Kämpfe um Homs Assads treueste Schlächter

Die Rebellen in der syrischen Rebellenhochburg Homs sind auf dem Rückzug, sie weichen unter anderem der Vierten Division von Präsident Baschar al-Assad. Die Eliteeinheit ist berüchtigt für ihre Brutalität und dem Despoten treu ergeben. Kommandeur ist Assads jüngster Bruder.

Fotografierender Mahir al-Assad: Symbolfigur für die Menschenverachtung des Regimes
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Fotografierender Mahir al-Assad: Symbolfigur für die Menschenverachtung des Regimes

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Hamburg/Damaskus - Bab Amr, die Hochburg der Opposition in der Stadt Homs, ist offenbar in den Händen des Regimes von Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Viele Kämpfer der Freien Syrischen Armee sollen sich "aus taktischen Gründen" bereits aus dem Stadtteil zurückgezogen haben. Damit wollen die Assad-Gegner laut eigener Aussage das Leben der etwa 4000 Zivilisten schützen, die noch immer in dem Viertel ausharren, das Syriens Armee seit Wochen mit schwerer Artillerie beschießt. Das Stadtviertel sei inzwischen unter vollständiger Kontrolle der Armee, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Sicherheitskreise in Damaskus.

Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond haben nach Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters vom syrischen Regime inzwischen grünes Licht für die Lieferung dringend benötigter Nahrungsmittel und Medikamente erhalten. Außerdem habe Damaskus "positive Signale" für einen humanitären Waffenstillstand in dem umkämpften Viertel gesendet.

Zuvor hatten die Kämpfer über 26 Tage erbitterten Widerstand gegen die Einheiten von Präsident Baschar al-Assad geleistet. Vor allem in den vergangenen Tagen war die Situation eskaliert, heftige Kämpfe hatten auf beiden Seiten hohe Verluste gefordert.

In vorderster Front in Homs steht dabei die berüchtigte Vierte Division der syrischen Armee, die von Mahir al-Assad befehligt wird, dem jüngeren Bruder des Präsidenten. Diese Einheit gehört zur Elite im Militärapparat des Regimes. Sie gilt als der am besten trainierte und ausgerüstete Truppenteil und setzt sich hauptsächlich aus Mitgliedern der alawitischen Minderheit zusammen, der auch die Assad-Familie und die wichtigsten Figuren der Führungselite Syriens angehören.

Nach Schätzungen hat die Vierte Division etwa 10.000 Soldaten unter Waffen. Sie ist unter anderem mit russischen T-72-Panzern, Boden-Luft-Raketen und Kampfhubschraubern ausgerüstet.

Bei der Niederschlagung des seit fast einem Jahr andauernden Aufstands gegen das syrische Regime spielt die Vierte Division eine Schlüsselrolle. Besonders in den Orten Daraa im Süden des Landes und der Region um Idlib im Norden wüteten Mahir al-Assads Truppen in den vergangenen Monaten. Deserteure berichten, dass der Präsidentenbruder von Anfang an befohlen habe, ohne Rücksicht auf friedliche Demonstranten zu schießen. Seine Soldaten hätten den Auftrag, so viele Regimegegner wie möglich zu töten.

Der Schutz des Regimes ist Sache der Präsidentenbrüder

Die Geschichte der Vierten Division ist blutig: Ihre Ursprünge reichen zurück bis in die Anfänge des Assad-Regimes. Nachdem Hafis al-Assad, der Vater des heutigen Staatschefs Baschar, 1970 erfolgreich geputscht hatte, sollten die sogenannten Verteidigungsbrigaden die Macht des neuen Herrschers sichern. Rifaat al-Assad, Hafis' jüngerer Bruder, befehligte diese Einheiten, die als Vorläufer der Vierten Division gelten und im Umkreis der Hauptstadt Damaskus stationiert wurden. Ihre wichtigste Aufgabe war es, Putschversuche illoyaler Militärs zu verhindern und Aufstände gegen das Regime niederzuschlagen.

Mehrfach setzten die Assads ihre Brigaden brutal gegen Oppositionelle ein. Nach einem gescheiterten Attentatsversuch auf Hafis al-Assad im Sommer 1980 stürmten die Einheiten das Gefängnis für politische Häftlinge in der Wüstenstadt Palmyra. Dabei sollen sie mehr als tausend Gefängnisinsassen getötet haben. Im gleichen Jahr gingen die Brigaden brutal gegen islamistische Oppositionelle in Aleppo vor. Nach Angaben der Muslimbrüder sollen dabei Tausende ihrer Anhänger massakriert worden sein.

