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06. März 2007, 18:34 Uhr

Kakerlaken und Mäuse

US-Armee entschuldigt sich für schäbiges Hospital

Erst Schimmel, Kakerlaken, Mäuse - und nun Entlassungen, Entschuldigungen, Versprechen: Im Skandal um die mangelhafte Versorgung verwundeter Soldaten in einem renommierten US-Militärkrankenhaus haben sich die Streitkräfte bei den Betroffenen entschuldigt.

Washington - "Ich übernehme die Verantwortung und werde für rasche Besserung sorgen", sagte der für das Gesundheitssystem der US-Armee zuständige General Kevin Kiley vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses. Der kürzlich entlassene General George Weighman räumte vor dem Ausschuss ein, er habe die prekären Zustände in dem unter seinem Kommando stehenden Armeekrankenhaus in Washington unterschätzt. Der für Veteranen zuständige US-Minister James Nicholson bezeichnete die Zustände als "inakzeptabel" und kündigte die Einstellung von 100 Helfern zur Betreuung verwundeter Soldaten an.

Walter Reed Army Medical Center: Schimmel und Moder in einem Gebäude für Langzeit-Patienten
REUTERS

Walter Reed Army Medical Center: Schimmel und Moder in einem Gebäude für Langzeit-Patienten

In einer emotionalen Anhörung hatten zuvor ehemalige Patienten und ihre Angehörigen vor den Abgeordneten über ihre Erfahrungen in dem in die Kritik geratenen Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Washington berichtet. "Mein Leben liegt in Trümmern, seit mein Mann verwundet war", sagte unter Tränen Annette McLeod, deren Mann Dell im Irak schwere Hirnverletzungen erlitten hat. "Dass wir dann auch noch dieses Chaos im Walter-Reed-Krankenhaus durchleben mussten, war das Schlimmste, was ich in meinem Leben erlebt habe." McLeod berichtete von schlechter Betreuung, bürokratischen Hürden und organisatorischen Mängeln.

"Vernachlässigung, mangelnde Fürsprache und Frustration"

Ähnlich äußerte sich der ehemalige Patient Dan Shannon, der sich im Irak schwere Kopf- und Hirnverletzungen zugezogen hatte. "Ich fühlte mich total verloren." Bereits fünf Tage nach seiner Einweisung sei er aus dem Krankenhaus entlassen worden und sollte sich ohne fremde Hilfe in eine Rehabilitierungseinrichtung begeben - wozu er alleine aber nicht in der Lage gewesen sei. "Es war eine Geschichte der Vernachlässigung, der mangelnden Fürsprache und der Frustration über die Militärbürokratie", so Shannon.

Der Skandal war vor gut zwei Wochen ins Rollen gekommen nachdem die "Washington Post" in einer viel beachteten Artikelserie über die miserable Unterbringung im Walter-Reed-Militärhospital berichtet hatte. Demnach wurden verwundete US-Soldaten in Zimmern mit Schimmel befallenen Wänden und löchrigen Decken untergebracht; die Räume seien mit Ungeziefer wie Nagetieren und Kakerlaken befallen. Zudem mussten die entlassenen Soldaten der Zeitung zufolge hohe bürokratische Hürden für die ihnen zustehenden Hilfen zu nehmen.

Angesichts der öffentlichen Empörung zog die Armee personelle Konsequenzen: Der Militärkrankenhaus-Chef Generalmajor George Weightman wurde entlassen. Auch der US-Heeresminister Francis Harvey wurde gefeuert.

Bush fordert 86 Milliarden Dollar für bessere Versorgung

Präsident George W. Bush schaltete sich am Wochenende in die Diskussion ein und kündigte eine Aufstockung der Mittel für die Versorgung verwundeter Soldaten an. Er will den US-Kongress um die Freigabe von 86 Milliarden Dollar (65 Milliarden Euro) zur Versorgung von US-Veteranen bitten. Das wäre der höchste Versorgungsetat für Veteranen in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Zudem ordnete Bush an, eine Untersuchungskommission einzurichten. Die neunköpfige Gruppe soll Wege zur Verbesserung der medizinischen Behandlung von im Irak und in Afghanistan verletzten US-Soldaten erarbeiten, ließ der Präsident heute über seine Sprecherin Dana Perino mitteilen. Die Kommission soll von dem ehemaligen republikanischen Senator Bob Dole und der ehemaligen demokratischen Gesundheitsministerin Donna Shalala geleitet werden sowie bis zum 30. Juni einen Bericht vorlegen.

Gleichzeitig soll sich eine spezielle Einsatzgruppe um die Erarbeitung von Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Situation der Soldaten kümmern. Die Führung der Einsatzgruppe soll der Minister für Kriegsveteranen, Jim Nicholson, übernehmen. Am Donnerstag will Bush sich mit Vertretern beider neu eingerichteter Gruppen zu ersten Beratungen treffen.

fba/AFP

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