Kämpfe in Libyen Turnschuh-Truppe auf der Flucht

Nach den Luftangriffen der Allianz kämpften sich die Rebellen in Libyen schnell nach Westen vor. Nun wurde die chaotisch agierende Guerilla-Truppe von den Gaddafi-Einheiten weit vor Sirte zurückgeschlagen, der Vormarsch ist erst mal gestoppt. An der Front macht sich Frust breit.

REUTERS

Aus Ben Dschawad berichtet


Abdul Karim Najjir sieht aus wie ein echter Guerilla-Kämpfer, und er gefällt sich in der Rolle. Um den Bauch hängen schwere Patronengürtel, darunter eine zerrissene Tarnuniform. Seine Augen versteckt er hinter einer dunklen Ray-Ban-Sonnenbrille. Najjir kommt gerade zurück von der Front, berichtet er. Rund zwei Kilometer vor Ben Dschawad, dem westlichsten Nest, das die Rebellen bei ihrem Marsch in Richtung Westlibyen unter ihre Kontrolle gebracht haben, hockt er auf einem Toyota-Geländewagen. Um ihn lungern auf der Ladefläche mehrere Kampfgenossen. Nur wenige tragen schwere Waffen. Für Fotos von Reportern aber will keiner den martialischen Posen des Chefs nachstehen. Also wird Najjirs Kalaschnikow brav herumgereicht.

Ihr Anführer erzählt derweil vom Kampf gegen die Gaddafi-Truppen. Es sind keine Heldengeschichten. Gestern Nacht waren er und mehrere andere Jeep-Besatzungen kurz hinter Ben Dschawad in eine simple Falle getappt. "Wir haben mehrere Panzer von Gaddafi gesehen, sie haben weiße Fahnen geschwenkt, als ob sie sich ergeben wollten", berichtet er.

Doch kaum waren die Rebellen den Panzern auf einige hundert Meter entgegengefahren, eröffneten Heckenschützen das Feuer auf die Aufständischen. Mehrere von Najjirs Männern wurden verletzt. Nur mit Mühe gelang die Flucht zurück nach Ben Dschawad, der kleinen Ortschaft, die nur aus einigen kleinen sandfarbenen Häusern und einer Tankstelle besteht. "Wir waren dumm", gibt Najjir zu.

Hektischer Rückzug nach Osten

Während Najjir weiter erzählt, es ist gegen zwölf Uhr mittags, hat hinter ihm der hektische Rückzug der Rebellen zurück in Richtung Osten begonnen. Mehrere Jeeps waren zuvor von einem vorgelagerten Checkpoint weiter westlich gekommen. Die Männer riefen, Gaddafis Einheiten rückten vor. Innerhalb von Sekunden brach Panik aus.

Nun rasen Hunderte Jeeps über die Küstenstraße zurück nach Osten, dazwischen Privatautos mit Fronttouristen. Im Chaos behindern sich die Wagen, rammen sich gegenseitig, immer wieder stockt der Verkehr komplett. Aus der Ferne sind Panzerschüsse zu hören. Wie weit die weg sind, vermag niemand abzuschätzen. Najjir sagt nur, es sei nicht mehr sicher hier, man solle sich lieber etwas zurückziehen.

Rund zwei Kilometer weiter in Richtung Osten stoppt der Konvoi. Alle schauen zurück nach Ben Dschawad. Dort schlagen Granaten ein, Rauchpilze steigen aus der Ortschaft auf. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist der Vormarsch der Rebellen, der durch die Luftschläge des Westens in den vergangenen Tagen rasant an Tempo aufgenommen hatte, vorerst gestoppt. Nur einige wenige todesmutige Rebellen feuern weiter Raketen in Richtung der Stellungen. Jeder Schuss wird von lauten "Alluah Akhbar"-Rufen begleitet, die meisten der Rebellen stehen mit ihren Smartphones auf den Ladeflächen und filmen den Moment.

Die Szenen an der vordersten Front im Machtkampf in Libyen sind symbolisch: Trotz der Luftschläge, mit denen die Koalition der Willigen den Rebellen einige Tage lang den Weg nach Westen freigeschossen haben, ist die zusammengewürfelte Truppe aus Freiwilligen, die in Turbo-Lehrgängen geschult wurden, und ehemaligen Armeesoldaten kaum in der Lage, den Kampf gegen Gaddafis Armee aufzunehmen. Die Rebellen mögen durch die Intervention der Kampfjets so weit gekommen sein, wie sie zu Beginn der Krise schon einmal waren. Nun aber stehen sie einer strategisch geschulten und erfahrenen Armee gegenüber, die sich rund um Gaddafis Geburtsstadt Sirte fest eingegraben hat.