Doch diese Verbrechen wurden schon bald darauf von dem Massaker in den Schatten gestellt, das die Truppen unter dem Befehl von Rifaat al-Assad in Hama verübten. 1982 machte die syrische Armee weite Teile der Stadt dem Erdboden gleich, als sie einen Aufstand der islamistischen Muslimbrüder niederschlug. Mehrere zehntausend Menschen wurden dabei getötet.

Damit wuchs gleichzeitig die Abhängigkeit des Diktators Hafis al-Assad von seinem Bruder und den von ihm befehligten Eliteeinheiten. Als der Staatschef 1983 wegen schwerer Herzprobleme sein Amt zeitweise nicht ausüben konnte, witterte Rifaat seine Chance und zettelte eine Palastrevolte an. Seine Verteidigungsbrigaden übernahmen zeitweise die Kontrolle über Teile der Hauptstadt und lieferten sich Gefechte mit rivalisierenden Armee-Einheiten, die treu zum Präsidenten standen. Doch nach einem Jahr konnte Hafis den Machtkampf für sich entscheiden. Sein Bruder wurde aller Ämter enthoben und zum Gang ins Exil gezwungen.

Mahir al-Assad machte Handy-Fotos von seinen Opfern

Das bedeutete zugleich das Ende für die Verteidigungsbrigaden. Ihre Führung wurde zunächst mit Generälen besetzt, die sich loyal an die Seite des Diktators gestellt hatten. Später organisierte das Regime die Einheiten neu und gliederte sie in die syrische Armee ein, wo sie seither das Rückgrat der Vierten Division bilden. Gemeinsam mit den Republikanischen Garden, die direkt dem Präsidenten unterstehen, ist diese Division die wichtigste militärische Stütze des Regimes.

Wie schon sein Vater vertraut Baschar al-Assad die Führung der Elitetruppen seinem jüngeren Bruder an. Nachdem er sich im Jahr 2000 zum Nachfolger des verstorbenen Diktators wählen ließ, ernannte Baschar den zwei Jahre jüngeren Mahir al-Assad zum Kommandeur der Republikanischen Garden und der Vierten Division. Acht Jahre später bewies er seine rücksichtslose Brutalität, als er seine Truppen eine Gefängnisrevolte in der Stadt Sednaja niederschlagen ließ. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie Mahir al-Assad mit seinem Handy Fotos von den verstümmelten Leichen der Opfer macht.

Das Bild des zufriedenen Diktatorenbruders, der massakrierte Oppositionelle fotografiert, während er eine Hand lässig in die Hosentasche gesteckt hat, ist seither zu einem Symbol für die Menschenverachtung des Regimes geworden. Die Botschaft ist klar: Jeder Syrer, der Mahir al-Assads Schergen in Bab Amr oder anderswo in die Hände fällt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.



