Kalter Krieg gegen Kuba Havannas Einsamkeit

Weil George W. Bush auf Stimmen von Exilkubanern in Florida hofft, wurde jetzt die amerikanische Boykottpolitik gegen Havanna noch einmal verschärft. Doch die Maßnahmen treffen nicht Castro, sondern die kleinen Leute. Um den Commandante wird es derweil immer einsamer.

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Verfallene Häuser in Havana: "Die Todgeweihten grüßen Dich"
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Verfallene Häuser in Havana: "Die Todgeweihten grüßen Dich"

Der Comandante hinkte ein wenig und stützte sich gelegentlich auf die Schulter eines Begleiters. Sein Antlitz ist gezeichnet von Altersflecken, seine Stimme brüchig und der grüne Kampfanzug ein paar Nummern zu groß für seine hagere Greisenstatur. Doch in rhetorischer Hinsicht gab Fidel Castro, 77, so kriegerisch wie zu seinen besten Zeiten.

US-Präsident George W. Bush wolle eine "Welt-Tyrannei" errichten, sein nächster Coup sei eine militärische Invasion in Kuba, tönte er an der Spitze eines gigantischen Demonstrationszugs auf Havannas Seepromenade Malecón am vergangenen Freitag. "Ich habe das Vergnügen mich zu verabschieden wie die römischen Gladiatoren im Zirkus: Salve Caesar, die Todgeweihten grüßen Dich!", rief er in die Menge, bevor er in seinen gepanzerten Mercedes stieg.

Mit der staatlich organisierten "größten Demonstration aller Zeiten" - angeblich waren fast zwei Millionen Menschen auf den Beinen - protestierte das Regime gegen die jüngsten von Bush verhängten Verschärfungen des Handelsembargos gegen die Karibikinsel. Anfang des Monats hatte US-Außenminister Colin Powell dem amerikanischen Präsidenten ein 500 Seiten starkes Dokument vorgelegt, das als Fahrplan für den Sturz Castros dienen soll.

Chronik eines angekündigten Zusammenbruchs

Mit einem 45-Millionen-Dollar-Fond will die US-Regierung den "demokratischen Übergang" auf der Insel beschleunigen. Das Geld soll größtenteils in den Ausbau der Sendeanlagen des anti-castristischen Propagandasenders Radio Martí in Florida investiert werden. Die Kubaner haben den Empfang auf der Insel mit Störsendern unterbrochen. Zugleich versucht Bush, den Devisenzufluss nach Kuba zu drosseln. Exilkubaner in den USA dürfen ihre Familien zukünftig nur alle drei Jahre besuchen, bislang konnten sie einmal im Jahr mit ihren Dollarbündeln nach Havanna reisen. Auch die Liste der US-Institutionen auf der Insel, die Dollars empfangen dürfen, ließ Bush zusammenstreichen.

Für die Verschärfung des kalten Kriegs gegen die Kubaner gibt es eine einfache Erklärung: In den USA herrscht Wahlkampf, und Florida mit seiner großen Gemeinde von Exilkubanern ist ein Schlüsselstaat im Kampf um die Macht im Weißen Haus. Die Exilkubaner hatten Bush, der ideologisch auf ihrer Seite ist, in den vergangenen Monaten kritisiert, nicht scharf genug gegen das sozialistische Regime auf der Insel vorzugehen.

Noch ein paar Jahre Einsamkeit

Experten bezweifeln allerdings, dass die neuen Maßnahmen Castros Fall effektiv beschleunigen könnten: Die Einschränkung der Reisegenehmigungen sei "lächerlich", schrieb der ehemalige stellvertretende US-Außenminister William Rogers im "Miami Herald". Sie würden das Leiden der Kubaner nur verschlimmern, aber Castros Herrschaft nicht unterhöhlen. Die historische Erfahrung zeige, dass Verschärfungen des Embargos nur zu einer weiteren Verhärtung des Regimes führen.

Noch nie war es so einsam um den Altdiktator: Mit den Europäern überwarf er sich im vergangenen Jahr nach einer Verhaftungswelle gegen Dissidenten, jetzt haben auch die Mexikaner die diplomatischen Beziehungen abgebrochen.

Venezuelas Präsident Chavez, Castro: Der letzte Freunde des Commandante
REUTERS

Venezuelas Präsident Chavez, Castro: Der letzte Freunde des Commandante

Das ist ein schwerer Schlag für Castro: Mexiko war jahrzehntelang eine Art neutrales Bindeglied zum Kontinent, selbst der konservative Präsident Vicente Fox war bislang vor dem Abbruch der Beziehungen zurückgescheut. Castros unflätige Wutausbrüche und Beschimpfungen gegen seinen mexikanischen Amtskollegen und das Gerangel um die Auslieferung eines mexikanischen Geschäftsmanns hatten die Geduld des mexikanischen Präsidenten jedoch überstrapaziert. Nur Venezuelas Hugo Chávez hält dem Comandante noch unbedingte Treue.

Dennoch kann US-Präsident Bush bei keinem lateinamerikanischen Staatschef auf Unterstützung für die neuen Sanktionen rechnen. Mexikos Präsident Fox hat sie als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" Kubas verurteilt, in Südamerika ist die Ablehnung einhellig. Beobachter fürchten, dass sie die leichte wirtschaftliche Erholung auf der Insel zunichte macht: Castro hatte vor einigen Jahren die "Parallelwirtschaft" auf Dollar-Basis legalisiert.

Der Comandante hat niemand, der ihm schreibt

Als Folge ist die soziale Kluft zwischen Dollarbesitzern und gewöhnlichen Kubanern zwar gewachsen, doch der Devisenzufluss hat unübersehbar zu einem bescheidenen Aufschwung geführt. Jetzt fürchten die Kubaner eine neue "Spezialperiode" wie Anfang der neunziger Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als so ziemlich alles auf der Insel knapp war. Als erste Reaktion auf die US-Maßnahmen ließ Castro den privaten Dollarhandel verbieten.

 Diktator Fidel Castro: "lächerliche" Einschränkungen
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Diktator Fidel Castro: "lächerliche" Einschränkungen

In Havanna herrscht Endzeitstimmung: Der körperliche Verfall des greisen Herrschers im Revolutionspalast ist unübersehbar, aber niemand wagt eine Voraussage, wie lange er noch ausharren kann. Der ehemalige mexikanische Botschafter Ricardo Pascoe, ein langjähriger Kuba-Kenner, beschreibt in einem neuen Buch einen Machtkampf zwischen der jungen Garde um Wirtschaftsminister Carlos Lage, der angeblich von Castro als Nachfolger favorisiert wird, und der harten Riege um Fidels älteren Bruder Raúl, den Verteidigungsminister.

Doch das Regime ist so verschlossen wie eh und je, bislang hat Castro jeden jungen Aufstreber, der ihm zu keck erschien, in die Schranken verwiesen. Seine jüngste Kriegsrhetorik läßt kaum einen Zweifel, dass er es vorzieht, sein Lebenswerk mit in den Untergang zu reißen.



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