Kämpfe in Libyen Aus dem Westen nur Appelle

Gaddafis Truppen rücken vor, der Westen hält mit Appellen dagegen. Der Uno-Generalsekretär fordert ein Ende der Kämpfe, Sarkozy streitet für eine Flugverbotszone, die keinem mehr hilft, die USA sorgen sich um vier Reporter. Der Weltsicherheitsrat will am Donnerstag über eine Resolution abstimmen.

Triumphale Soldaten des libyschen Diktators in Adschdabija: "Gaddafi nutzt das Zögern"
REUTERS

Triumphale Soldaten des libyschen Diktators in Adschdabija: "Gaddafi nutzt das Zögern"


Tripolis/New York/Paris - Muammar al-Gaddafi kommt seinem Ziel immer näher, das eigene Volk zu besiegen. Seine Truppen drängen die Aufständischen weiter zurück. Nach eigenen Angaben übernahmen sie am Mittwoch die Kontrolle über die Stadt Adschdabija im Osten und rückten auf die Rebellenhochburg Bengasi vor.

Die libysche Armee hat den Bewohnern der Stadt schon ein Ultimatum gesetzt: Die Einwohner sollten sich ab Mitternacht (Ortszeit) aus Gegenden raushalten, in denen sich Bewaffnete aufhielten und Waffen gelagert seien, meldete am Mittwoch der Fernsehsender Al-Libya. Die Armee sei auf dem Weg, die Stadt im Osten des Landes von "bewaffneten Banden" zu säubern.

Wenn der Westen sich tatsächlich noch auf eine Flugverbotszone einigen sollte, dann wird sie wohl zu spät kommen. Die Bodentruppen des Diktators stoßen inzwischen so schnell vor, dass Sicherheitsexperten einen solchen Einsatz nicht mehr für sinnvoll halten.

Gaddafis Sohn, Seif al-Islam, erklärte bereits, er halte einen Sieg über die Oppositionellen in den kommenden beiden Tagen für möglich. "Sie werden Millionen Menschen sehen, die glücklich über ihre Befreiung sind", sagte er dem britischen Fernsehen. Den Regimegegnern, die er "Verräter" nannte, riet er, mit ihren Familien nach Ägypten auszuwandern: "Wir wollen niemanden töten, wir wollen keine Rache, sie sollen gehen."

Rebellen machen dem Westen schwere Vorwürfe

Auch wenn seine Zuversicht möglicherweise noch etwas früh kommt, haben die Aufständischen der überlegenen Feuerkraft der libyschen Armee nur wenig entgegenzusetzen. Im Osten lagen sie wie in Adschdabija unter Dauerbeschuss der Gaddafi-Artillerie, im Westen bei Sirte ebenfalls. Aber die Aufständischen kämpfen noch. In Misrata gelang es ihnen Augenzeugen zufolge offenbar, eine Offensive regierungstreuer Soldaten zurückzuschlagen. In der belagerten Stadt 210 Kilometer östlich von Tripolis seien nun allerdings Wasser und Strom ausgefallen, berichteten Bewohner.

Dem Westen machen die Rebellen schwere Vorwürfe. "Die Menschen warten ungeduldig auf internationale Schritte", sagte Sadun al-Misrati, ein Sprecher der Aufständischen in Misrata. "Gaddafi nutzt das Zögern der internationalen Gemeinschaft aus. Die Menschen sind sehr wütend, dass nichts gegen Gaddafis Waffenarsenal unternommen wird." Der Westen schaue untätig zu, wie Gaddafis Truppen vorrückten.

Uno-Sicherheitsrat hat Resolutionsentwurf ausgearbeitet

Untätig vielleicht nicht, aber man beschränkt sich vorerst noch auf Appelle und Verhandlungen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zu einem unverzüglichen Ende der Kampfhandlungen auf. Es gebe "Hinweise", dass ein Angriff auf Bengasi bevorstehe, die Hochburg der Opposition gegen Gaddafi. "Die Bombardierung eines so dicht bewohnten Zentrums gefährdet eine hohe Zahl von Zivilisten", sagte der Koreaner.

