. Die Ruhe am Sonntagmorgen hielt nur kurz: Am Vormittag begann erneut Artilleriefeuer.

Das Angebot der Rebellen zur Waffenruhe könnte jedoch alles andere als ein Einlenken sein - sondern vielmehr ein mit Russland abgestimmtes Manöver, um den Druck auf die Weltöffentlichkeit zu erhöhen. Denn auffallend ist, dass sich die Sprache in Sachartschenkos Erklärung in vielem mit den letzten Appellen des russischen Außenministers Sergej Lawrow deckt.

Der hatte gestern in einem Telefongespräch mit seinem amerikanischen Kollegen John Kerry zum wiederholten Male eine "humanitäre Mission im Südosten der Ukraine" gefordert - weil die Militäraktionen Kiews zu "immer größeren Opfern unter der Zivilbevölkerung und zur weiteren Zerstörung der Infrastruktur" im Kriegsgebiet führten. Diese Mission solle natürlich unter Beteiligung Russlands stattfinden.

Weder Wasser noch Strom in Luhansk

Genau das wollen die Ukrainer verhindern, sie halten das Angebot für einen Vorwand der Russen, sich auf diese Weise doch noch in der Ostukraine festsetzen und die Rebellenrepubliken retten zu wollen. Angeblich habe Russland bereits in der Nacht zum Samstag den Versuch unternommen, mit einer großen Kolonne von Hilfsgütern in den Osten des Landes einzudringen, unter militärischer Begleitung.

Auch in der gestrigen Rebellenerklärung wird die Lage als dramatisch beschrieben. Für Luhansk, die Hauptstadt der benachbarten Provinz, stimmt das. Dort gibt es seit Längerem nicht einmal mehr Wasser und Strom, die Mobilfunkverbindungen sind abgerissen. Ähnlich sieht es in kleineren Städten aus, etwa in Schachtarsk, das unmittelbar neben der Absturzstelle von MH17 liegt. Dass in Donezk ebenfalls die Lebensmittel zur Neige gingen, wie die Separatisten behaupten, stimmt dagegen nicht. Die Regale der geöffneten Geschäfte sind nach wie vor verblüffend gefüllt.

Anscheinend hat sich deswegen auch bei Amerikanern und Deutschen der Eindruck verfestigt, das Gerede von der "menschlichen Katastrophe" sei ein Schachzug der Russen, die mit einem humanitären Eingreifen die Rebellen retten wollten. Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte sowohl mit US-Präsident Barack Obama als auch mit dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko. Die Warnung, die danach aus dem Kanzleramt kam, war so scharf wie noch nie: "Ein beliebiger Einmarsch, selbst wenn er sich humanitär nennen sollte, ist eine Invasion, und das ist eine rote Linie, die kein Staat überschreiten kann."

Absurde Situation in Donezk

Für Beobachter in Donezk stellt sich die Situation nun als geradezu absurd dar. Alle beteiligten Seiten - Separatisten wie Ukrainer, Russen, Amerikaner und Deutsche - sprechen von der Notwendigkeit, der leidenden Bevölkerung in Donezk und Luhansk zu helfen. Auch Poroschenko räumt inzwischen ein, dass dringend Hilfsgüter nach Luhansk gebracht werden müssten. Aber das dürfe keinesfalls mit Hilfe der Russen geschehen, sondern bestenfalls mit Hilfe der Amerikaner.

In Wirklichkeit geht es aber nicht um die Bevölkerung, sondern darum, der anderen Seite keine strategischen Vorteile zu ermöglichen. Der Begriff von der "humanitären Hilfe" ist zur Nebelkerze geworden. Die Russen hätten das Leiden der Menschen in Donezk und Luhansk seit Langem schon mindern können, sie hätten nur die militärische Hilfe für die Rebellen einstellen müssen. Aber auch Kiew hätte mehr Anteilnahme für die Zivilbevölkerung zeigen müssen.

Möglicherweise werden die nächsten Tage entscheidend für die Schlacht um Donezk werden. Dass in Moskau erheblicher Druck auf Präsident Putin ausgeübt wird, in irgendeiner Form doch noch in die Ostukraine einzumarschieren - das ist unübersehbar.