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Terror in Kairo Anschlag auf das Herz der Kopten in Ägypten

Beim massivsten Anschlag auf Christen in Ägypten seit Jahren sind mindestens 25 Menschen getötet worden. Das Attentat rührt an der Legitimation von Staatschef Sisi.

Der Priester war kurz davor, den Gottesdienst zu beenden, als eine Explosion die Kapelle Sankt Peter und Paul in Kairo erschütterte. Der Sprengsatz tötete mindestens 25 Menschen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Zum Ablauf des Attentats gibt es unterschiedliche Angaben: Ägyptens staatliche Nachrichtenagentur Mena meldet, ein Unbekannter habe die Bombe durch ein Kirchenfenster in das voll besetzte Gebäude geworfen. Augenzeugen berichten hingegen, der Sprengsatz sei in der Kirche versteckt gewesen. Eine andere Zeugin behauptet, eine Selbstmordattentäterin habe den Sprengsatz an ihrem Körper versteckt und während des Gebets im für Frauen bestimmten Teil der Kapelle gezündet. Bislang hat sich noch niemand zu dem Attentat bekannt.

Klar ist: Es ist einer der verheerendsten Anschläge gegen die christliche Minderheit in Ägypten seit Jahren. Am Neujahrstag 2011 hatte eine Bombe in der Qidissine-Kirche in Alexandria 23 Menschen in den Tod gerissen.

Wütende Demonstranten beschimpfen den Innenminister

Der Anschlag am Sonntag traf das Herz der Kopten in Ägypten. Die Kapelle befindet sich direkt neben der Markuskathedrale, dem größten und wichtigsten Kirchenbau für die Kopten und Amtssitz des koptischen Papstes. Trotz der Bedeutung des Ortes und der Bedrohung durch islamistische Terroristen waren die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Kapelle offenbar sehr lax.

Entsprechend groß ist die Wut der Kairoer Kopten auf den Staat und seine Institutionen. Wenige Stunden nach dem Anschlag demonstrierten Hunderte Christen vor der Kapelle. Dabei riefen sie einen Slogan, der auf ägyptischen Straßen lange nicht mehr zu hören war: "Das Volk will den Sturz des Regimes" - Das war die Losung der Demonstranten auf dem Tahrirplatz, die vor knapp sechs Jahren den Rücktritt des Langzeitherrschers Husni Mubarak erzwangen.

Als Innenminister Magdy Abdel Ghaffar den Anschlagsort am Sonntagnachmittag besuchte, musste er einen Sturm von Beschimpfungen und Rücktrittsforderungen über sich ergehen lassen. Demonstranten hinderten ihn daran, das Kirchengebäude zu betreten. Erst nach Stunden gelang es Sicherheitskräften, die Kundgebung aufzulösen.

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Anschlag in Kairo: Attentat in der Kirche

Foto: KHALED DESOUKI/ AFP

Das Attentat rührt an der Legitimation des autokratisch regierenden Staatschefs Abdel Fattah el-Sisi. Der rechtfertigt die Unterdrückung von Oppositionellen, Medien und Bürgerrechtlern damit, dass nur seine harte Hand die Sicherheit in Ägypten aufrechterhalten könne. Der frühere Armeechef präsentiert sich ausdrücklich als Schutzpatron der Christen, die rund zehn Prozent der mehr als 90 Millionen Ägypter stellen. Der koptische Papst Tawadros II. stellte sich demonstrativ hinter Sisi, als dieser 2013 den gewählten islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi mit einem Putsch beseitigte. In den Wochen nach Morsis Sturz brannten Islamisten landesweit Kirchen und Geschäfte von Christen nieder. Gewalt gegen Kopten gehört besonders in kleineren Städten und Dörfern Oberägyptens auch heute zum Alltag.

Sisi ruft Staatstrauer aus

Der Anschlag auf die Kirche ist das zweite Bombenattentat im Zentrum Kairos binnen 48 Stunden. Am Freitag wurden bei einem Anschlag in der Hauptstadt sechs Polizisten getötet. Zu dem Angriff bekannte sich die militante "Hasm"-Bewegung. Die Gruppe hat in den vergangenen Monaten mehrfach Vertreter von Justiz und Polizei angegriffen und beschreibt ihre Attacken als Vergeltung für die willkürlichen Verhaftungen und Verurteilungen von Oppositionellen. Die Regierung bezeichnet "Hasm" als den bewaffneten Arm der verbotenen Muslimbruderschaft.

Nach dem Anschlag auf die Kirche rief Sisi eine dreitägige Staatstrauer aus. Die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Propheten Mohammed sollen nur in eingeschränkter Form stattfinden. "Der Terror richtet sich gegen die Kopten und Muslime in unserem Land. Ägypten wird aus dieser Situation geeinter und stärker hervorgehen", ließ der Präsident mitteilen.

Doch Zweifel daran sind angebracht. Dreieinhalb Jahre nach seinem Putsch wird immer offensichtlicher, dass Sisi seine beiden größten Versprechen, Sicherheit und Wohlstand, nicht erfüllen kann. Ägypten ächzt unter einer Wirtschaftskrise, wegen der Gefahr durch islamistische Terroristen auf der Sinai-Halbinsel kommen immer weniger Urlauber ins Land.

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat auf dem Sinai auch mehrfach Kopten getötet. Erst vor einem Monat behaupteten die Dschihadisten, sie hätten zwei Priester enthauptet. Zum Anschlag auf die Kapelle in Kairo hat sich die Terrormiliz bislang nicht geäußert.


Zusammengefasst: Bei einem Bombenanschlag auf eine Kapelle in Kairo sind mindestens 25 Menschen getötet worden. Es ist der folgenschwerste Angriff auf Christen in Ägypten seit Jahren. Das Attentat schwächt Staatschef Sisi. Der Autokrat rechtfertigt seine Politik der harten Hand mit dem Versprechen von Wohlstand und Sicherheit für alle Bürger. Doch dieses Bild bekommt Risse.

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