Chaos bei den Rebellen erschwert den Kampf

Sirte, dessen Befreiung die Rebellen am Montag schon frenetisch gefeiert haben, liegt nun wieder in weiter Ferne. Wenn die Berichte der Frontkämpfer stimmen, haben die Gaddafi-Truppen fast hundert Kilometer vor der Stadt mit Panzern und Artillerie eine massive Sperre aufgebaut, die bisher nicht von den Kampfjets angegriffen worden ist. "Wir brauchen weitere Luftschläge, sonst kommen wir nicht voran", sagt auch Najjir. Er will wissen, was es eigentlich bedeutet, dass die Nato nun das Kommando über die militärische Operation aus der Luft übernimmt. Auch von der Libyen-Konferenz in London hat er gehört, von den Zweifeln der Türkischen Regierung. Verschwunden ist die Selbstsicherheit, mit der die Rebellen eben noch aufgetreten sind.

Najjir und seine Männer springen von ihrem Pick-up. Einige von ihnen machen sich zum Mittagsgebet bereit, waschen sich die Füße und knien sich in den Wüstensand. Andere eilen zu den Lieferwagen, die in Plastikbeuteln Verpflegung für die Rebellen aus Bengasi herangeschafft haben. Der Chef bleibt auf der Ladefläche sitzen und gibt weiter Interviews. Der Rückzug sei nur ein Manöver, sagt er mit fester Stimme. "Wir kämpfen hier bis zum Tod, werden unser Gebiet nicht aufgeben." Doch warum stemmen sie sich dann jetzt nicht gegen die Gaddafi-Einheiten, warum sichern die Rebellen nicht die Anhöhen rund um die Straße? "Erstmal müssen wir frühstücken", sagt Najjir, "essen müssen wir doch alle." Bei dem Satz muss auch er lachen.

Die Rebellen haben zwar Tausende Männer mobilisiert, aber die Lage vor Ben Dschawad offenbart, wie sehr eine zentralen Führung fehlt. Es gibt weder einen Kommandeur aller Einheiten noch eine stringente Kommunikation unter den Kleingruppen. "Jeder Jeep hier agiert allein, rückt entweder an die Front vor oder zieht sich zurück", erzählt Wadi Ahmad. Der 21-Jährige war früher Soldat unter Gaddafi, als einer der wenigen hier trägt er eine ordentliche Uniform am Leib und hat ausreichend Munition dabei. Vier Wochen schon kämpft er auf der Seite der Rebellen, an vorderster Front hat er die erfolgreichen Operationen in Adschdabija oder Ras Lanuf miterlebt.

Wadi ist ein stolzer junger Mann und redet doch sehr offen über die Schwächen der eigenen Truppen. "Wir agieren ohne jede Kontrolle, jeder macht hier, was er will", sagt er enttäuscht, "so werden wir den Soldaten von Gaddafi nicht viel entgegensetzen können." Er selbst traut sich nicht, als Führer aufzutreten oder wenigstens einige Einheiten der Rebellen zu koordinieren, da viele ihm, dem Ex-Soldaten Gaddafis, nicht trauen.

"Mir bleibt nichts anderes übrig, als weiter mein Bestes zu geben", sagt er, "doch ohne einen Führer werden wir den Kampf gegen Gaddafi nicht gewinnen können."