Der Uno-Sicherheitsrat hat am Mittwoch in einer siebenstündigen Sitzung einen Resolutionsentwurf ausgearbeitet, der eine Flugverbotszone vorsieht. Der Entwurf habe mehrere Standpunkte berücksichtigt, sagte ein Uno-Botschafter. "Aber das heißt nicht, dass er in Stein gemeißelt ist." Dem Botschafter zufolge können die 15 Sicherheitsratsmitglieder den Text noch verändern. Abgestimmt werden soll am Donnerstag.

Frust macht sich breit. Der französische Außenminister Alain Juppé machte die westlichen Zauderer für die jüngsten Geländegewinne der Gaddafi-Truppen mitverantwortlich. Hätte das Ausland bereits vergangene Woche die Flughäfen in Libyen bombardiert, hätte sich das Los der Rebellen vielleicht nicht gedreht, sagte Juppé am Dienstag dem Radiosender Europe 1.

Deutschland beispielsweise lehnt ein militärisches Eingreifen nach wie vor kategorisch ab. Auch wenn es ein entsprechendes Uno-Mandat gebe, "bedeutet das immer noch nicht, dass Deutschland sich daran beteiligt", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel der "Saarbrücker Zeitung". Außenminister Guido Westerwelle (FDP) kündigte im Bundestag immerhin an, dass sich Deutschland im Sicherheitsrat für umfassendere Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegen Libyen stark machen werde.

Rotes Kreuz zieht sich aus Bengasi zurück

Sanktionen greifen - aber nur langsam. Die unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung ist so kaum zu stoppen. Auch Helfer aus dem Westen müssen sich zurückziehen, es wird einfach zu riskant, die Arbeit in den umkämpften Städten fortzusetzen. Das Internationale Rote Kreuz kündigte am Mittwoch an, man werde seinen Standort in Bengasi aufgeben und weiter nach Osten verlagern, nach Tobruk. Vor Ort habe nun der libysche Rote Halbmond die Versorgung von Verletzen und Bedürftigen übernommen. Das Rote Kreuz richtete einen letzten Appell an die Konfliktparteien, sie sollten Zivilisten und medizinisches Personal verschonen - und verließ die Stadt.

Vier Reporter der "New York Times" vermisst

In echter Gefahr sind möglicherweise auch vier Journalisten der "New York Times", von denen es seit Dienstagmorgen kein Lebenszeichen mehr gegeben hat, wie die Zeitung am Mittwoch erklärte. Die Zeitung habe Informationen aus zweiter Hand, nach denen die vier in der Hafenstadt Adschdabija von den libyschen Behörden festgenommen worden seien. Das sei aber vorerst nicht bestätigt.

Die US-Regierung sei über den Fall informiert, sagte Regierungssprecher Jay Carney. Das Weiße Haus rufe die Regierungen in der Region auf, Journalisten nicht bei ihrer Arbeit zu beeinträchtigen.

"Wir haben mit den libyschen Behörden gesprochen und die haben uns zugesagt, dass sie den Aufenthaltsort der vier erkunden wollten", sagte "Times"-Chef Bill Keller. Die vier Gesuchten sind zwei Fotografen und die Reporter Anthony Shadid und Stephen Farrell. Shadid, Beiruter Büroleiter der "Times", wurde schon zweimal mit dem Pulitzer-Preis, dem wichtigsten Journalistenpreis, geehrt.

Farrell wurde schon zweimal entführt. Im Irak kam er 2004 nach acht Stunden wieder frei. Fünf Jahre später wurde der Brite in Afghanistan an den Wracks der Tanklastzüge verschleppt, die auf Anforderung eines Bundeswehroffiziers bombardiert worden waren. Der heute 46-Jährige wurde vier Tage später von einem britischen Sonderkommando befreit; sein Dolmetscher und ein Soldat starben dabei.