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VirgoA 01.03.2012
1. Wie empörend...
Ist sehr einseitig die Berichterstattung, nicht nur hier beim Spiegel. Ob der Bruder vom Präsidenten ein Soziopath ist oder nicht, die Behauptung Eliteeinheit gegen Zivilisten ist etwas pauschal. Die Rebellen bestehen sowohl aus Islamisten als auch aus bewaffneten Bürgen, es sind wohl keine Alawiten darunter, das eint sie. Wenn Assad stürzt, was machen eigenlich die Alawiten dann? All jene, die nach einem bewaffneten Eingreifen geifern, sollten auch das anschließende Massaker bedenken. Aber eigentlich geht es ja gegen Syrien als Irans Stellvertreter am Mittelmeer, ob das Regime Menschen tötet oder eine Demokratie ist, das hilft nur bei der Medienkampagne, macht aber sonst keinen Unterschied, siehe Ägypten mit Mubarak, Saudi-Arabien mit den islamistischen Scheichs oder ganz frisch Katar mit seiner Al Jazeera Medienmacht.
Thomas-Melber-Stuttgart 01.03.2012
2. Also ...
Wenn seit Wochen dieses eine Stadtviertel (Ausdehnung vielleicht 2 km²) durch schwere Artillerie beschossen wird ist dort kein Stein mehr auf dem anderen. Das müßte Satelliten- und Drohnenaufklärung abbilden. Vielleicht können die USA ja ihre Aufklärungsergebnisse vorlegen?
lordgrosskotz 01.03.2012
3. Musterbeispiel
Zitat von sysopYoutubeDie Rebellen in der syrischen Rebellenhochburg Homs sind auf dem Rückzug, sie weichen unter anderem der berüchtigten Vierten Division von Präsident Baschar al-Assad. Die Eliteeinheit ist berüchtigt für ihre Brutalität und dem Despoten treu ergeben. Kommandant ist Assads jüngster Bruder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818658,00.html
Wie aus dem Lehrbuch für Kriegspropaganda. Eine klare militärische Niederlage der Rebellen wird uns als moralischer Sieg (Rückzug zum "Schutz der Zivilisten") verkauft. Gleichzeitig wird nicht versäumt nocheinmal die Boshaftigkeit der anderen Seite herauszustellen ("Assads treueste Schlächter"). Ich frage mich aber folgendes: Es hat doch immer von Rebellenseite aus geheißen, man greife zu den Waffen um die Zivilisten vor Assads Soldaten zu schützen; aber nun lässt man die verbliebenen Zivilisten in Baba Amro allein und liefert sie (nach eigener Logik) damit Assads "treuesten Schlächtern" quasi aus, nur um den eigenen Hintern zu retten?
fprester 01.03.2012
4. Berichterstattung über Syrin mit Vorsicht zu geniessen
Zitat von sysopYoutubeDie Rebellen in der syrischen Rebellenhochburg Homs sind auf dem Rückzug, sie weichen unter anderem der berüchtigten Vierten Division von Präsident Baschar al-Assad. Die Eliteeinheit ist berüchtigt für ihre Brutalität und dem Despoten treu ergeben. Kommandant ist Assads jüngster Bruder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818658,00.html
Ich habe kürzlich drei Berichte zu den Verhältnissen in Syrien zu Gesicht bekommen. Ein Bericht stammte von einem ehemaligen CDU-Abgeordneten, der kürzlich längere Zeit vor Ort war. In allen drei Berichten kommt eine wesentlich andere Darstellung zum Vorschein, als es die gleichgeschalteten westlichen Medien abgeben. Es wird vor allem übereinstimmend gesagt, dass der Aufstand offensichtlich vom Ausland gesteuert wird und dass viele Greuelgeschichten in der geschilderten Form nicht stattgefunden hätten. Ich weiss auch nicht, was ich glauben soll. Meine Erfahrung sagt mir aber, dass die westlichen Medien und ihre Informanten schon bei diversen früheren Aufständen sehr einseitige und vermutlich gesteuerte Berichterstattungen geliefert haben. Es ist ja seit der Münchner Sicherheitskonferenz 2004 bekannt, dass die USA eine geographische Neuordnung der Ländergrenzen im arabischen Raum anstreben. Entsprechende Karten wurden publiziert. Ob alle diese Aufstände, angefangen bei Tunesien über Lybien und Aegypten, wirklich voneinander unabhängig sind oder eben doch einem Masterplan folgen, sei mal in den Raum gestellt.
mori1982 01.03.2012
5. Trommelfeuer auf den Geist
Zitat von sysopYoutubeDie Rebellen in der syrischen Rebellenhochburg Homs sind auf dem Rückzug, sie weichen unter anderem der berüchtigten Vierten Division von Präsident Baschar al-Assad. Die Eliteeinheit ist berüchtigt für ihre Brutalität und dem Despoten treu ergeben. Kommandant ist Assads jüngster Bruder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818658,00.html
Ich sehe auf den Foto einen Mann, der mit einem Handy rumspielt, vielleicht ne sms schreibt, liest, Nummer sucht, etc und 4 Soldaten. Ich fasse den Text kurz zusammen: "Regime, Regime, Militärapperat, Regime, Regime, wüteten, ohne Rücksicht, schießen, Regimegegner, töten, blutig, Assad-Regime, geputscht, Macht, Herrscher, Putschversuche illoyaler Militärs, Aufstände gegen das Regime niederzuschlagen, brutal, Attentatsversuch, stürmten, getötet, brutal, masakriert, Verbrechen, Massaker, Stadt dem Erdboden gleich, Aufstand, niederschlugen, getötet, Palastrevolte, rivalisierend, Diktator, Regime, Regime, Diktator, rücksichtslose Brutalität, niederschlagen, verstümmelte Leichen der Opfer, Diktatorenbruders, massakrierte Oppositionelle, Menschenverachtung, Regime, Schergen, schlimmsten rechnen. Ich habe die Botschaft verstanden, frei nach Thukydides! Was ich mir wünschen würde, wären freie, unparteiische Medien in Deutschland, die auch mal ohne jegliche eigene Wertung über ein Ereignis berichten können. Das einzige was bleibt ist wie bei unseren "demokratischen" Wahlen, nicht wählen gehen ist auch keine Option, deswegen muss man das lessen, was da ist und jeden Text mit eigener geisteskraft nacharbeiten, das man Probleme halbwegs von zwei Seiten betrachten kann. Wünschenswert wären möglichst viele Seiten beschrieben zu bekommen, aber das ist eben Wunschdenken...
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