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Seite 1
outdoor 29.03.2011
1. ....
Zitat von sysopNach den Luftangriffen der Allianz kämpften sich die Rebellen in Libyen schnell nach Westen vor. Nun wurde die chaotisch agierende Guerilla-Truppe von den Gaddafi-Einheiten bei Sirte zurückgeschlagen, der Vormarsch ist erstmal gestoppt. An der Front macht sich Frust breit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753890,00.html
Das kommt davon wenn sich irgendwelche Jugendlichen von den Bessermenschen einreden lassen, das jeder Revolution spielen kann wenn er nur eine Flugverbotszone bekommt. Aber Hauptsache Revolution spielen sich bejubeln lassen und dann für die Bessermenschen verrecken.
tauschspiegel 29.03.2011
2. war klar abzusehen
Zitat von sysopNach den Luftangriffen der Allianz kämpften sich die Rebellen in Libyen schnell nach Westen vor. Nun wurde die chaotisch agierende Guerilla-Truppe von den Gaddafi-Einheiten bei Sirte zurückgeschlagen, der Vormarsch ist erstmal gestoppt. An der Front macht sich Frust breit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,753890,00.html
*** aufgrund dieser faktenlage und entwicklung sollte mam endlich davon absehen, die entscheidung der bunbdesregierung sich im sicherheitsrat zu enthalten und in diesen konflikt nicht militärisch einzugreifen, als fehler oder gar schande zu bezeichnen - denn es zeichnet sich nun genau das ab, was schon vor wochen offensichtlich war: der bevölkerung wird durch diese aktion nicht geholfen, es muss eher damit gerechnet werden, dass auf die lybische bevölkerung nun jahrelanger bürgerkrieg/stammeskrieg zukommt, mit all den furchtbaren folgen für das land. man braucht auch nicht stets darauf hinzuweisen, dass mit dem einsatz ein massaker verhindert wurde, denn wir alle können sehen, dass sich die rebellen zurückziehen - dasselbe wäre auch in benghazi geschehen. ein massaker hätte es sicherlich nicht gegeben. das war durchsichtige kriegspropaganda um den schnellen angriffskrieg irgendwie zu rechtfertigen.
Stancer81 29.03.2011
3. ...
Und nun haben die Rebellen die internationale Gemeinschaft offiziell um Waffenlieferungen gebeten ! Ich hoffe der Westen hat genug Verstand dem nicht nachzukommen, ansonsten ist man auf dem besten Weg einen Bürgerkrieg zu finanzieren. Flugverbotszone, ok. Mehr aber auch nicht. Gadaffi und Rebellen sind in einer Patt Situation, keine Seite will nachgeben aber reden wollen sie auch nicht miteinander. Das die Informationen, die von Gadaffis Regime kommen fragwürdig sind ist klar, aber die Medien in Deutschland verbreiten scheinbar nur all zu gerne Informationen die von den Rebellen stammen und da bin ich genau so skeptisch, was den Wahrheitsgehalt betrifft. 2 Beispiele : Als die Flugverbotszone beschlossen wurde, ging stunden später ein Video durch die Medien, wo es hiess "Libyscher Jet über Bengasi abgeschossen". Die Rebellen haben behauptet, Gadaffi missachte die Zone. Einen Tag später kommt raus, das dieser Jet den Rebellen gehörte und diese ihn absichtlich haben abstürzen lassen, damit es eben so aussieht, als wenn das Regime tatsächlich noch Flugzeuge in der Luft hat. Und gestern haben sie behauptet, sie hätten Sirte eingenommen und heute sieht man Bilder, die eindeutig zeigen, das die Stadt fest in der Hand der Gadaffi Truppen ist. Ich finde unsere Medien verbreiten die Infos der Rebellen zu leichtgläubig was ich sehr kritisiere. Auch hört man Rebellen immer wieder behaupten, das Regime schiesse auf Zivilisten. Ich bin zwar absolut überzeugt, das es das tut aber wenn man sich so die Rebellen anschaut könnte man meinen es handelt sich um Zivilisten, hätten sie nicht die Waffen dabei. Zivile Kleidung und zivile Fahrzeuge. Gemäß Genfer Konvention gelten sie zwar als Kombattanten, aber nur, wenn sie ihre Waffen offen und klar sichtbar tragen und in einem Gefecht bezweifel ich das sich jeder daran hält. Für eine reguläre Truppe ist es eigentlich unmöglich in einem Gefecht Zivilisten von Kombattanten zu unterscheiden. Man muss ja nur nach Afghanistan schauen. Der Bauer, der auf dem Feld steht, eröffnet im nächsten Moment das Feuer auf eine Truppe und 10sek später kommt er unbewaffnet hinter einer Scheune zum Vorschein. Auf 100m entfernung lässt sich da schwer sagen ob das die gleiche Person ist. ist ja auch egal. Ich will damit sagen, das auch die Rebellen nicht gerade unschuldig sind und die Waffenlieferungen hoffentlich ausbleiben. Wenn das passiert halte ich es für möglich, das man dann bald ein Westlibyen und ein Ostlibyen hat. Denn wenn es bei der Flugverbotszone bleibt, wird keine Seite einen Sieg erringen !
leasingnehmer 29.03.2011
4. Welche Bessermenschen meinen Sie?
Zitat von outdoorDas kommt davon wenn sich irgendwelche Jugendlichen von den Bessermenschen einreden lassen, das jeder Revolution spielen kann wenn er nur eine Flugverbotszone bekommt. Aber Hauptsache Revolution spielen sich bejubeln lassen und dann für die Bessermenschen verrecken.
Verstehe Sie nicht ganz. Welche "Bessermenschen" meinen Sie? Die, die für die Flugverbotszone waren und nun ihr Luftwaffenarsenal ausprobieren? Oder die, die als Realpolitiker lieber Gaddafi gewähren lassen würden und sich aus diesen schmutzigen Dingen heraus halten? Taj, mein Lieber, hierzulande sind Sie wohl von "Bessermenschen" umzingelt- aber seien Sie froh- Ihr Gaddafi ist nun wirklich keiner. Der ist Realist- mit gut 150 t Gold und ein paar tausend Söldnern.
Rabies 29.03.2011
5. das wird so nix.
das rumgebombe der Allierten macht aus den Straßen Kids noch keine Armee. Die müssen zusehn das man eine verlässliche Position von Ghaddafi bekommt und dann den Typen geziehlt ausschalten.
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