Auch im Fall der vier Journalisten bleibt dem Westen an diesem Tag nicht mehr als der Appell, die Reporter zu verschonen, ihnen zu helfen. Mehr ist aus der Ferne nicht zu machen.

oka/AFP/dpa/Reuters

insgesamt 22 Beiträge
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artusdanielhoerfeld 16.03.2011
1. Widerlich...
Angesichts der Sachlage schäme ich mich ein Deutscher zu sein. Tun wir Alles, um so etwas in Zukunft zu verhindern: http://www.jetztabschalten.de/
Karzan 16.03.2011
2. kommentar
Zitat von sysopGaddafis Truppen rücken vor, der Westen setzt weiterhin mit Appellen dagegen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert die Einstellung der Kämpfe, Frankreichs Sarkozy streitet weiter für eine Flugverbotszone, die keinem mehr hilft - und die USA sorgen sich um vier verschollene Reporter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751397,00.html
Libyen ist nicht Ägypten oder Tunsien. Das Land besteht aus verschiedenen ethnische Gruppen und Stämme. Deshalb komme es darauf an, ob die sogenannten Anti-Gaddafi-Truppen eine alternative für das Gaddafi-Regime darstellen! Anschliessend soll öl weiter fließen und ein Land mit einem bekannten Diktator gegenüber der Unsicherheit eines demokratischen Wahlprozesses risikoreich ist. Man hat es im IRAN, IRAK, Libanon und Gaza gesehen...
Ishibashi 16.03.2011
3. Sanktionen
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) kündigte im Bundestag immerhin an, dass sich Deutschland im Sicherheitsrat für umfassendere Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegen Libyen stark machen werde. Einfach nur lächerlich! China wird begeistert sein wenn es künftig Öl zum Vorzugspreis aus Lybien beziehen kann falls der Westen tatsächlich so blöd ist und die Sanktionen durchzieht. Wenn Sanktionen jemanden treffen, dann immer nur die ärmsten.
Transmitter, 16.03.2011
4. Unglaubwürdig und verlogen
Zitat von sysopGaddafis Truppen rücken vor, der Westen setzt weiterhin mit Appellen dagegen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert die Einstellung der Kämpfe, Frankreichs Sarkozy streitet weiter für eine Flugverbotszone, die keinem mehr hilft - und die USA sorgen sich um vier verschollene Reporter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751397,00.html
Seit die NATO inklusive dem - damals rot-grün regierten Deutschland - Serbien militärisch angegriffen und die Kosovo-Besetzung gewaltsam durchgesetzt hat, ist dieser verlogene Westen absolut unglaubwürdig in den Augen aller aufrechten Revolutionäre. Dieser korrupte, verluderte Haufen längst bankrotter Scheindemokratien wird den Libyschen Aufständischen nicht helfen. Garantiert nicht. EU, UN und Deutschland werden stattdessen Herrn Gadaffi schnellstmöglich wieder in den A. . . . kriechen, sobald er die letzten Freiheitskämpfer und ihre Familien umgebracht hat und erneut den grossen Affenkönig mimt. Ekelhaft! Zum Kotzen!
gemamundi 16.03.2011
5.
Zitat von sysopGaddafis Truppen rücken vor, der Westen setzt weiterhin mit Appellen dagegen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon fordert die Einstellung der Kämpfe, Frankreichs Sarkozy streitet weiter für eine Flugverbotszone, die keinem mehr hilft - und die USA sorgen sich um vier verschollene Reporter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751397,00.html
Sollte sich bewahrheiten,was sich abzuzeichnen droht - dann wird die Mehrheit des Volkes noch mehr als bislang unter dem Regime des Despoten und seiner nicht minder grundbösen und menschenverachtenden Familie zu leiden haben - und "wir", die wir (aktuell) lebenssicher im sog. Westen leben,haben nur unter den üblichen Lügen einer von der Atomindustrie abhängigen Regierung zu 'leiden'-, wir - werden voll des schlechten Gewissens sein,das wir unsere Regierungen nicht deutlich zum Handeln aufgefordert haben... Trauern werden wir - und klagen - wenn es denn viel sein wird .... Und das Volk unter Gaddafi...?
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